St. Petersburg Utopischer Städtebau

Philip Nikandrow ist ein junger russischer Architekt. Einer gebannt lauschenden Gruppe von Planern aus Deutschland stellt er das Projekt seines Lebens vor. Dazu ist man in eines der bedeutendsten Gebäude St. Petersburgs gekommen, in die einstige Niederlassung des New Yorker Nähmaschinenherstellers Singer am Newski-Prospekt. Das Singer-Haus, errichtet 1902 bis 1904 im "Stil modern", dem russischen Jugendstil, war eine Provokation, war Symbol für den Bruch mit der städtebaulichen und architektonischen Tradition.

Mit sieben Geschossen und der signifikanten Weltkugel überragt es die angrenzenden Gebäude. Singers Vorbilder standen in New York. Nicht nur die Vorstellung von Wolkenkratzern, schon das Gebäude selbst wurde zu seiner Bauzeit von vielen als Abkehr vom städtebaulichen Grundsatz einer konsequent die Horizontale betonenden Bauweise begriffen. Es war heftig umstritten - genauso wie Nikandrows großes Projekt heute.

Einen nahezu 400 Meter hohen Wolkenkratzer möchte das Londoner Architekturbüro RMJM, dessen St. Petersburger Filiale Philip Nikandrow leitet, in unmittelbarer Nähe des Unesco-Welterbes der St. Petersburger Innenstadt errichten. Er soll Sitz einer Tochtergesellschaft des russischen Energiekonzerns Gazprom werden. Das kühne Vorhaben hat weltweit Aufsehen erregt, bei vielen Petersburgern aber Widerstand provoziert. Unerträglich ist für sie, dass der alles beherrschende Staatskonzern nun auch noch die künftige Silhouette St. Petersburgs maßgeblich prägen soll.

Mit dem Entwurf dieses "Maiskolbens" hat RMJM in einem internationalen Architektenwettbewerb Weltstars wie die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron oder Jean Nouvel aus Paris auf die Plätze verwiesen. Und das Projekt ist mehr als nur ein Wolkenkratzer. Es umfasst die Revitalisierung eines 66 Hektar großen früheren Industrieareals an der Mündung der Ochta in die Newa, ein Geschäftszentrum mit Versorgungseinrichtungen und Kulturstätten, vielen hochwertigen Wohnungen, einem großen Park, mit neuen Uferpromenaden und Metroanschluss. Ein Vorteil für die bislang schlecht erreichbaren Viertel auf der östlichen Seite der Newa, aber zugleich eine optische Beeinträchtigung des Smolny-Klosters am gegenüberliegenden Ufer der Newa.

Architekt Nikandrow hält die Kritik, sein Turm verbaue die Silhouette und die klassischen, nicht nur von den Touristen geliebten Perspektiven, für unberechtigt. "Auf keinem Postkartenmotiv, das in St. Petersburg erhältlich ist, wäre der Turm zu sehen", argumentiert er. "Städte brauchen Dominanten. Das zeigen auch andere europäische Metropolen, etwa Barcelona mit dem Hochhaus von Jean Nouvel. Bedenken Sie nur, wie gern Menschen von oben auf eine Stadt herunterblicken."

Die Unesco hingegen äußert tiefe Zweifel und verlangt eine neue Lösung, die behutsam mit dem historischen Zentrum umgeht. Andernfalls drohe St. Petersburg die Aberkennung des Welterbe-Status. Darauf reagiert die St. Petersburger Stadtregierung gelassen, sie kann ohnehin kaum Vorteile im Status "Welterbe" erkennen. Und so hält Gouverneurin Walentina Matwijenko trotz großer Proteste der Öffentlichkeit offiziell an dem Vorhaben fest. Auch wenn die Umbenennung von "Gazprom City" zu "Ochta Zentr" stärker den Ort in den Mittelpunkt rückt, Dimension und Gestalt des Projektes blieben nahezu unverändert.

Allerdings verdichten sich die Anzeichen, dass die Stadt sich als Finanzier des rund zwei Milliarden Dollar teuren Projekts zurückzieht. Das schürt neue Hoffnung all jener, die an dem Prinzip festhalten, dass nur besondere öffentliche Bauwerke über eine Höhe von 23,5 Metern hinausragen dürfen, und sich ein vorzeitiges Ende des Vorhabens wünschen. Als die vorgeschriebene Projektpräsentation zur Beteiligung der Öffentlichkeit stattfand, kamen immerhin über 500 Petersburger, obwohl mit dem Tag des Schuljahrbeginns ein Termin gewählt wurde, der für eine ernsthaft gewünschte Beteiligung ungeeignet ist. Die Veranstalter sahen sich wütenden Protesten ausgesetzt, mussten ein Pfeifkonzert und "Schande"-Rufe über sich ergehen lassen.

Das Projekt ist also keineswegs in trockenen Tüchern, auch weil weiterhin unklar ist, wie die archäologischen Funde der schwedischen Festung "Nienschanz", auf die sich der Entwurf von RMJM ausdrücklich bezieht, am Standort gesichert werden können. Hier stellt sich erneut die Frage: Welche Bedeutung hat das historische Erbe bei der Gestaltung der Zukunft von St. Petersburg - programmatisch, technologisch und ästhetisch?

Neubauprojekt Europa-Kai: Es geht auch anders

Die Suche nach einem anderen Umgang mit dem historischen Erbe führt zum Neubebauungsprojekt am "Europa-Kai". Hier, nur 500 Meter westlich der Peter-Pauls-Festung, vertreten die Planer eine weitaus behutsamere städtebauliche Position. Der Vorschlag der Architekten Ewgeni Gerassimow (aus St. Petersburg) und Sergei Tchoban (aus Berlin) greift die klassischen städtebaulichen Muster der Innenstadt auf, stellt Sichtachsen zum schlanken Turm der Peter-Pauls-Kathedrale oder zur imposanten Isaakskathedrale her.

Die Architekten errichten klare Fassadenfronten zur Wasserseite, wie sie immer schon die Uferstraßen an der Newa prägten, und trennen deutlich die öffentlichen Promenaden von den privaten Innenhöfen. Die städtebaulichen Ansichten vom zukünftigen Stadtquartier am Europa-Kai scheinen in ihrer Anmutung den Wunsch nach einer traditionellen Architektur zu untermauern. Gleichwohl soll "eine Parade unterschiedlicher Fassaden" von verschiedenen Architekten entstehen, wie Tchoban erläutert, keineswegs also historisierende Gebäude.

Ein oval geformter steinerner Platz soll ein neues Tanztheater des Balletts von Boris Eifman einfassen, für das die Amsterdamer Architekten vom UN Studio Ben van Berkel eine moderne Gebäudeskulptur entwarfen - gewissermaßen der Diamant für den Ring des neuen Platzes. Man darf gespannt sein, ob es diesem Neubauprojekt ähnlich ergehen wird wie der zweiten Bühne des Mariinski-Theaters und dem - vorerst gescheiterten - Projekt Neu-Holland, bei denen Irrungen und Wirrungen die Presse mehr beherrschten als die Vorfreude auf neue Glanzlichter für die Stadt.

Die enormen wirtschaftlichen Erwartungen an die Nutzung des Europa-Kais lassen das Ziel, den Grünflächenanteil in der Innenstadt um zehn Prozent anzuheben, völlig in Vergessenheit geraten. Ganze 70 Quadratmeter Grünfläche des Masterplans verhöhnen diese für St. Petersburg so wichtige Zukunftsaufgabe. Der Markt sei offenkundig wichtiger als die Lungen der Stadt, äußert sich Wladimir Lisowski, Professor für Architekturgeschichte in St. Petersburg, sarkastisch. Dabei wurde gerade dieser zentrale Bereich historisch immer als öffentlicher Raum verstanden. Welches Vertrauen aber kann man den Verantwortlichen in der Stadt entgegenbringen, wenn es ihnen sogar in attraktiven Lagen nicht gelingt, die selbst gesteckten Ziele durchzusetzen und dem Bedürfnis nach grünen Erholungsräumen gerade in einem extrem dicht bebauten Stadtteil wie der "Petrograder Seite" zu entsprechen?

Ein dritter Versuch, die städtebaulichen Visionen für St. Petersburg zu verstehen, führt zu einem gut bewachten Verkaufspavillon des Projekts "Meeresfassade" am westlichsten Punkt der Wassiljewski-Insel. Hier, endlich, kann die Stadt neu erfunden werden, mit sechs Kilometern weit genug vom Zentrum entfernt, ein Areal zugleich prominent am Wasser gelegen und von weitem sichtbar.

Am Anfang stand die Idee, zur Verkehrsentlastung der Innenstadt eine Umgehungsstraße westlich vor dem Newa-Delta entlangzuführen. Daraus entstand das flächenmäßig größte Stadtentwicklungsprojekt St. Petersburgs. Seit 2005 werden nun dem Finnischen Meerbusen Stück für Stück insgesamt 476 Hektar Fläche abgerungen. In den kommenden zwanzig Jahren wird sich die Uferseite St. Petersburgs radikal wandeln: Als Herzstück entsteht ein Hafen für Kreuzfahrtschiffe, geplant sind auch Geschäfts- und Wohnviertel, Schulen, soziale Einrichtungen, Freiflächen für Sport und Erholung. Mit Ausnahme des ersten Bauabschnitts für das Kreuzfahrtterminal ist auch von diesem Projekt noch nicht viel zu erkennen.

Gleichwohl zeichnen brillante neue Stadtansichten ein Bild, das mit St. Petersburg nichts mehr gemein hat. Seine Wirkung bezieht es aus einer neuen Hochhaus-Silhouette am Ufer: Hier soll eine Stadt entstehen, die überall möglich und vorstellbar wäre, eine Stadt, die ohne das Historische auszukommen scheint und sich von dem Bestehenden frei macht. Eine Stadt, die sich nur noch von den großartigen Qualitäten des Wassers beeindrucken lässt und vor allem in diese Richtung Gesicht zeigen will.

Noch kann sich das Projekt wandeln, kann überlegt werden, was diese Stadterweiterung zu einem ebenso neuen wie für St. Petersburg einzigartigen Stadtteil werden lässt. Spätestens wenn für die "Meeresfassade" die Planung neuer Hochhäuser in Angriff genommen wird, wird eine Diskussion über die Vertikalen in St. Petersburg erneut entfacht werden.

Für die Petersburger wird sich die Zukunft ihrer Stadt weniger im Zentrum als jenseits davon entscheiden, ohne internationales Touristen- und Investorenpublikum. Industrie- und Wohngürtel, die sich beinahe schützend um das Zentrum legen, werden wie eine "zweite Stadt" behandelt. Hier, wo etwa 80 Prozent der fast fünf Millionen Einwohner leben und es große Flächenpotenziale gibt, könnte St. Petersburg demonstrieren, welche Vision es für alle Petersburger verfolgt. Bei einem Besuch dieser Stadtteile lässt sich erleben, in welch erschreckender Qualität 2008 mehr als 3,2 Millionen Quadratmeter neuer Wohnfläche entstanden. An den fast völlig vernachlässigten Grün- und Freiflächen kann man studieren, wie leichtfertig Architekten, Planer, Investoren und Kommunalpolitiker aus reiner Profitgier mit der Frage nach der Verbesserung der Lebensqualität jenseits des Zentrums umgehen.

Kehren wir zurück zum Newski- Prospekt, in das Singer-Haus. Längst ist es eine Ikone des "Stil modern" geworden. Wie kommt es, dass ausgerechnet dieses Bauwerk die gesamte Architektenschaft heute ausnahmslos begeistert? Der Besucher blickt aus dem vierten Stock über den breiten Newski, entdeckt kleine Metall-Nähmaschinen als Verzierung der Fassade, während von der anderen Seite die Kasaner Kathedrale mit ihrem Säulengang ihn scheinbar in die Arme schließen will.

Alles ist so wunderbar zusammengefügt und stimmig, so liebevoll und imposant zugleich. Schauen wir uns die Provokationen von einst an, diese den Globus tragenden nackten Frauenkörper gegenüber der Kasaner Kathedrale, die gigantischen Glasfenster.
Wieso konnten nicht alle schon vor hundert Jahren das Einzigartige erkennen? - Und so steht das Singer-Haus heute nicht nur als großartiger Bau da, es ist Symbol dafür, Innovation zu provozieren, das Unverwechselbare anzustreben und mehr Phantasie dafür zu haben, welche Wirkung Projekte zum Beispiel in hundert Jahren - eben in dem Zeitraum seit der Entstehung des Singer-Hauses - entfalten könnten.

Autor:
Daniel Luchterhandt