Russland DIe Kulturrevolution "Pu10" in Petersburg

Wer die Puschkinskaja 10 sucht, Russlands erste Adresse für nonkonformistische Kunst, gerät erst einmal an die falsche Adresse. Der irritierte Besucher klappert die Hausnummern in der ruhigen Puschkinstraße vergeblich ab. Als wirkten die sowjetischen Gesetzmäßigkeiten der Desorientierung immer noch nach. Ein unscheinbares Tor am parallel verlaufenden, belebten Ligowski-Prospekt 53 schließlich ist der Zugang zu dem autonomen Kulturzentrum, seit Ende der achtziger Jahre der St. Petersburger Mittelpunkt kreativer Unrast, oppositionellen Künstlergeists und neuer Utopien.

Ein einzigartiges Konglomerat von Künstlerateliers, Galerien, Museen, Konzerträumen und Klubs hat sich im Hinterhof etabliert. Das Publikum ist bunt, auch zur Feier des zwanzigjährigen Jubiläums im Juni 2009. Künstler von überall her präsentieren in Ausstellungen, Konzerten, Installationen und Performances sich und ihre neuesten Werke. Quirlig und gegen den Strich gebürstet wie eh und je gibt sich "Pu 10" - obwohl viele Akteure heute mit weißen Haaren daherkommen, auch "Ehemalige", die irgendwann aus Russland emigriert sind. Ihr gesetztes Aussehen und Alter lassen die Rebellen von damals oft nur noch erahnen. Neben ihnen stehen junge Punks und hören, was das eigens für diesen Tag zusammengestellte "Richtig lebendige Orchester Pu-10" zu bieten hat.

Die sechs Musiker haben sich mit ihren Instrumenten im Hof aufgebaut und spielen, was ihnen in den Sinn kommt. "Geübt haben wir vorher nicht, das war reine Improvisation", erzählt Vera Dorn nach einer Free-Jazz-Einlage. Die deutsche Saxophonistin und Fotografin lebt seit zwölf Jahren in St. Petersburg. "Wir haben gut gegen das Wetter angespielt, denn es wollte regnen!" Hätte gestört, denn auf Höfen und Dächern der Puschkinskaja 10 wird den ganzen Tag gemalt, installiert, Musik gemacht, getanzt, geklönt, gegessen, getrunken.

Die Besucher des Jubiläums-Hausfestes lassen sich durch die Korridore und Ateliers treiben, ziehen von Tür zu Tür, durch die zahlreichen nichtkommerziellen Galerien, durch Kleinverlage, das "Techno Art Centre", das längst berühmte Museum für nonkonformistische Kunst, die Galerie für Experimentalklang und durch die Fish Fabrique, die Club und Café ist. Die Stimmung ist überdreht, gegen Abend wird es richtig voll und richtig laut. "So war das früher immer", sagt wehmütig einer, der schon sehr lange dabei ist.

An normalen Tagen ist die Puschkinskaja 10 eher eine Oase der Ruhe. Im Innenhof betritt man eine ganz eigene Welt. Von den ursprünglichen Ausmaßen ist heute nur noch ein Drittel übrig, in den Wohnungen des größeren Teils etablierten sich wohlhabende Zeitgenossen. Und die zogen einen hohen Zaun, damit die "wilden Künstler" nicht ihr Territorium verletzen. Die hatten tatsächlich wild angefangen - in den ungestümen und anarchischen letzten Jahren der Sowjetunion, als die Menschen immer ärmer wurden.

Damals gab es jede Menge leer stehender Wohnhäuser, die Stadt hatte kein Geld für Sanierungen. Die endlich aus der Illegalität tretende nonkonformistische und inoffizielle Kunst suchte nach Plätzen für ihre Aktionen. Das Abbruchhaus an der Puschkinskaja erschien ihren Initiatoren als idealer Ort. So wurde es einfach besetzt. Damals gab es weder Wasser noch Strom. Kolja Wasin, treuester und verrücktester Beatles-Fan Russlands, erzählt, sie hätten das Wasser aus den Nachbarhäusern geholt. Freunde hätten ihm einen Kamin gebaut, weil die Heizungen nicht funktionierten. Der Kampf der Nonkonformisten um ihre Daseinsberechtigung endete schließlich mit einem Kompromiss - das Haus wurde saniert, der hintere Teil ging an die Künstler, die renovierten Wohnungen an der Puschkinskaja wurden teuer verkauft.

In einem der vierzig Ateliers arbeitet der Maler Boris Koschelochow, einer von der "alten Garde". Vor der Tür seines Ateliers steht eine beängstigend wirkende Figur aus Holz und Metall hinter Glas - die "Kinematische Skulptur" des heute in Schottland lebenden Bildhauers Eduard Bersudski. Boris langt kurz auf den Verteilerkasten neben der Tür und drückt einen Schalter. Und die Figur setzt sich in Bewegung, die Arme drehen eine Kurbel, Glöckchen bimmeln, rote Augen blitzen auf, Ketten rasseln.

Wahrhaft dämonisch, das Ding. Und irgendwie typisch petersburgisch - traurig, gefangen. Auch Boris ist der Meinung, diese unheilvoll wirkende "Maschine" stehe da genau richtig, denn die Puschkinskaja sei so etwas wie der Mikrokosmos der Petersburger Mythologie. Aber nicht nur das - "Puschkinskaja 10" ist für ihn ein Synonym für Schaffensfreiheit, für Neuerertum, für kühne Ideen und die ewige Bewegung nach vorn. Und auch darin ähnelt die einstige Künstlerkommune verblüffend der Stadt, in der sie sich befindet.

Besuch beim Beatles-Freak

Boris Koschelochow ist ein Urgestein des Künstler-Undergrounds der siebziger Jahre, einer der damaligen Nonkonformisten, die bis heute nichts von ihrer Kreativität und ungemeinen Arbeitsintensität eingebüßt haben. Er sieht aus wie der typische Besucher des Künstler- und Intellektuellen-Stehcafés "Saigon", des legendären Treffpunkts aller kreativen Außenseiter in den achtziger Jahren: trägt einen wilden Wuselbart, zum Knoten gebändigte lange Haare, hat einen flammenden Blick und ein hageres, von Furchen durchzogenes Gesicht.

Koschelochow ist ein Maler, der nicht nur in großen Dimensionen denkt, sondern auch sehr großformatige Bilder schafft. Er fühlt sich als Nachfolger der "Neuen Wilden". Seit über einem Jahrzehnt arbeitet er an dem Projekt "Two Highways", das seine künstlerische Suche nach der Möglichkeit, "visuell zu philosophieren", vollenden soll. Wenn die "Highways" fertig sind, sollen sie 6000 Quadratmeter einnehmen. Dass er damit möglicherweise in das Guinness-Buch der Rekorde kommt, interessiert ihn nicht, das seien "weltliche" Dinge, die einem wahren Künstler nichts bedeuteten.

Boris bietet Kaffee an. Eigentlich ist zum Kaffeekochen kein Platz in dieser Einzimmerwohnung - alles ist mit Bildern, Büchern und Farbkartons zugestellt, auch Küche und Bad. Also steht der Wasserkocher im Flur, auf einem kleinen, mit an die zwei Dutzend Thermoskannen vollgestellten Tisch. Boris kocht sich Kaffeevorrat für eine Woche, damit ihn nichts vom Schaffen ablenkt. Aufs Essen legt er wenig Wert, solange genug Brot im Haus ist.

Beatles-Musik dröhnt im Innenhof. Jeder Besuch in der Puschkinskaja bleibt unvollständig ohne eine Stippvisite bei Kolja Wasin. Dieser Mensch gilt als Verkörperung all dessen, was sich das Kulturzentrum auf die Fahnen geschrieben hat.

Kolja lebt seit 1992 in der Puschkinskaja. Er träumt davon, einen John-Lennon-Tempel der Liebe, des Friedens und der Musik zu bauen und die Menschheit damit zu beschenken. Für ihn sind die Beatles "das neue Christentum", das den Menschen Liebe, Musik und Freiheit bringt. In seinem "Office", wie er es nennt, stehen an die 20 verschiedene Modelle seines Tempels. Er verkauft "Tempeltassen" in Herzform mit der Aufschrift "All we need is love", Abzeichen und CDs.

Althippie Kolja sammelt seit Jahrzehnten jeden Schnipsel über die Beatles, dessen er habhaft werden kann, und erzählt allen Leuten von seiner schönen, etwas verrückten und wohl utopischen Idee. "Ich kriege jeden Tag Besuch von Menschen aus der ganzen Welt", sagt Wasin. "Und allen sage ich: 'Dig it and join us!'" Es klingelt an der Tür. Vier Jugendliche in einem Outfit, das hart an Woodstock und die Blumenkinder erinnert, fragen schüchtern an, ob sie reinkommen können. Eigentlich ist nur Freitagabend "Empfangszeit", aber Kolja weist niemanden ab.

Die Puschkinskaja - ein Anachronismus? Manche meinen, sie habe sich überlebt, sei zu einem "weißbärtigen Altväterverein" geworden und habe ihren Wert nur noch als Erinnerung an die Zeiten, als die Nichtoffiziellen aus dem Untergrund kamen und sich ihre Räume eroberten - immer wieder von politischen Repressionen und wirtschaftlichen Interessen bedroht.

"Heute ist die Kultur anders, schnelllebiger; die Jugend macht Computerkunst, auch die Drogen sind andere", meint Vera Dorn, die Frau mit dem Saxophon. Klar, die Zeiten, als die Künstler sich aus Protest und als Not- und Lebensgemeinschaft zusammentaten, sind längst vorbei.

Und dennoch: Zwanzig Jahre nach dem Ausbruch aus kultureller Starre ist die Puschkinskaja immer noch Avantgarde, zu der sich die alternative Szene St. Petersburgs hingezogen fühlt und sich an kreativer Improvisation begeistert. Um dann hinterher durch den Toreingang auf den hektischen Ligowski-Prospekt zu treten und das Gefühl zu haben, aus einer ganz besonderen Dimension in die laute, schnöde Realität zurückzukehren.

Autor:
Susanne Brammerloh