Kalifornien Pilgern mit Pazifikblick

Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger setzten als kalifornische Gouverneure ihren Karrieren als Hollywood-Rambos einen Schlusspunkt und empfahlen sich gleichzeitig für höhere Aufgaben. Mit markigen Sprüchen und umstrittenen Entscheidungen glaubten sie vielleicht, die Tradition der spanischen Eroberer pflegen zu müssen. Ein halbes Jahrhundert nach Kolumbus hatten Conquistadores die wilden - oder zumindest als Halbwilde eingestuften - Bewohner der nordamerikanischen Pazifikküste besucht und einige hundert Indianer-Kulturen unwiederbringlich ausgerottet. Außer den Pocken transportierten diese Gesandten der spanischen Krone in ihrem Diplomaten-Gepäck drei weitere Errungenschaften der zivilisierten Welt: das Christentum, Schießpulver und Feuerwasser.

Während Soldaten und Abenteurer im 16. Jahrhundert nur Saufen, Raufen und Taufen im Kopf hatten, versuchte es 200 Jahre später der Franziskaner-Mönchsorden auf eine sanftere Tour. Pater Junipero Serra gründete 1769 in dem heute als Kalifornien bekannten Nordteil von Neuspanien die Missionsstation San Diego De Alcalá. 20 weitere Niederlassungen dieser Art folgten bis 1821. Attraktiv sind die einstigen Vorposten des christlichen Abendlandes heute vor allem für jene Touristen, die gerne den Weg als das Ziel betrachten und bereits alle Jakobswege nach Santiago de Compostela abgearbeitet haben.

Die Abstände zwischen den von spanischen Missionaren erbauten Stellungen entlang der kalifornischen Pazifikküste orientieren sich an einem Tagesritt mit dem Maulesel. Also ungefähr 50 Kilometer pro Etappe, macht insgesamt knapp 1.000 Kilometer. Was einst als Trampelpfad angelegt worden war, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zum Highway 101 oder verläuft zumindest parallel zu dieser kalifornischen Verkehrs-Hauptschlagader, die unter anderem auch die Golden Gate Bridge überquert.

Wer die Mission Road mit dem Auto erfahren möchte, sollte den Weg von Norden nach Süden wählen. Dann bietet die Fahrt auf der rechten Straßenseite herrliche Ausblicke auf den pazifischen Ozean - vor allem, wenn am Horizont die Sonne untergeht. Die Reise beginnt an der Mission San Francisco Solano in dem Städtchen Sonoma, wo 1846 die Republik Kalifornien gegründet wurde; Weinfreunde kennen die Mönchssiedlung wegen ihrer Sebastiani Vineyards.

Zu Fuß durchs Mekka der Computerfreaks

Filmfreunde kennen diesen Weg runter nach San Francisco aus der Perspektive von Steve McQueen, der sich als "Bullit" mit seinem Ford Mustang vor dieser Pazifik-Strandkulisse eine Oscar-prämierte Verfolgungsjagd mit zwei Gangstern lieferte. Nach einer knappen Autostunde liegt 20 Kilometer vor San Francisco der Multikulti-Treffpunkt Saint Raphael Church and Mission San Rafael Arcángel und pflegt eine der positivsten kalifornischen Traditionen: Die Gottesdienste und Hochzeitsfeiern werden hier in Spanisch, Englisch und Vietnamesisch zelebriert.

Bei der US-Volkszählung im Jahre 2000 gaben mehr als 220.000 Kalifornier an, indianischer Abstammung zu sein. Diese Zahl könnnte heute durchaus höher sein wegen eines erstarkenden Indian Pride. Dieser indianische Nationalstolz macht es nach Jahrhunderten der Selbstverleugnung beinahe schon wieder chic, ein amerikanischer Ureinwohner zu sein.

Die Vorfahren dieser alteingesessenen Kalifornier verständigten sich bei Ankunft der Spanier in mindestens 80 verschiedenen Indianer-Sprachen. Die Missionare bildeten diese indigenen Sammler und Jäger trotz aller Verständigungsschwierigkeiten zu Handwerkern und Farmern aus. In einer eigens für diese interkontinentale Kommunikation entwickelten Zeichensprache brachten die Franziskaner die Native Californians auf den damals aktuellen Stand der landwirtschaftschaftlichen Wisssenschaft und Technik - mit nachhaltigem Erfolg: Der Königsweg "El Camino Real" durchquert heute jenes Silicon Valley, wo Apple, Intel, Google, Yahoo und andere Denkfabriken beheimatet sind.

Solch ein Think Tank war einst auch jene Kirche, die zu Ehren des Erzengel Gabriel erbaut worden war. Gleich neben dieser Mission San Gabriel Arcángel (Station Nummer 18 auf dem Weg von Nord-Kalifornien nach Süden) legten die Franziskaner 1804 die erste kalifornische Zitrus-Plantage an, die Mönche von San Diego de Alcalá (Nummer 21, am Endpunkt der Mission Road bei San Diego) hatten sich auf Oliven spezialisiert. Gleich mehrere Klostergärten entlang der heutigen Mission Road verfeinerten und produzierten jenes Genussgift, das die Spanier bei ihrer Ankunft in Amerika als ungenießbares Indianer-Kraut kennen gelernt hatten: Tabak. Die Ur-Kalifornier ließen sich von einem europäisch kultivierten blauen Dunst leichter zum Christentum bekehren als von katholischem Weihrauch.

Die Präkolumbianer revanchierten sich bei den Franziskanern mit ihrem - andernfalls vielleicht endgültig verloren gegangenen - medizinischen Wissen. Auch als Musiker und in den übrigen Künsten schufen diese "Primitiven" wertvolle Schätze, die ausgerechnet von ihren Bekehrern der Nachwelt erhalten wurden. Im Museum der Mission San Gabriel Arcángel sind heute neben alten christlich frommen Büchern auch indianische Pergament-Zeichungen zu bewundern. Architektonisch bemerkenswert ist diese Missionskirche, weil ihr Dach dem maurischen Baustil der Kathedrale von Cordoba nachempfunden ist. Akustisch beeindruckt San Gabriel Arcángel mit seinen Glocken, die schwerste davon wiegt eine Tonne und ist noch in mehr als zehn Kilometer Entfernung zu hören.

Unbedingt anhalten muss der Benutzer des königlichen Weges bei Nummer 15 der Marschtabelle. Die Zwillings-Glockentürme der Mission Santa Barbara stehen weithin sichtbar auf einem Hügel. Diese "Queen of the Missions" gilt als Keimzelle von Santa Barbara, das heute als "Hauptstadt der American Riviera" zu den meistbesuchten Touri-Destinationen der USA gehört. Dabei war auch diese Mission eigentlich nur gegründet worden, um die Chumash - eine von den ungefähr 100 indogenen Nationen an der der kalifornischen Pazifik-Küste, die heute von der Regierung in Washington als Indianerstamm anerkannt werden - zum wahren Glauben zu bekehren.

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Winfried Dulisch