Russland Die Eremitage in St. Petersburg

Als Stefan Zweig 1928 zum 100. Geburtstag Leo Tolstois in die Sowjetunion eingeladen war, konnte er auch die ehemalige Hauptstadt des Zarenreiches besuchen, die nun Leningrad hieß. Nach dem "überlebendigen" und "zukunftsfreudigen" Moskau empfand der Gast Leningrad als "ausgelaugt" und "abgeklungen", nur noch als "historisches Denkmal seiner verschollenen Schicksalsmacht". In der Ermitage, die sich inzwischen in den Winterpalast ausgebreitet hatte, wollte er "nur Wesentlichstes" sehen und bekam das "Unvergleichlichste dieser Sammlung" gezeigt, "gerade das, was sonst nicht gezeigt wird: die Schatzkammer".

Keiner hat das Gold der Skythen und die Juwelen der Zaren so eindrucksvoll beschrieben wie Stefan Zweig, der "in diesem fürstlichen, überkaiserlichen, also zarischen Palast" das "Organische der russischen Revolution" zu verstehen glaubte. So hat die Ermitage zu allen Zeiten auf prominente und weniger prominente Besucher gewirkt: "zarisch". Und so sollte sie auch wirken, seit Katharina II. im Februar 1764 bei dem Berliner Kaufmann Johann Ernst Gotzkowsky die ersten 317 Bilder erwarb und neben dem Winterpalast ein Gebäude zu ihrer Aufbewahrung errichten ließ, das sie, bei Hofe sprach man Französisch, "Ermitage" nannte, "Einsiedelei".

Das Gebäude war bald zu klein für ihre vielen Käufe, und so ließ die Kaiserin anbauen. Der Kleinen Ermitage folgten die Große Ermitage, das Theater und die Raffael-Loggien. Mitte des 19. Jahrhunderts kam die von Leo von Klenze erbaute Neue Ermitage hinzu, woraufhin die Große zur Alten Ermitage wurde. Von Ausländern errichtet und vorwiegend mit westeuropäischen Sammlungen gefüllt, entsprach die Kaiserliche Ermitage dem multikulturellen Charakter der Hauptstadt mit ihren bedeutenden nationalen Minderheiten.

Auch unter den Mitarbeitern, den "Ermitaschniki", waren viele Ausländer, und noch in den 1920er Jahren sprach man in der Antikenabteilung Deutsch und in der Gemäldegalerie Französisch. St. Petersburg, Russlands "Fenster nach Europa", hatte eben immer auch ein Oberfenster: die Ermitage. Nur ihrem Namen hat sie nie entsprochen. Schon ihre Gründung war eine PR-Aktion, mit der Katharina die Aufgeklärtheit ihrer Herrschaft beweisen wollte. Auch allen weiteren Käufen folgte Europa mit angehaltenem Atem, ebenso den unerhörten Berichten von den freien Gesprächen in dieser "Republik von Gelehrten und Künstlern", wie der deutsche Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl sie nannte.

Auf den "Ermitagen" der Kaiserin war die Etikette außer Kraft gesetzt, jeder Gast durfte sich benehmen, wie er konnte oder wollte. Verboten waren nur lautes Reden, Zank, zu viel Alkohol und Fingernägelkauen, dem Fürst Potjomkin, der Kriegsheld und Geliebte, sich hingab, wenn Katharina nicht in der Nähe war. Ihre vielzitierte Klage, nur sie und die Mäuse hätten Freude an all den Schätzen, war jedenfalls nie ernst zu nehmen. Denn immer war die Kaiserliche Ermitage auch gesellschaftlicher Treffpunkt, eine phantastische Kulisse, vor der die hohe Petersburger Gesellschaft sich ein Stelldichein gab.

In der Kleinen Ermitage fanden Bälle statt, in der Alten Ermitage wohnten Staatsgäste, in der Neuen Ermitage wurden beim Schein von Tausenden Kerzen auch großartige Diners gegeben, und das Ermitage-Theater war bis weit ins 19. Jahrhundert die wichtigste Bühne in St. Petersburg, dieser "Wunderstadt der Welt", wie der Komponist Robert Schumann sie nannte.

Heute gehören die sommerlichen Fundraising-Empfänge im Winterpalast, zu denen Ermitage-Direktor Michail B. Piotrowski lädt, zu den wichtigsten gesellschaftlichen Ereignissen. Und noch etwas unterscheidet den Musentempel an der Newa von den anderen großen Museen der Welt, dem Britischen Museum, dem Louvre oder dem Prado: Als Museumsflügel des Winterpalastes war die Ermitage auch selbst Schauplatz wichtiger historischer Ereignisse. Mehr noch: Im 19. Jahrhundert, als Staatsrat und Ministerkomitee in der Alten Ermitage tagten, wurde Russland praktisch aus dem Museum regiert.

Im Pavillonsaal, wo sich heute die Besucher um die Pfauenuhr drängen, hatte Katharina II. ihr Kabinett. Dort traf sie wichtige Entscheidungen. Im Leonardo-Saal, wo die "Madonna Benois" und die "Madonna Litta" hängen, verhörte Nikolaus I. die Führer des Dekabristenaufstands vom Dezember 1825, worauf seine Kritiker ihm vorwarfen, er habe die Ermitage zur Polizeiwache gemacht. Im Sitzungssaal des Wissenschaftlichen Rates unterzeichnete Alexander II. am 19. Februar 1861 das Manifest zur Leibeigenenbefreiung.

Der Sturm auf den Weinkeller

Im Oktober 1917 lagerte ein Frauenbataillon in der Kleinen Ermitage, bereit, sich den Bolschewiki entgegenzuwerfen. Zum Glück ließ die Direktion es nicht darauf ankommen, und so überstand das Museum den "Sturm" auf den Winterpalast, der in Wahrheit eine friedliche Übernahme war, ohne Schaden. Allerdings ging die eigentliche Gefahr für die kostbaren Sammlungen nicht von den Revolutionären aus, sondern von den Trinkern, die vergeblich versuchten, die kaiserlichen Weinkeller unter der Alten Ermitage zu stürmen.

Auf manche dieser Ereignisse weisen Geschichtstafeln hin. Im Aufgang zum Theater erinnert eine Tafel an die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges und der Leningrader Blockade. Kein Wunder also, dass die Ermitage die Landesgeschichte reflektiert und "Schicksalsmacht" symbolisiert. Sie ist ein nationales Heiligtum. Ein russischer Mythos. Jedes Kind in Russland weiß, was das ist, die Ermitage, und so erscheint kaum noch vorstellbar, dass sie vor 1917 häufiger und ausführlicher von Ausländern als von Russen beschrieben wurde.

Obwohl die Kaiserliche Ermitage 1852 zum "öffentlichen Museum" wurde und allerlei Besuchsbeschränkungen mit der Zeit wegfielen, blieb sie im öffentlichen Bewusstsein noch lange eine Einrichtung des Hofes. Erst im 20. Jahrhundert entdeckten die Russen selbst erst richtig, welche ungeheuren Schätze ihre stolzen Selbstherrscher an der Newa zusammengetragen hatten - übrigens gekauft, selten requiriert oder gestohlen.

Mit dem Ende der Monarchie gingen die Sammlungen aus dem Privatbesitz der Romanows in das Eigentum des Staates über, die Staatliche Ermitage wurde zum Volksmuseum und zur Bildungseinrichtung. Aber sie wurde auch zur Arche, die Hunderte enteigneter Sammlungen aufnahm und Kirchenkunst vor der Vernichtung durch die neuen Herren rettete. Auch davon erzählt Alexander N. Sokurow in seinem preisgekrönten Film "Russian Ark" (2002). Je mehr die stalinistische Sowjetunion sich abschottete, desto mehr wurde ein Besuch der "Arche Ermitage" zur Ersatzreise und manche Führung zur Vorlesung über Religion und Philosophie, wie sie in keiner Hochschule zu hören war. An Bord der "Arche" konnte immer ein bisschen freier geredet werden.

Es wurde aber auch gestohlen, jedoch nicht von Museumsbesuchern oder Angestellten. Nein, es war der neue Eigentümer, der Sowjetstaat, der die Ermitage als Devisenquelle missbrauchte und sich damit selbst beraubte. Sicher, auch Nikolaus I., der Erbauer der Neuen Ermitage, der sich selbst für den "ersten Künstler im Staate" hielt, ließ verkaufen, versteigern und entsorgen. Aber das war nichts im Vergleich zu den Massenverkäufen, mit denen Stalin die ersten Fünfjahrpläne zu finanzieren hoffte. Allein an US-Finanzminister Andrew W. Mellon gingen 21 Alte Meister, die später den Grundstock der National Gallery of Art in Washington bildeten.

Auf die Frage, welches historische Ereignis sein Haus am stärksten getroffen habe, nennt Michail B. Piotrowski denn auch nicht die Revolution von 1917, nicht die 900 Tage der Blockade im Zweiten Weltkrieg, nicht das Ende der UdSSR 1991 und den schmerzhaften Übergang zur Marktwirtschaft, sondern die Verkäufe der 1920er und 30er Jahre. "Sie waren wie eine furchtbare Überschwemmung, gegen die keine Dämme errichtet werden konnten." Kein Wunder, dass die Ermitage selbst in Zeiten größter Not nicht ein einziges Kunstwerk mehr verkaufen wird, auch keines von geringem Wert. Sie hat als erstes russisches Museum umfangreiche Untersuchungen zu den Verkäufen veröffentlicht und schon zu Beginn der 1990er Jahre Beutekunst aus Deutschland gezeigt.

Seit 1996 steht die Ermitage unter der Schirmherrschaft des russischen Präsidenten. Kein anderes Museum genießt diesen Status, und die "Ermitaschniki" sind stolz darauf. In seiner 17-jährigen Amtszeit hat Michail B. Piotrowski manche vorsowjetische Tradition wiederbelebt und noch mehr Neuerungen eingeführt. Die Ermitage legt ihre Finanzen offen, sie hat mittlerweile Fördervereine im In- und Ausland und gibt das englisch-russische Hochglanzmagazin Hermitage sowie die Hermitage News heraus. Im Rahmen des Projekts "Große Ermitage" wird der Ostflügel des Generalstabsgebäudes am Schlossplatz zum Museum des 20. und 21. Jahrhunderts umgebaut und durch die "Neue Große Enfilade" gleichsam zur organischen Fortsetzung der großen alten Ermitage-Räume.

Unter Piotrowskis Leitung hat aber auch das "Imperiale" wieder Einzug gehalten. Tradition ist alles, und dazu gehören die Aufnahme von Reliquien der Zarenzeit, Gedächtnisveranstaltungen sowie Führungen von Staatsgästen, die der polyglotte Direktor meist selbst vornimmt. Nie würde Piotrowski auch nur einen Nebensaal für eine Hochzeitsfeier vermieten, und die Rock- und Popkonzerte auf dem Schlossplatz sind ihm ein Gräuel. Hingegen fördert er das hauseigene Orchester, die Camerata St. Petersburg, und die hochkarätigen Festivals seiner Musikakademie, die im Februar und im Juni/Juli Weltstars präsentieren und internationales Publikum in die Ermitage locken.

Mit der Finanzkrise geht die Ermitage souverän-gefasst um, schließlich ist sie Geldknappheit gewohnt. Da nur ein Teil ihrer Einnahmen von Sponsoren kommt, treffen sie Abstriche in diesem Bereich weniger hart als viele westliche Museen. Schon immer hat sie den Großteil ihrer Ausstellungen aus eigenen Beständen bestritten, nun wird sie noch stärker auf ihren reichen Fundus zurückgreifen. "Als wir unsere erste Krise erlebten, haben wir von unseren westlichen Kollegen gelernt, wie man Geld verdient", sagt Piotrowski, "jetzt lernen die Kollegen von uns." Niemand wurde entlassen, aber die Gehälter wurden gekürzt. Wenn die Ermitage etwas in ihrer 245-jährigen Geschichte gelernt hat, dann ist es das Überleben aus eigener Kraft.

Autor:
Marianna Butenschön