Türkei Safranbolu - Die Karawane zieht wieder

Zwei Schluchten vereinen sich am westlichen Rand des Pontischen Gebirges. Zwei kleine Flüsse haben einen Platz zwischen steilen Felsen entstehen lassen, der Schutz, frisches Wasser und frisches Grün bietet. Ein Ort zum Rasten für Mensch, Tier und Karawanen. Deren Weg durch weite Täler war früher lang und gefährlich. Aber zwischen den schmalen, aufragenden Wänden war man sicher. Man brauchte nur wenige Wachen, die Kamele konnten trinken und die Menschen in Ruhe schlafen. So war es in alter Zeit, und wenn eine Karawane auf diesem Abschnitt der Seidenstraße von Persien nach Konstantinopel haltmachte, kamen die Bauern aus den Dörfern und gaben den Reisenden zu essen, später wurden Häuser für Menschen gebaut und Ställe für Tiere. Um den Rastplatz entstand die Stadt, die heute Safranbolu heißt und seit 1994 Welterbe der Unesco ist.
Kaum eine Stadt aus dem alten Osmanischen Reich ist so gut erhalten, mit Moscheen, Koranschulen und Hamams aus sieben Jahrhunderten und vor allem mit den typischen konaklar, den zum Teil riesigen Wohngebäuden aus Fachwerk auf einem Steinsockel. Sie wurden bis ins 19. Jahrhundert in traditioneller Form gebaut, als der Karawanenhandel noch blühte. Bis zum Bau der Eisenbahn und des Suezkanals spielten die Karawanenstraßen die Hauptrolle als Transportwege zwischen Ost und West. Aber auch die Bahn erreichte Safranbolu erst spät.

Heute wälzen sich lärmend und staubig Autokarawanen durch die engen Gassen. Unten im Tal liegt die Karawanserei "Cinci Han", dort warten frischer Tee und eine Schlafstatt. Die ist das Ziel, und keiner ist bereit, ein Stück Weges zu Fuß zu gehen. Nur leider gibt es nicht genug Parkplätze. "Cinci Han" ist heute ein Hotel, das berühmteste von vielen in der Stadt, Safranbolu ist eine selbst an regnerischen Tagen überlaufene Touristenattraktion. An Sommerwochenenden wird wenigstens ein Teil der Altstadt für Autos gesperrt. Die Menschen, die hierherkommen, sind zum größten Teil Reisende im eigenen Land, Türken, die in diesem weitläufigen Relikt einer vergangenen Zeit spazieren, einkaufen, essen gehen.

In Safranbolu entdeckt man viele Gebäude mit üppigen Malereien

Man kann sich in Safranbolu an den schön erhaltenen oder restaurierten Häusern erfreuen, an den üppigen Malereien des sogenannten osmanischen Barocks in der Köprülü-Mehmet-Pascha-Moschee und an der Straße der Schmiede, wo seit Jahrhunderten an offenen Essen Äxte und Schaufeln gehämmert werden – nicht für Touristen, sondern für die Bauern in den Dörfern. Gleich hinter der Schmiedegasse schauen Besucher in die Schlucht des Akçasu, der einst den Karawanen Wasser lieferte und im Laufe der Jahrhunderte fast völlig überbaut wurde. Heute strömt er unter der Izzet-Pascha-Moschee hindurch. Die Läden in der Stadt verkaufen Safranseife und Safranparfüm, und alle glauben, die Stadt habe ihren Namen vom Blütenstaub des Krokus, der anderswo den Kuchen gel macht. Dabei heißt sie erst seit den vierziger Jahren offiziell Safranbolu, nach der Verballhornung des älteren Namens Dadydra, der nichts mit Safran zu tun hat. Und natürlich gibt es einige gute Restaurants – und viele schlechte, die nach dem Prinzip geri gelmeyecek auftischen: "they never come back".

Gleichzeitig zeigt Safranbolu den ganz normalen Alltag einer türkischen Kleinstadt: Die Gassen des Basars rings um das "Cinci Han" sind nur zum geringen Teil mit Souvenirs gefüllt, hier bieten Stoffhändler und Schneider ihre Waren an, Töpfer und Löffelschnitzer, auch Schuhmacher sieht man noch, schließlich belieferten Handwerker aus Safranbolu einst den osmanischen Hof. Und die Menschen, die heute in den Wohnsilos des neuen Safranbolu leben, kaufen hier ein.

Es fällt dem Besucher leicht, sich in Safranbolu wohlzufühlen. Doch eines wird ihm schwer gemacht: zu verstehen, was diese Stadt so besonders macht. Nur wenige Informationen, die über das Sichtbare hinausgehen, sind in der Touristeninformation oder den Museen zu bekommen – so als erklärte sich die großartige Vergangenheit dieser Stadt von selbst. Was sie nicht tut. Die Geschichte vom Aufstieg und Beinahe-Fall Safranbolus, sie ist nicht leicht zu ergründen. Nicht einmal im Stadtmuseum, das auf einem Felsen hoch über der Altstadt liegt.

In dem großen gelben Gebäude gleich neben dem ehemaligen Gefängnis und dem ältesten Uhrturm Anatoliens aus dem Jahr 1797 wurde einst die Provinz verwaltet. Heute zeigt das Museum in einer geräumigen Abteilung Computer der letzten 30 Jahre und das einstige Zimmer des Provinzgouverneurs. Diverse Kleidungsstücke aus den letzten Jahrzehnten sind zu sehen, Münzen und Kalligrafien. Im Keller finden sich nachgebaute Handwerksstuben eines Tischlers, eines Sattlers, eines Bäckers. Von der Geschichte Safranbolus als Handels- und Karawanenstadt und der späteren Industrialisierung der Region erfährt man hingegen nichts. Kein Wort, kein Bild zu der Zeit vom 13. bis 17. Jahrhundert, als die Stadt eine der bedeutendsten Handelsstädte des Orients war – die um ein Haar dem Verfall überlassen worden wäre.

Industrialisierung brachte den Niedergang Safranbolus

Für den Niedergang von Safranbolu sorgte das Schwarze Gestrüpp. So nannte man einen Stadtteil, auf Türkisch Karabük. Karabük wurde nach 1937 vom Vorort zur selbstständigen Stadt und schließlich zur Provinzhauptstadt – durch das erste Stahlwerk der Türkei. Die junge Republik rüstete zur Industrialisierung, die Eisenbahn brachte Kohle von der Küste, die Hütten in Karabük rauchten.

Für Safranbolu war das verheerend. In Karabük und oberhalb der Altstadt entstanden Neubauten mit

 Izzet-Pascha-Moschee
Walter Schmitz
Beeindruckend: Izzet-Pascha-Moschee

elektrischem Licht, Wasserleitungen und Zentralheizung. Wer wollte da noch weiter Wasser und Holz schleppen? Hatten bis zu dieser Zeit die Menschen das historische Zentrum gepflegt, so weit es ging, so zogen sie nun davon. Schon zuvor hatte die Stadt Einwohner verloren: Beim Bevölkerungsaustausch von 1923 mussten die griechischen Händler den Ort verlassen, die türkischen Muslime aus Griechenland, die im Gegenzug hier angesiedelt wurden, fühlten sich jedoch nicht heimisch und zogen weiter.

Viele der wohlhabenden Bürger siedelten in diesen Jahren in die großen Städte um. Dabei waren gerade sie es gewesen, die bis ins 19. Jahrhundert die konaklar in Safranbolu errichten ließen, die riesigen Villen, die das Bild der Stadt noch heute prägen. Eine von ihnen ist das Kaymakamlar Konaği, heute ein Museum. Im steinernen Erdgeschoss liegen Wirtschaftsräume, darüber gut und gern tausend Quadratmeter Wohnfläche, jedes Geschoss mit einer großen Halle und vier Erkerzimmern. Das alles streng getrennt in harem, den Bereich der Frauen, und selamlık, den der Männer. So strikt, dass damals die Frauen den Männern nicht begegnen konnten. Hatten Erstere das Essen bereitet, stellten sie es in einen drehbaren Schrank in der Wand, die Männer entnahmen auf der anderen Seite die Speisen.

Prächtige Häuser mit strikter Geschlechterteilung

Das Kaymakamlar Konaği ist anschaulich gestaltet, Puppen in alten Trachten bevölkern das Haus. Sie sitzen an Tischen, spielen Karten, sogar das Schrank-Klo ist mit einer lebensgroßen Puppe besetzt. In vielen Städten der Türkei sind konaklar noch zu finden, doch in Safranbolus Altstadt unten im Tal stellen sie sogar die Mehrheit der Gebäude. Einige besonders prächtige Häuser finden sich dazu oben auf den Felsen, wo die Allerwohlhabendsten ihre Sommerresidenzen bauten.

Nach Karabüks Aufstieg aber standen viele der großen Häuser leer, die mit Stroh und Lehm gefüllten Fachwerke bröckelten, das Holz faulte, und die Fenster gaben dem strengen Winter nach. Safranbolu begann langsam zu verfallen. Ein Schicksal, das bis heute viele türkische Städte teilen: Wer kann, verlässt die historischen Innenstädte und zieht ins Neubaugebiet, die Zentren werden zu Armenvierteln.
 

Straße in Safranbolu
Walter Schmitz
Zur Hochsaison werden in Safranbolu einige Straßen für Autos gesperrt

In Safranbolu war das ähnlich. Doch waren es hier nicht die Armen der Stadt, die die Altstadt am Leben hielten, sondern die Menschen der umliegenden Dörfer. Viele von ihnen lebten noch als Halbnomaden, andere waren als Handwerker sesshaft geworden. Safranbolu war stets eine Stadt der Händler und Dienstleister gewesen, die Handwerker jedoch lebten außerhalb. Diese Dörfler wurden nun engagiert, auf verlassene Häuser aufzupassen, etliche übernahmen sie ganz. Unter ihnen waren Schreiner, Dachdecker, Glaser und Maler, die in den vierziger und fünfziger Jahren vom Dorf in die Stadt zogen, in der sie bislang nur für andere gearbeitet hatten. Und sie brachten das Können und das Werkzeug mit, die alten Häuser zu erhalten.

Was sie nicht mitbringen konnten, war Geld, und so blieb Safranbolu bis weit in die siebziger Jahre in Gefahr. Erst dann begannen Forscher und Politiker auf die Schätze aufmerksam zu werden, die hier zu verschwinden drohten. Die Programme zur Rettung zeitigten Wirkung, Safranbolu lebt wieder. Nicht nur als Museumsstadt, sondern als eine, in der die Menschen ebenso vom Tourismus wie wieder von Handel und Handwerk profitieren, eine Stadt, in die Menschen aus Istanbul kommen, um sich Schuhe fertigen zu lassen. Und eine Stadt, in der die Zimmerleute aus Samsun sich handgeschmiedete Äxte kaufen.

Tipps für einen Besuch in Safranbolu:
Um durch das alte Safranbolu zu spazieren, sollten Sie Ihr Auto oberhalb der Schlucht stehen lassen, etwa am Stadtmuseum. Von dort geht es steil bergab in das Gassengewirr des Basars. Dessen Gassen sind zum großen Teil mit Matten überdacht, auf denen Weinlaub rankt. Die Gasse der Schmiede liegt hinter der Köprülü-Mehmet-Pascha-Moschee. Der Innenhof des "Cinci Han" kann besichtigt werden (für Nicht-Hotelgäste gegen Entgelt). Hinter der Karawanserei steigt die Straße zum Kaymakamlar Konagi wieder an, hinter dem Museum geht es noch steiler auf den Hidirlik-Hügel, von dem aus man die ganze Altstadt überschaut. Hier wartet auch ein nettes Restaurant.

Quelle:
Autor:
Roland Benn