Kalifornien Urlaub in Silicon Valley

"Warum wollen Sie denn ins Silicon Valley?" - "Ich will dort Urlaub machen." Den US-Grenzbeamten befriedigt diese Antwort nicht. "Niemand will ins Silicon Valley, sind Sie dort beruflich tätig? Nein? Warum wollen sie dann dort hin?" - "Ja eben, weil niemand dort hin will."

Wenn man das kalifornische Hightech-Tal, das etwa eine Autostunde von San Francisco entfernt liegt, bei der Einreise als Urlaubsziel angibt, sollte man sich schon vorher auf ein unangenehmes Verhör am Flughafen einstellen. Verbessern würde es die Lage wahrscheinlich auch nicht gerade, wenn man dem Beamten fröhlich von seinem Vorhaben erzählte, man wolle auf dem Google-Gelände eine kleine Fahrrad-Spritztour unternehmen oder auf einem Weingut über Cupertino mit Blick auf das Apple-Firmengebäude picknicken.

Einst dominierten blühende Pfirsich- und Aprikosenplantagen und Orchideen das Land zwischen den kalifornischen Bergketten Santa Cruz Mountains im Süden und Diablo Range im Nordosten. Inzwischen überwuchert die IT-Industrie das fruchtbare Santa-Clara-Tal - Betonwüsten aus Bürogebäuden, gesichtslose Einkaufszentren und eine Vielzahl Highwaybrücken sorgen bei der Anfahrt für einen kleinen Schock - bei der Reise durch den monotonen Vorstadt-Brei wünscht man sich, die Transportertechnik aus "Star Trek" sei schon erfunden, und man könne sich augenblicklich ins durchschnittlich 15 Grad kältere San Francisco mit seinen Nebelbänken über der Golden Gate Bridge beamen. Wen einzig die Hightech-Welt des Silicon Valleys fasziniert, der wird sich hingegen freuen über die Vielzahl an Aufschriften auf den vorbeiziehenden Hochhäusern. Dort das Intel-Hochhaus mit Museum, fast nebenan der braun-schwarz geringelte McAffee-Turm, das weiße Yahoo-Gebäude, sie alle stehen beinahe Tür an Tür in Santa Clara.

Santa Clara ist nur eine der mehr als 15 Städte im Valley, die auf etwa 40 Kilometer Länge und 16 Kilometer Breite fast nahtlos ineinander übergehen. Dabei ist das Silicon Valley keine geographisch begrenzte Region auf der Landkarte, sondern eher ein symbolischer Begriff, den der Technik-Journalist Don C. Hoefler für die Halbleiter-geprägte Industrie 1971 einführte, und der heute Teile der Verwaltungsbezirke Santa Clara County und San Mateo County umschließt. Bis heute gibt es aber immer wieder Streitigkeiten darüber, welche Stadt nun zum elitären Zirkel gehört, schließlich beschert der "Valley-Stempel" noch mehr Wohlstand, lockt Start-ups und Investoren an. Die Zugehörigkeit von Städten wie Redwood City oder Menlo Park ist umstritten, die von San José, der mit mehr als einer Million Einwohnern selbsternannten Hauptstadt im Valley, oder Palo Alto, Standort der elitären Stanford-Universität, sind es nicht.

Auf dem Kinderfahrrad über das Google-Anwesen

Aber auch wohlhabende Wohnorte am Rande der Santa-Cruz-Berge wie Saratoga, Los Gatos oder Los Altos Hills gehören dazu, sowie natürlich Mountain View, bekannt als Hauptsitz von Google - die erste Destination unseres Valley-Urlaubs. An einem sonnigen Samstagmorgen ist nicht viel los im Hauptquartier des Internetsuchmaschinen-Imperiums. Rote, blaue und gelbe Sonnenschirme flattern auf einigen der Beton-Terrassen einsam im Wind, Mütter schieben ihre Kinderwagen in Richtung des angrenzenden Charleston Parks, auf dem "Google Drive" und der vierspurigen Charleston Road herrscht soviel Verkehr wie auf den Straßen einer Kleinstadt.

Die Parkplatzflächen sind leergefegt - an einem Wochenendtag verbringen die selbsternannten "Googler" ihre Freizeit außerhalb des "Campus", dem über 371.000 Quadratmeter großen Hauptquartier mit flachen, solarzellenbestückten Gebäuden aus Stahl, Glas und Beton mit akkurat gepflegtem Rasen. Auch die Google-Bikes stehen oder liegen unbenutzt an jeder Ecke, in Firmenfarben lackierte Mini-Fahrräder, auf denen ein Fünfjähriger ohne Probleme Boden gewönne. Sie sind nicht mit Schlössern gesichert, fast eine Aufforderung zur Testfahrt.

"Verhaftet wird man mit Sicherheit nicht, wenn man auf dem Gelände Fahrrad fährt", sagt Fredrik Keerberg, seit einem Jahr Head of Global Search Marketing bei Google. Über die leergefegten Parkplätze radelnd kann man sich erst einmal die Angst wegtreten, geschnappt zu werden, fröhlich und farbig wird die Szenerie jedoch erst dann, wenn man in einen der Innenhöfe kommt. Vier junge Männer spielen in Shorts auf einem Sandplatz Beachvolleyball, ein paar Meter weiter erhebt sich die Nachbildung eines Riesen-Saurier-Skeletts, in einem kleinen Schrebergarten wachsen neben Gewürzen wie Minze auch Erdbeeren. Normalerweise dienen die Fahrräder natürlich einem anderen Zweck als einem touristischen Sightseeing: Die Googler kommen damit von Meeting zu Meeting. Sehr praktisch und auch angenehm, meint Keerberg, um zwischendrin etwas frische Luft zu schnuppern.

Am Wochenende fährt Keerberg lieber in die Berge. Der gebürtige Schwede, Jahrgang 1971, hat sieben Jahre für Google in Hamburg gearbeitet und ist vor einem Jahr mit seiner Familie ins Silicon Valley nach Palo Alto gezogen, um im "Mutterschiff" zu arbeiten. Seine Freizeit verbringt er gerne mit einem selbst zusammengestellten Picknickkorb und einem gutem Chardonnay auf dem Weingut "Ridge" weit oben auf den Bergen über der Stadt Cupertino: "Dort hat man mit Abstand den besten Ausblick über das gesamte Valley." Oder im Wochenendbiker-Treff "Alice's Restaurant" in den Santa-Cruz-Bergen. Empfehlen kann er auch einen Ausflug in den schönen Küstenort Half Moon Bay, etwa eine halbe Stunde vom Valley enfernt.

Rückwärts durch die Elite-Uni

Uns führt der Urlaub jedoch weiter am Tal entlang, dorthin, wo die Gründer von Google, Yahoo oder HP studiert haben - zur Keimzelle des Silicon Valleys, der Stanford-Universität. Das Imposanteste an der altehrwürdigen Hochschule in der hübschen kleinen Stadt Palo Alto, die erst nach der Universität entstand, ist wohl die Anfahrt: Eine rund eine Meile lange und von Palmen gesäumte Zufahrtsstraße eröffnet den ersten Blick auf die pfirsichgelben Hauptgebäude der Universität. Viele Besucher ziehen - ganz amerikanisch - eine Kurzbesichtigung mit dem Auto einem längeren Rundgang vor und fahren bis kurz vor das Eingangsportal der Universität und schießen aus dem heruntergekurbelten Fenster ein paar Fotos. Entweder von der 1903 eingeweihten konfessionslosen Memorial Church oder von den Frisbee spielenden Studenten auf der ovalen Rasenfläche ("The Oval"). Dabei bietet die Universität eine höchst unterhaltsame Führung über den Campus an - allerdings zu Fuß.

"Auf der ganzen Rasenfläche hier gibt es Wlan", sagt die Studentin Christiane Thiry. "Das ist gut, ich bin nicht so der Typ, der gerne mit dem Laptop in der Bibliothek sitzt". Die 20-Jährige läuft die ganze Zeit während ihrer einstündigen Stanford-Führung rückwärts vor der Touristengruppe her - und diese ist dementsprechend mehr damit beschäftigt, ihren Guide mit Zurufen vor eventuellen Hindernissen im Rücken zu warnen, als den Erzählungen über Historie und Campusleben in Stanford zuzuhören. Zehn Minuten später kreuzt eine andere Rückwartslaufende mit einer Besucherschar hinter sich unseren Weg, das Rückwärtsgehen hat hier wohl Tradition.

"Wussten Sie, dass die Universität die größte Sammlung von Rodin-Kunstwerken außerhalb von Frankreich besitzt?", sagt Thyry. Die Studentin, die vor einer Rückenverletzung eine sehr aktive Basketball-Spielerin und Surferin war, erzählt in einer Stunde so viel über Stanford, dass man im Anschluss ein Fachbuch über die Universität schreiben könnte. Unter anderem erfahren die Zuhörer, dass die Hochschule immer noch "The Farm" genannt wird, weil auf dem einst landwirtschaftlich genutzten Gelände früher mehr Pferde als Studenten auf der Straße zu sehen waren. Und dass der einstige Dekan Frederick Terman, der heute als Vater des Silicon Valley gilt, den Industrie- und Forschungspark auf dem Campus ins Leben gerufen hat und auch derjenige war, der die ehemaligen Studenten Hewlett und Packard persönlich vom Umzug aus ihrer legendären Bastel-Garage auf das Unigelände überzeugte. Oder dass Disneyland mittlerweile 27-Mal auf den Campus passen würde. Außerdem erzählt sie studentische Anekdoten, beispielsweise vom "Circle of Death", einer Fahrradschleife, an der am meisten Unfälle passieren.

Eine Kopie des "Silicon Valley" östlich von Moskau

Der vollbärtige Alex Bochannek wäre vielleicht auch ein Opfer des "Circle of Death" geworden. Er wollte schon im Alter von 16 Jahren in Standford studieren, dann wurde es doch "nur" die TU Berlin. "Wenn ich heute über den Campus laufe, bin ich ein bisschen neidisch, das gebe ich offen zu". Dabei hat der gebürtige Berliner den Sprung ins Valley geschafft, wenn auch erst nach seiner Studienzeit. Über zwei Jahrzehnte später ist er nach langjähriger Arbeit beim Konzern Cisco Kurator des "Computer History Museums" in Mountain View.

Vom Namen des Museums sollte man sich nicht in die Irre führen lassen, die aktuelle Ausstellung "Revolution - The First 2000 Years of Computing" ist alles andere als trocken und langweilig, selbst für Technik-Dummies sind die edel gestalteten neunzehn Galerien mit historischen Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden, erklärendem Filmmaterial und über 1100 akribisch weltweit zusammengesuchten Ausstellungsobjekten einen Besuch wert.

Vom antiken Abakus bis zum Smartphone findet man hier alles. "Es geht in der Ausstellung nicht um die Geschichte des Personal Computers, sondern um die des Rechnens im Allgemeinen", sagt Bochannek. Neben der deutschen Enigma-Dechiffriermaschine aus dem Zweiten Weltkrieg, der Ikone der Supercomputer namens "Cray" aus den 1970er Jahren, dem ersten Videospiel von Atari namens "Pong" oder den frühen tragbaren Rechnern mit dem Gewicht einer Nähmaschine finden sich in der Ausstellung auch Objekte, die man erst einmal gar nicht mit "PC" assoziiert. Zum Beispiel einen Mercedes-Benz 450SEL, den die Firma Bosch erstmals mit vollelektronischen ABS-Bremsen ausstattete, oder eine ganz einfache Teekanne.

"Das ist der legendäre Utah Tea Pot", erzählt Bochannek. "Eines der ältesten Modelle der Computergrafik. Martin Newell hat die Kanne vermessen, um 3-D-Modelle zu gestalten. Er war auf der Suche nach komplexeren Objekten als einem Würfel." Noch heute taucht sie als Gimmick in computeranimierten Spielfilmen wie "Toy Story" oder "Monster AG" auf.

Für Bochannek ist mit dem Job im Valley ein Traum in Erfüllung gegangen. Woanders möchte er eigentlich nicht sein. "Gerade wird versucht eine Kopie des "Silicon Valley" in Russland östlich von Moskau aufzuziehen. Aber wer will denn dort wohnen?" In Kalifornien geht schließlich nicht nur alles ein wenig lockerer zu, sondern auch das Wetter ist um Klassen besser als in der russischen Metropole. Und am Wochenende kann man schnell mal in die Berge zum Skifahren, in einer halben Stunde Autofahrt an den Strand oder eben mal auf ein Abendessen nach San Francisco.

Aber weg, wer will denn immer weg? Blickt man von den Bergen über der Stadt Saratoga ein letztes Mal übers Santa-Clara-Tal, dann gewinnt man den Eindruck, dass man es hier ganz aushalten kann - im Silicon Valley. Zumindest für einen Urlaub.

 

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Autor:
Bettina Hensel