St. Petersburg Projekt für Straßenkinder

Vor dem "Grand Hotel Europe" eilt ein Livrierter auf den lautlos ausrollenden Maybach zu und öffnet den Wagenschlag. Illustre Herrschaften steigen aus der Limousine und entschwinden durch die von Pagen aufgehaltene Schwingtür des Portals ins Foyer der Luxusherberge. Draußen vor der prächtigen Fassade macht sich die 15-jährige Warja, die jüngste Auszubildende im Hotel, an den Pflanzkübeln zu schaffen. Die soeben eingetroffenen Gäste kommen aus Paris. Warja kommt aus Puschkin, genauer: aus dem dortigen SOS-Kinderdorf.

In St. Petersburg, wo der Deutsche Thomas Noll vor vier Jahren das Management dieses Luxushotels übernahm, leben schätzungsweise 10.000 Kinder auf der Straße und doppelt so viele in Waisenhäusern. Allen Versprechungen zum Trotz fanden weder Russlands ehemaliger Präsident Putin noch sein ebenfalls von hier stammender Nachfolger Medwedjew eine Lösung für dieses Elend.

"Es kann nicht angehen, dass wir in unserem Hause den Luxus herauskehren und nichts zurückgeben an die Stadt", sagt der Direktor und Chef von 500 Angestellten, die einen Beherbergungsbetrieb mit 301 Zimmern und Suiten für noble und betuchte Gäste auf Höchstniveau am Laufen halten. "Ich komme aus einem kleinen schwäbischen Dorf mit 800 Einwohnern, Luxus war mir kein Begriff. Aber ich bekam die Gelegenheit, aus meinem Leben etwas zu machen. Und genau darum wollte ich jungen Menschen in St. Petersburg ebenfalls eine Chance für einen Start in ein besseres Leben geben." Das hat Thomas Noll, der einmal Metzger und Koch lernte, getan.

Das "Grand Hotel Europe" leitet er im Auftrag der Orient-Express-Gruppe, die das mehr als 130 Jahre alte traditionsreiche Haus aufwendig renovieren ließ. Ein Hotel in ausgezeichneter Lage, gegenüber der Philharmonie und nahe dem Michailowski-Theater, zwischen dem Platz der Künste und dem Newski-Prospekt, als erstes Fünf-Sterne-Haus Russlands wurde es 1991 mit der großenteils originalen, prächtigen Jugendstilausstattung neu eröffnet. Als schönstes und ältestes noch bestehendes Hotel der Stadt steht sein heutiger Ruhm dem vergangener Tage nicht nach. War es einst Logis von Größen der Musikwelt wie Tschaikowsky, Strawinsky und Prokofjew, von den Schriftstellern Maxim Gorki oder George Bernard Shaw, so genossen in jüngerer Zeit die früheren US-Präsidenten Carter und Clinton, Prinz Charles und Elton John, Sharon Stone und Helmut Kohl, Boris Becker und der Dalai Lama den Komfort seiner Suiten. Im Restaurant "L'Europe" dinieren erfolgreiche Russen Seite an Seite mit internationalen Stars aus Politik, Kunst und Showbusiness.

Die Stellung als erstes Haus am Platz verpflichtet. Auch dazu, den Ärmsten zu helfen, so empfindet es der Hoteldirektor. Die Organisation eines Weihnachtsmarktes zugunsten zweier Waisenhäuser war der Anfang. Aber ein paar Bemühungen zur Weihnachtszeit reichten Noll nicht. Auf der Suche nach Institutionen, die sich junger Obdachloser annehmen, stieß der Hotelier auf "Ostrow", die "Insel". Hier finden Kinder für Stunden Zuflucht und Geborgenheit bei Menschen, die ihnen zuhören, zu essen geben.

Ostrow ist Anlaufstelle für Mädchen und Jungen zwischen sieben und 18 Jahren, die auf der Straße leben, häufig aus zerrütteten Familien kommen, verwahrlost, ungeliebt, oft misshandelt. Wie Anastasia, kurz Nastja, die mit sieben Jahren Zuflucht bei der "Insel" fand und dort meistens die Tage verbrachte. Für die heute 19-Jährige ist klar: "Nur durch Ostrow habe ich überlebt." Freundin Jana nickt zustimmend: "Allein hätte auch ich es nicht geschafft."

Die "Insel" ist ein notwendiges Auffangbecken, doch Perspektiven kann sie nicht bieten. Noll wagte deswegen ein Experiment: Er bot Jugendlichen eine Ausbildung im "Grand Hotel" an. Nastja und Jana waren die Ersten. "Anfangs war es schwierig, den Mitarbeitern zu vermitteln, warum wir diese Mädchen anstellen und ihnen besondere Konditionen bieten. Die älteren Angestellten waren beunruhigt, Kolleginnen zu bekommen, die nicht ausgebildet waren und dennoch das gleiche Gehalt wie sie bekommen sollten. Aber das war meine Bedingung: Die Kinder sollten so viel verdienen, dass sie sich selbst unterhalten können", erklärt Noll seine Idee. Klar war ihm auch, dass diese Jugendlichen eine besondere Betreuung brauchen. Einen Job, den Personalmanagerin Astrid Wenkel mit Begeisterung übernahm. Sie hatte zuvor für die Kindernothilfe gearbeitet, und nun wurde sie schnell zur Vertrauten für Jana und Nastja.

"Ich fühlte mich wie im Märchen."

Seit drei Jahren arbeiten die beiden Mädchen im "Grand Hotel". Die anfängliche Angst vor der neuen Welt hat sich gegeben. "Die Größe der Zimmer hat sie richtig geschockt", erinnert sich Astrid Wenkel. "Sie konnten auch nicht fassen, dass es immer zwei Fernseher gab und im Bad acht Handtücher." Nastja erinnert sich: "Das erste Mal, als ich ins Hotel kam, fühlte ich mich wie im Märchen. Ich dachte, es ist der schönste Platz in St. Petersburg, und hierher kommen so viele bedeutende Leute. Ich war 16. Anfangs habe ich es nicht geschafft mit den Zimmern, aber dann hat man mir leichtere Arbeiten gegeben. Uns wurde sehr geholfen." 27 Zimmer muss Nastja auf Vordermann bringen: Betten beziehen, putzen und frische Handtücher verteilen. "Im letzten Jahr war ich das beste Zimmermädchen, ich wollte das unbedingt schaffen. Ich beende jetzt die Berufsschule und habe das Aufnahmeexamen für Management an der Universität bestanden", sagt Nastja, die von der Hausdame als "sehr flink, aber verschlossen" gesehen wird.

Nastja arbeitet hart. Ein Ansporn ist ihr auch der zehnjährige Bruder, der im Heim lebt. Er soll es eines Tages gut haben. Sie fühlt sich für ihn verantwortlich, denn die Eltern gibt es quasi nicht mehr. Der Vater verkaufte die Wohnung hinter dem Rücken der Familie und verschwand. Der psychisch kranken Mutter wurde bald danach das Sorgerecht entzogen. Anfangs hat Nastja viel geweint bei der Arbeit, aber sie kämpfte sich durch. In diesem Jahre wurde sie "Beste Angestellte des Monats" und befördert. Sie bewährt sich nun im Restaurantbereich und beginnt, auf eigene Kosten Englisch zu lernen.

Auch Jana kommt aus einer kaputten Familie. Ihre Mutter hat schwere Alkoholprobleme. Der Bruder, ein paar Jahre älter als sie, brachte sie im Alter von acht Jahren zu Ostrow. Seit sie im Hotel arbeitet, lebt die junge Frau in einem Wohnheim. "Mein großer Traum ist, mal einen eigenen Platz für mich zu haben, vielleicht ein Zimmer in einer Kommunalka, einer Gemeinschaftswohnung." Schon als Kind wünschte sie sich, in der Küche zu arbeiten. Im Hotel absolviert sie ihre Ausbildung in der Konditorei. "Am Anfang machte es mir Angst, hier zu arbeiten, weil ich außer Nastja niemanden kannte und auch die Arbeit ungewohnt war." Jana arbeitet sehr gut - "aber nur, wenn sie will", fügt ihr Vorgesetzter hinzu.

ie positiven Erfahrungen mit Jana und Nastja bestärken Thomas Noll und Astrid Wenkel in ihrem Engagement. Seit zwei Jah-ren arbeiten sie mit dem SOS-Kinderdorf in Puschkin (Zarskoje Selo) zusammen. Hier leben etwa 65 Kinder in zwölf Familienhäusern mit ihren Kinderdorf-Müttern. "Als Betreu-erinnen sind sie für die gute Zusammenarbeit wichtig", sagt Astrid Wenkel. "Sie müssen wissen, wo die Kinder arbeiten und die Verhältnisse dort kennen. Deswegen besuchen die Müt-ter des SOS-Kinderdorfes regelmäßig das Hotel."

Warja ist mit 15 Jahren die Jüngste der Auszubildenden im Hotel. Seit sechs Jahren lebt sie im SOS-Kinderdorf. Die Mutter war früh aus ihrem Leben verschwunden. "Sie hatte keine Lust, Kinder großzuziehen", sagt Warja. So blieb sie allein mit ihrem Vater, dem man aber das Sorgerecht entzog. Sie kam ins Waisenheim, bevor sie das Glück hatte, "ihre Familie" im SOS-Kinderdorf zu finden. Seit einigen Monaten arbeitet Warja im "Grand Hotel Europe" in der Floristik. "Am Anfang mochte ich mich gar nicht über die endlosen Flure bewegen, um in den Zimmern die Blumen auszutauschen. Wie leicht hätte ich mich verlaufen können!" Aber sie lernte, sich etwas zuzutrauen und hat große Ziele: Pädagogik oder Psychologie möchte sie studieren. "Ich will einmal Kindern helfen, die in einer ähnlichen Lage sind, wie ich es war."

"Nichts Gutes, an das man sich erinnern könnte", sagt Walentina über ihre Kindheit. Sie war zehn, als ihre Großmutter starb. Die Eltern hatten kein Interesse an ihren Kindern. Die heute 19-Jährige lebte acht Jahre lang im SOS-Kinderdorf mit sechs "Geschwistern", zu denen sie noch Kontakt hält. Walentina hat ein Zimmer in der Stadt.

"Am Anfang war das ganz merkwürdig hier im Hotel. Ich war sehr beschämt, wie schön alles ist", sagt die junge Frau, die seit gut einem Jahr in den Katakomben des Hotels, der Wäscherei, arbeitet. Und sie schwärmt: "Es riecht so gut!" Mit dem Job finanziert sie ihr Studium der Finanzwissenschaft. Ihr Traum: eines Tages im Hotel als Finanzbuchhalterin zu arbeiten und eine Familie zu gründen.

Thomas Noll freut sich über "seine" Mädchen und Jungen, die sich und ihr Leben in den Griff bekommen. Er möchte auch allen anderen in dem SOS-Kinderdorf Hoffnung geben. Darum organisierte der Hotelier vor dem vergangenen Weihnachtsfest eine besondere Aktion: Jedes Kind durfte einen Wunsch auf einen Zettel schreiben und ihn an den prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum im Hotel hängen. Die Stammgäste erfüllten die Wünsche und bereiteten den Kindern ein unvergessliches Fest.

Zehn Jugendliche arbeiten heute im Grand Hotel Europe. Die meisten kommen aus dem SOS-Kinderdorf. Die erste Absolventin des Nollschen Modells, die 19-jährige Nastja, hat ihre Ausbildung kürzlich beendet und will Management studieren.

Der Hotelier bot Nastja an, ihr das Studium zu finanzieren. Doch sie hat abgelehnt. Arbeitet weiter im Hotel und studiert parallel. Für Thomas Noll ist ihre Entscheidung die wohl beste Bestätigung für seinen Einsatz für Kinder in Not: eine Ausbildung als Weg in die selbstbestimmte Zukunft.

Autor:
Eva Gerberding