San Francisco Grüne Locations mit Nachhaltigkeit und Ökologie

Thad Vogler hat fast sein ganzes Leben damit verbracht, die Vereinigten Staaten zu hassen. Vor allem unter der Bush-Regierung protestierte er auf den Straßen und ging dafür auch mal in den Knast. Nach seinem Literaturstudium kehrte der Yale-Absolvent den USA erst einmal den Rücken und bereiste die Welt: "Ich wollte eigentlich Schriftsteller werden, ich hab viel Dope geraucht und Gedichte geschrieben und bin gereist. Japan, Guatemala, Frankreich, Italien und ein paar andere Länder", erzählt der 41-Jährige, "Leben wollte ich später ganz woanders." Zurückgekehrt ist der im liberalen Santa Cruz geborene Kalifornier dann doch, als erfahrener Mixologe und Barmanager. Letztes Jahr im Juni eröffnete er seine eigene Bio-Taverne "Bar Agricole" im angesagten Industrie-Viertel "South of Market", kurz SOMA.

"Obama ist besser als Bush, trotzdem sind wir immer noch in Afghanistan, im Irak, und haben keine Gesundheitsvorsorge. Aber das Leben ist zu kurz, um ständig nur wütend zu sein", sagt Vogler heute. "Mit meinem Bio-Restaurant verändere ich zwar nicht die Welt, aber vielleicht ist es ein erster Schritt." Der Riese im Ringelpulli mit Glatze und von Falten durchzogener Stirn sieht müde aus. Die edle Taverne ist zwar seit vier Monaten profitabel, doch es gibt immer noch viel zu tun. Vogler und seine fünf Mitstreiter wollen beweisen, dass grüner Gastroschick funktioniert. "Bar Agricole" spielt auf eine Rumsorte aus den französischen Antillen an, die im Gegensatz zu normalem Rum aus frisch gepresstem Zuckersaft hergestellt wird.

Frisch ist hier einiges, zum Beispiel das Design des Restaurants: Auf der Terrasse vor der silbergewellten Fassade der ehemaligen Lagerhalle plätschert ein Brunnen, es riecht deutlich nach Dill und Fenchel: Neben den Sitzplätzen stehen Holzkästen, die eine kleine Kräuterzucht beherbergen. Über eine schräge Empore geht es ins Innere des Gastraums, zur linken Seite steht ein auffällig massiver Bar-Tresen aus Beton, zur rechten Seite sind Sitzgruppen und Stühle aus Weinfässern. Der Boden ist aus Beton, und die Wände über den Sitznischen sind beschlagen mit rotbraunen Holzplanken aus alten Whiskey-Fässern. Diffuses Tageslicht perlt von Glasskulpturen, die an den Deckenfenstern angebracht sind, der Künstler Nikolas Weinstein hat sie aus über 1000 industriellen Glasröhren gefertigt. Für ihre Gestaltung hat sich die verantwortliche Agentur "Aidlin Darling" für LEED-Platinum beworben, das höchste Nachhaltigkeits-Zertifikat der USA.

Nachhaltig sind natürlich auch die Speisen und Getränke in der Bar Agricole: Kleine Happen Bio-Tintenfische oder Pasteten vom Bio-Schwein in Aspik mit frischem regionalem Saison-Gemüse wie Spargel, Blumenkohl, Artischocken oder Sauerkrautsuppe stehen auf der Speisekarte, die täglich neu gedruckt wird. Die Hauptspeisen kosten umgerechnet zwischen 9 und 19 Euro, und sind so delikat und frisch, dass man eigentlich gar nicht mehr aufhören will zu essen - obwohl der Magen längst sein Veto gegen den Zitronenkuchen mit frischen Erdbeeren als Nachspeise eingelegt hat. Frische Bio-Erdbeeren zu bekommen, sei im grünen Umland von San Francisco kein Problem.

Doch welchen Fisch man serviere, das sei eine schwierige Entscheidung, meint Vogler. "Das Meer verschwindet gerade", sagt er mit tiefer Stimme und sieht dabei so aus, als ob die ganze Welt für einen kurzen Moment allein auf seinen breiten Schultern lastet. "Wir wollen weder Genfarmen noch die Massenfischerei unterstützen, die dem Ozean zu viele Fische raubt und bieten nur ein paar wenige lokale Fischsorten an, wie Tintenfisch, Kabeljau und Sardinen." Das Fleisch stammt natürlich von einigen der zahlreichen Biofarmen aus dem Umland. Vogler hat sie vorher selbst abgeklappert, denn er wollte wissen, wie die Tiere gezüchtet und wie sie getötet werden. Obwohl Vogler selbst über zehn Jahre als Vegetarier gelebt hat, war ihm ein fleischfreies Angebot zu riskant: "Ehrlich, ich hatte Angst zu politisch zu werden und wollte nicht, dass die Gäste zuviel nachdenken müssen". Als Konsequenz dieser Entscheidung aß er selbst wieder Fleisch und nahm fast 23 Kilogramm in einem knappen Jahr zu, "Man muss ja schließlich wissen, wie das Essen schmeckt, das man verkauft!"

Bar Agricole, 355 Eleventh Street, Öffnungszeiten: Sonntag bis Mittwoch: 18 -10 Uhr, Donnerstag bis Samstag 18-11 Uhr,

Temple Nightclub: Solarer Tanz und Honigbienen

Mike Zuckerman, 31, könnte genauso gut gerade von einem Mittagsschläfchen in der Hängematte eines Bambus-Hütten-Ressorts in Thailand kommen. Der Nachhaltigkeitschef des "Zen Compounds", San Franciscos grünem Nachtclub-Komplex, öffnet die Tür in Dreitagebart, Shorts und schlurft mit Flip-Flops durch die 3700 Quadratmeter großen Räumlichkeiten - inklusive "Temple Nightclub" und der im Mai 2011 eröffneten Bio-Sushi-Bar "Ki Sushi". Der fernöstliche Einschlag in Name, Design und Ausrichtung rührt von der Biografie des Clubgründers Paul Hemming, der als Sohn eines amerikanischen Mormonen und einer Buddhistin in Taiwan aufgewachsen ist. Hemming steht in engem Austausch mit dem Betreiber des ersten Öko-Clubs aus Rotterdam, der eine ganz besonders Attraktion des Temple Nightclubs als Erster ausprobierte.

Bekannt ist der Club in San Francisco nämlich insbesondere dafür, dass er seine Gäste beim Tanzen Strom erzeugen lässt. Das zahlende Publikum wird, mitunter bei Electro-Klängen des hauseigenen Musiklabels mit "nachhaltigen" Liedern wie "It's the light, it's the light, the energy is solar" zum Kraftwerk. Das funktioniert über einen piezoelektrischen mobilen Fußboden namens "Sustainable Dancefloor", der in den Niederlanden entwickelt wurde und wie ein Parkettboden mit mehreren transparenten Feldern über der Tanzfläche ausgelegt wird. Je heftiger das Tanzvolk sich zu den Beats bewegt und die Platten immer wieder nach unten drückt, desto mehr wandeln die darunterliegenden 30-Watt-Generatoren die Bewegungsenergie in Strom um und lassen die im Boden eingebauten LED-Lampen bunt blinken.

Das Ergebnis ist allerdings nicht wirklich bahnbrechend: bei drei Stunden Maximalgezappel von etwa 1400 Tanzenden wird etwa so viel Strom erzeugt wie beim Betreiben eines Deluxe-Spülprogramms bei der Geschirrspülmaschine. Aber darum geht es den Betreibern ohnehin nicht, es geht um die Vermittlung von Bio als etwas Leichtes und Schönes, ob beim Tanzen oder in der Kunst. "Nachhaltigkeit muss nicht immer etwas mit harter Arbeit zu tun haben", sagt der 37-jährige Clubgründer Paul Hemming. Und so trinkt man hier umweltbewusst aus kompostierbaren Maisstärke-Bechern, das Fett aus der Küche wird in Biodiesel für die Fahrzeugflotte der Stadt umgewandelt, und die Toilette spült mit Regenwasser.

Die Büroräume der Betreiber, in denen die ganzen grünen Ideen entstehen, befinden sich im selben Haus, ein paar Stockwerke höher: An den Wänden hängen psychedelische Bilder lokaler Künstler, es gibt einen Kickertisch, auf dem roten Designer-Krakenstuhl schnurrt eine Katze, plüschiges Spielzeug für den Collie namens "Nietzsche" liegt auf dem Boden. Auf der Dachterrasse, die man über eine schmale Wendeltreppe erreicht, chillen ein paar Leute auf einer blanken Matratze und genießen den Blick auf die nächtliche Skyline von San Francisco. Auch hier wird nachhaltig produziert: "Mit dem Gemüse und den Kräutern, die wir hier im Gemüsegarten und Gewächshaus anbauen, machen wir Salate fürs Restaurant", sagt Zuckerman. Dann zeigt er auf einen grauen Kasten, aus dem kleine Äste struppig herausragen, "Da sind unsere Würmer drin, die den Bioabfall entsorgen sollen." Doch die Krönung auf der Dachterrasse ist ein Bienenstock.

Mit 10.000 Bienen begannen die Betreiber den Stock, mittlerweile ist die Population auf 70.000 angewachsen. Mit dem Honig wird auch Salat angemacht. In einer seiner Nachhaltigkeits-Videolektionen, anzusehen bei dem Portal Vimeo.com, erklärt Zuckerman, dass schon Albert Einstein gesagt haben soll: "Wenn wir die Honigbienen verlieren, folgt vier Jahre später die Menschheit." Ob Albert Einstein das wirklich so behauptet hat, sei mal dahingestellt, nichtsdestotrotz ist es ein guter Trick, die Idee von Bienen als Schlüsselspezies im Bewusstsein der Zuschauer zu verankern. Indes erklärt "Bee Bryan", der Clubimker mit rotem Bart und Tweed-Sakko, drei Minuten später, wie man die inzwischen entflogene Bienenkönigin durch eine Neue ersetzen könne. Die Organisation des Clubs wirkt eher wie die Neuauflage einer Beatnik-Kommune als wie ein wirtschaftlich florierender kommerzieller Nachtclub. Doch die Philosophie gefällt: Dazu lächeln auch die Buddha-Statuen, die hier überall herumstehen, weise.

Zen Compound, 540 Howard St, Temple Nightclub, Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag zwischen 22.00 - 4.00 Uhr; Ki Sushi-Bar: Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag zwischen 17.00 - 22.00 Uhr, Montag bis Freitag von 11.00 - 15.00 Uhr

Orchard Garden: Grün, unauffällig, tragisch

Wer im Orchard-Garden-Hotel in der Nähe des Union Square nach dem Clubben ins Bett fällt, tut das vielleicht mit schwerem Kopf, aber gutem Gewissen. Fast nichts lässt hier darauf schließen, dass man in einem LEED-Zertifikat prämierten grünen Hotel übernachtet, sogar in dem ersten grünen Hotel von San Francisco, dem dritten in den Staaten und dem vierten weltweit. "Mittlerweile wollen die meisten Hotels in San Francisco grün sein, denn das spart einfach Geld", sagt Damien Keller, der Director of Sales. Aber es gäbe auch einige, die Nachhaltigkeit gar nicht ernst nehmen und sich nur plakativ ein paar Solarplatten auf das Dach montierten.

Im Orchard Garden ist hingegen alles "grün" bis zu den Grundmauern aus umweltverträglichen Konstruktionsmitteln wie Flugaschebeton. Das verwendete Holz trägt das Label der internationalen gemeinnützigen Nicht-Regierungs-Organisation FSC, die die ökonomisch tragfähige Bewirtschaftung von Wäldern fördert. Alle Vorhänge und der Füllstoff der Teppiche sind zu 100 Prozent aus recyclebarem Polyester, das Glas zu 25 Prozent recyclet und selbst die Reinigungsmittel könnte man theoretisch trinken, denn sie sind organisch und basieren auf Zitrus.

Dass das "Orchard Garden" zu einem ernstzunehmenden Vorreiter im umweltbewussten Handeln wurde, so erzählt Keller, habe allerdings eine tragischen Hintergrund. Die Besitzerin S.C Huang stammt gebürtig aus Shanghai. Die Frau eines asiatischen Business-Tycoons, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Singapur im Hotelgeschäft einen Namen machte, hatte sich vorher nie mit grünen Themen beschäftigt. Doch 1996, als sie gerade dabei war, ihr erstes amerikanisches Hotel "Orchard" in der Bush Street zu bauen, starb ihre Tochter mit 38 Jahren an einem Gehirntumor, sechs Monate später ihr Ehemann an Krebs. Auch ihr Vater war an dieser Krankheit gestorben. Vor diesem Hintergrund erschien ihr das Gespräch mit einigen Bauarbeitern fast wie eine Eingebung: Denn die Arbeiter erzählten ihr von einem neuen Trend, nach grünen Auflagen zu bauen, die auf einer Checkliste des "US Green Building Councils" basierten.

Diese Checkliste beinhalte auch eine Emissionsprüfung für Substanzen, welche Krebs erregen oder im Verdacht stehen, Krebs zu erregen. Das machen wir auch, sagte sich Frau Huang, und setzte vor allem bei dem Neubau ihres zweiten Hotels "Orchard Garden", ein paar hundert Meter weiter die Bush Street herunter, von Baubeginn an auf Nachhaltigkeit. Vieles, was sie und ihr deutscher Geschäftsführer Stefan Muhle auf die Beine gestellt haben - und das bei der Eröffnung des Orchard Garden Hotels im Jahr 2007 schlichtweg revolutionär war - ist heute Standard, doch Vorbildcharakter hat es immer noch.

Frau Huang lebt heute in Perth in West-Australien, praktiziert Tai Chi und will etwas herunterfahren - schließlich ist sie jetzt fast 90 Jahre alt. Ihre zwei grünen Hotels wird sie irgendwann weitergeben - wahrscheinlich an ihre drei Enkelsöhne.

The Orchard Garden Hotel, 466 Bush Street, 86 Räume, ab 235 Euro

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Autor:
Bettina Hensel