Kaprun Skifahren im österreichischen Pinzgau

Das Skilaufen auf abgesteckten Pisten macht Matthias Leitner aus Kaprun im österreichischen Pinzgau, rund hundert Kilometer südlich von Salzburg, schon lange keinen Spaß mehr. Dabei stört den Einheimischen weniger das Gewusel von wenigen Könnern und vielen Ungeübten. Dem 21jährigen Kapruner fehlt beim Carven auf den breiten, gewalzten und häufig künstlich beschneiten Ski-Autobahnen des Kitzsteinhorns der Kick. Dennoch bleiben Berge, Skier und Schnee seine Leidenschaft - sie musste nur neu entfacht werden.

Matthias Leitner gehört zu den "Freeridern", einer stetig wachsenden internationalen Gemeinde, die eine noch junge Sportart für sich entdeckt hat. Entsprechend ungewöhnlich sind ihre Pisten: Slides, Kickers oder Pipes - dem traditionellen Skifahrer sagen die Bezeichnungen für die Bahnen und Parcours nichts. Im Freeriden hat es Leitner sogar zum Profi gebracht, er ist inzwischen weit über Österreich hinaus bekannt. Zu Freerider-Pro Leitner gesellen sich im Kapruner Gletschergebiet jede Menge Gleichgesinnte, sie kommen aus ganz Europa, aus Australien und Amerika hierher.

Am Zeller See treffen sie sich organisiert und regelmäßig zu Contests in eigens aufgebauten Snowparks - ob in Mayrhofen oben auf dem Penken, im benachbarten Tuxer Tal unterhalb des gewaltigen Olperers oder im Schatten des Kitzsteinhorns mit seinem bis zu sechzig Meter dicken Gletschereis. In Sichtweite von Watzmann, Wildem Kaiser, Großglockner, Großvenediger und Dachstein-Massiv gibt es einen regelrechten Freestyle-Zirkus.

Artistisch schlittern Anfänger wie Pros über Geländer und nennen das "Rail-Sliden", oder sie springen über "Kicker", kleine Schanzen. Der für fortgeschrittene Rider und Profis konzipierte Central Park am Kitzsteinhorn bietet allein 20 einmalige Obstacles - zu meisternde Hindernisse. In diesem Zirkus am Kitzsteinhorn toben die New-School-Skifahrer und Snowboarder aller Klassen sich von Oktober bis Anfang Juni aus.

Aber es sind nicht nur die künstlich angelegten Parks mit Slides und Kickers, mit Schanzen und Pipes, die Freerider ins Kapruner Gletschergebiet locken. Matthias spricht mit leuchtenden Augen vom Jump Run, von Left Wing, Ice Age oder Pipe Line. Wenn er von der West Side Story redet, meint er nicht Leonard Bernsteins gleichnamiges Musical, sondern die schwerste der Freeride-Routen im freien ungesicherten Gelände des Kitzsteinhorns. Die unpräparierte West Side Story ist mit ihren 2800 Metern Länge und einer Höhendifferenz von 700 Metern die längste der fünf Routen. Die "Story" startet direkt bei der Bergstation Kristallbahn.

Doch heute bläst ein Sturm mit über 100 Kilometern pro Stunde über die Bergkämme. Zeit für andere Dinge - zum Beispiel für den laut Einheimischen "besten Apfelstrudel der Welt", oben auf dem Maiskogel in der Skihütte "Glocknerblick". Und Zeit für andere Themen. Eines treibt Wolfgang Leitner, den Vater von Matthias, besonders um. Wie allen im lokalen Fremdenverkehr Engagierten will er nicht, dass das schöne alte Bergbauerndorf Kaprun den Anschluss verliert.

Noch nämlich sind die drei Skigebiete Kitzsteinhorn, Maiskogel und Schmittenhöhe voneinander getrennt. Die Verbindungen mit Gondeln und Sesseln fehlen. "Das Rad dreht sich nicht!", wie Leitner auf Ski-Deutsch sagt. Aber es muss sich drehen - und zwar möglichst bald. "Die meisten Gäste möchten es immer bequemer haben, am Morgen in die Gondel oder den vorgewärmten Sessel steigen und mit den Skiern an den Füßen jedes Ziel in der Arena erreichen können." Noch braucht man dazu den Bus.

Hinzu kommt, dass die Saison, die früher bereits im November einsetzte, sich seit den letzten Jahren auf die Zeit ab Weihnachten verkürzt hat. Außerdem bleiben die Skitouristen im Durchschnitt nicht mehr wie früher eine ganze Woche, sondern nur noch drei bis vier Tage. Würden die hinzu gekommenen Gäste aus dem ehemaligen Ostblock nicht teilweise die Löcher füllen, sähe es nicht nur im schlichten Kaprun und dem mondänen Zell am See, sondern in ganz Österreich recht trostlos aus. Dabei hat Kaprun nicht einmal einen funktionierenden Skizirkus mit mindestens 150 echten Pistenkilometern vorzuweisen, wie es bei der Konkurrenz selbstverständlich ist.

Wolfgang Leitner beschwört deshalb seine Pinzgauer Bergbauern: "Das Rad muss her!" Immerhin sind die Pläne für die nötigen Verbindungslifte mit dem Angelpunkt Piesendorf heuer weitgehend genehmigt. Leitner schätzt, dass "unser Rad sich in fünf, sechs Jahren drehen kann". Dann bietet das Revier am majestätischen Kitzsteinhorn mit dem ewigen Schnee den gewünschten Anschluss. Ob die Freerider die neuen Möglichkeiten ebenfalls begrüßen? Der Betrieb zeigt: "Sie kommen auch ohne in Scharen", so Leitner Junior. Sagt's und jagt durch die Pipe, setzt an zum Sprung, schließt eine Pirouette an und endet mit einem Überschlag.

Autor:
Peter Morner