Kalifornien Stille Tage in Bolinas

Nicht alle Straßen führen nach Bolinas. Eigentlich nur eine, und wenn es nach den knapp 900 Bewohnern dieses kleinen, unbeugsamen Asterix-Dorfes ginge, sogar gar keine. Seit mehr als 30 Jahren schrauben sie unbeirrt jedes neu angebrachte Straßenschild wieder ab. Irgendwann haben die Behörden aufgegeben: die T-Gabelung am berühmten Küsten-Highway 1, kurz hinter Stinson Beach, ist schilderlos.

Morgens um zehn scheppern schon die "Greatful Dead" aus Smiley's Saloon, einem der ältesten Kaliforniens, established in 1851. Das Coast Café gegenüber hat noch geschlossen, aber am Stand wird Espresso ausgeschenkt. Die mehrfach gepiercte Kellnerin erzählt, dass es heute schon Zoff gab, einer der ins Straßenbild integrierten Obdachlosen wollte nicht glauben, dass der Tankwart kein Gras verkauft.

Zwei ältere Künstler in Arbeiterstiefeln (oder Arbeiter mit Künstlerschals) treten aus dem Smiley's, um eine zu rauchen. Bolinas ist nicht eingemeindet, aber die drakonischen kalifornischen Anti-Raucher-Gesetze werden auch hier konsequent eingehalten. Gleich neben dem Coast Café steht ein öffentlicher Gebetsschrein, gespickt mit herzzerreißenden Bitten auf knallrosa Post-it-Zetteln. "Let the reunion with my mother be peaceful."

Zwei Häuser weiter trifft sich der "Mob", Mainstreet mothers opposing Bush, zum Briefeschreiben und Schmuckbasteln. Dazwischen ein leeres Grundstück, Bill's Garden, ein trockener Flecken Gras, den die Gemeinde zum Andenken an den obdachlosen Bill Spessard gekauft hat, einen früheren Schauspieler, der in seinen vergangenen Jahren da kampiert hat.

Bolinas hängt an der Südspitze der Point Reyes-Halbinsel, westlich der Andreas-Spalte, als könnte es jederzeit ins Meer fallen. In den fünfziger Jahren zogen die ersten Beat-Poeten in das Fischer- und Holzfällerdorf. Hippies und Biobauern folgten. Anfang der siebziger Jahre war Bolinas zum "wahren Dichter-Ghetto" geworden. Oder, wie es ein Politiker ausdrückte: "eine Irrenanstalt, die von den Insassen geleitet wird".

Immer noch ist eine Mauer am Strand für Gedichte reserviert. "Alles, was nicht Poesie ist, wird entfernt", warnt die inoffizielle Literaturpolizei an der Poet's Wall. 1971 riss eine Ölpest die Einwohner aus ihren Träumen - sie gründeten den Bolinas Public Utilities District (BPUD), der einem Gemeinderat nahe kommt. Dieser beschloss als erstes ein Wasser-Moratorium, das bis heute gilt. Es wird also kein neuer Anschluss bewilligt und ein Bauboom so effizient verhindert. Der BPUD gibt, ebenfalls seit 1971, die "Hearsay News" heraus, eine dreimal wöchentlich erscheinende Lokalzeitung, die kompromisslos alles druckt, was ihr mündlich zugetragen wird.

"Es war toll", erinnert sich Lewis McAdams, einer der ersten Redakteure: "Wir kamen um halb elf in die Redaktion, tranken Kaffee mit Brandy, rauchten Joints und warteten einfach, bis jemand reinschaute und uns was erzählte. Das tippten wir dann ab. Um eins war die Zeitung fertig, um fünf hatte jeder in Bolinas ein Exemplar. Wir verdienten jeden Morgen 20 Dollar und waren immer total blau."

Die "Hearsay News" besteht noch heute aus einer wilden Mischung von persönlichen Berichten, Horoskopen, Kleinanzeigen, Ankündigungen, Aufrufen und, natürlich, Gedichten. Über den "G-Punkt von Bolinas" zum Beispiel, ein rosa Herz auf der Hauptstraße, das an die "Petition G" erinnert. Jane, die seit 20 Jahren mit Eltern einer Kriegsbemalung aus Schokolade und einem Turm wilder Zotteln in den Büschen lebt, hat diese formuliert: "Bolinas soll eine ökologisch anerkannte, naturliebende Stadt sein, denn das Wasser aus den Seen, die Heidelbeeren und die Bären zu lieben, heißt nicht, Hotels und Motorboote zu hassen. Dakar.Vorübergehend und zur Rettung des Lebens, der Stinktiere und der Füchse (Flugzeuge über dem Ozean) und zur Verschönerung." Niemand verstand das so ganz, doch die Petition wurde trotzdem verabschiedet: Man wollte Janes Gefühle nicht verletzen, das eigene Karma nicht gefährden.

Nick aus der Hütte

Nick Krieger, der sommersprossige, schlaksige Besitzer des 2 miles Surf Shop (nach dem verschwundenen Straßenschild, Bolinas 2 miles) hat wenig Verständnis für solche Sentimentalitäten. Dass er in Bolinas aufgewachsen ist, schützt ihn nicht vor dem Zorn der Alteingesessenen, die ihm übelnehmen, dass er Surfstunden für "Außenseiter" anbietet und auf seiner Homepage gar eine Wegbeschreibung angibt. Eine Wegbeschreibung! "Ich mag es eben, wenn Leute am Strand sind, wenn das Café voll ist", sagt er beinahe trotzig. Nick lebt mit seiner Freundin in einer selbstgebauten Hütte auf dem Land der Eltern.

Denn Mietwohnungen gibt es nicht in Bolinas, und Häuser, selbst baufällige, sind nicht unter einer Million Dollar zu haben. Wer nicht bei den Eltern unterschlüpfen kann, zieht - schweren Herzens - weg. Die Schule, die Nick besuchte, muss bald schließen.

Nicks Vater Rodney kommt in den Laden, greift sich ein Brett, tritt von einem Fuß auf den anderen: "Wann kommst du?" Jeden Tag gehen sie zusammen surfen. Nick wird es seinem Vater nicht übel nehmen, wenn auch er sein Land eines Tages mit Millionengewinn verkauft und sich irgendwo zur Ruhe setzt. "Das ist eine unverhoffte Altersvorsorge für Leute, die sich nie um so was gekümmert haben." Er zuckt die Achseln. Die stillen Tage von Bolinas sind gezählt. Bald wird es eine Wochenendenklave der Reichen sein - wenn es nicht vorher ins Meer fällt.

Auch Boonville, im Herzen von Anderson Valley, ist nicht leicht zu erreichen: Dramamine Drive nennt man die kurvige Straße, die sich endlos durch die waldigen Hügel und Weinberge schlängelt, und wenn man den Ort endlich erreicht, hat man ihn auch schon hinter sich gelassen.

"Boonville. John konnte nicht glauben, dass dieser Ort wirklich Boonville hieß ... dass er wirklich existierte", beginnt der Roman von Robert Mailer Anderson, der den Ortsnamen - wörtlich: "Hinterwäldler-Stadt" - als Titel trägt. Die Bewohner gingen in ihrer Abneigung gegen Außenseiter so weit, dass sie ihre eigene Sprache entwickelten. Noch in den zwanziger Jahren sprach der ganze Ort fließend Boontling. Heute erinnert nur noch der Name des Lokals "Horn of Zeese", (das bedeutet übersetzt "Tasse Kaffee") an den Code.

Im frischrenovierten General Store, wo auch kalt gepresstes Olivenöl und künstlerisch wertvolles Holzspielzeug verkauft wird, sitzt der Biobauer Kevin J. Denley. Er schaufelt eine kalte Sprossensuppe in sich hinein, bevor er sich zur Country Fair aufmacht. Hier werden Jungtiere vorgeführt, Kürbisse, Konfitüren und Kochrezepte preisgekrönt. Und Kunstwerke: Kevin hat eine Fotografie von einem Hund eingesandt, der mit der Schnauze im Futternapf eingeschlafen ist. Zum Fressen nie zu faul, steht darunter; die nicht verlangte Bildzeile verrät den Werbetexter, der Kevin bis vor kurzem noch war.

Jetzt lebt er ländlich zurückgezogen in einer Selbstversorgerkommune. "Ich will nicht nach denselben Regeln leben wie alle anderen", sagt der Mittdreißiger.

Es geht zurück an die Küste. Kurven. Mehr Kurven. Luxushotels. Wohnwagensiedlungen. Einsame Strände. Kneipen. Klippen. Nebel. Und immer wieder nichts. Lange Strecken nichts.

Die kalifornische Küste nördlich von San Francisco ist nicht nur ein geologisches Puzzle - drei tektonische Platten treffen an der Mendocino Triple Junction zusammen und bilden zwei Hügel, die langsam, wie Schildkröten unter einem Teppich, nördlich kriechen - sondern auch ein gesellschaftliches. Die Strahlungen dieses Knotenpunktes, die viele Bewohner zu spüren behaupten, hat immer schon Eigenbrötler, Idealisten und Spinner angezogen. Und immer noch ist - scheinbar - genug Platz. Für alle.

Aus dem Nebel tauchen die schmucken weißen Holzhäuser von Mendocino auf - die überreizte Vision von einem Künstlerdorf. In jedem Haus eine Galerie, ein "Bed and Breakfast", ein Bistro. Auf jedem Salat ein Ziegenkäse. Auf dem Wochenmarkt treffen wir Barbara Sochacki in Latzhose und rotem Halstuch, eine Bilderbuch-Bäuerin, die biologisch angebautes Gemüse und Würste von glücklichen Schweinen anbietet. Sie wird uns zur Old Mill Farm führen, die - wer hätte das gedacht - nicht ganz einfach zu finden ist.

Das Hinterland von Mendocino ist für seine Hanfplantagen bekannt. Auch hier sind Fremde nicht unbedingt gern gesehen.Wer vom Weg abkommt, kann schon mal in einen Gewehrlauf blicken. Eine ungeteerte Straße zieht sich durch dichte Redwoods, bis plötzlich auf einer Lichtung wie aus einem Traum ein windschiefes gelbes Holzhaus auftaucht.

Barbara und ihr erster Mann Chuck Hinsch kauften die verlassene Sägerei, die einst von einer finnischen Familie mit zwölf Kindern bewirtschaftet worden war. Nach der Scheidung und bis zu seinem Tod vor ein paar Jahren hielt Chuck die Farm mit wechselnder Besatzung am Laufen. Jetzt führen Barbara und ihr jüngerer Sohn Cas Sochacki den Hof, unterstützt von einer Crew junger Aussteiger. Barbaras jetziger Mann Ben, ein Schreiner, hat seine Werkstatt auf dem Grundstück und zimmert Hütten, in denen die Jungen wohnen. Für Gäste stehen ein Cottage und ein Tipi bereit.

Barbara hat gekocht, schenkt Wein ein, erzählt, die Jungen ziehen sich hinter ihre Laptops zurück in die Weiten des Internet. Im Wohnzimmer steht, von einem Indianerteppich bedeckt, ein riesiger Flachbildfernseher. Barbara Sochacki war ein Original-Blumenkind: mit Flatterrock und hüftlangem Haar posierte sie mit ihrer Kommune 1969 für das "Life Magazine". Sie fährt mit dem Finger über die Gesichter auf den Fotos: "Tot, im Gefängnis, im Entzug, tot, tot …" Wir schlafen im Tipi, am offenen Feuer. Sternklare Nacht. Stille, die beinahe hallt. Flüchtige Gedanken an Pumas. Ungewöhnlich tiefer Schlaf.

Am nächsten Tag auf einem Fest bei einer anderen Kommune, zu dem Chas uns mitgenommen hat: Blumenkinder, Flatterröcke, Gitarren. Die Zeit scheint stehen geblieben. Die Schildkröten bewegen sich langsam. Alles scheint immer noch möglich.

Schlagworte:
Autor:
Milena Moser