St. Petersburg Das Michailowski-Theater

Geld ist auch in Russland nicht alles. Was macht man, wenn man Millionen verdient und sich trotzdem langweilt? Man studiert Theaterwissenschaft! "Viel zu lange habe ich mich mit dem Business beschäftigt. Irgendwann verspürte ich den inneren Drang, etwas anderes zu tun. Vor allem: radikal mein Leben zu ändern. Denn Business - das ist Krieg!"

Wladimir Abramowitsch Kechman, Generaldirektor des traditionsreichen Michailowski-Theaters und Vorstandsvorsitzender des Obstimperiums JFC, lehnt sich zufrieden zurück. Ein Millionär mit Diplom in Theaterwissenschaft - im Sommer 2009 mit Auszeichnung erworben. Das ist beispiellos selbst im russischen Neukapitalismus, dessen Exponenten mit ihren Aktionen und Auftritten für jede Überraschung gut sind. "Jetzt bin ich professionell ausgebildet, das Theater zu leiten", sagt Kechman. "Die vergangenen zwei Jahre waren für mich eine einzigartige Erfahrung, und ich danke Gott, dass mir dieser neue Beruf zugefallen ist."

Das neue Leben beginnt für Wladimir Abramowitsch im Sommer 2007. Auf der Bühne des altehrwürdigen Zarentheaters Michailowski läuft der Film "Easy Rider". Im Zuschauerraum sitzt Dennis Hopper zwischen den jungen Schönen und Reichen von St. Petersburg, danach wird gefeiert. Ein Fest zu Ehren des malenden Hollywoodstars, der eine Retrospektive seiner Arbeiten in der Ermitage eröffnete. Zwei Monate vorher hat Kechman das Haus übernommen. Es war marode und pleite. Kechman zahlte angeblich 15 Millionen Dollar und bekam dafür den Posten des Generaldirektors. Ein Jahr später, auf den Galaabenden zum 175. Geburtstag des Theaters, geben sich Größen wie der russische Balletttänzer Faruch Rusimatow und der argentinische Tenor José Cura die Ehre und reißen das Publikum zu Beifallsstürmen hin.

Der neue Direktor liebt die große Geste, und zu Beginn machte die Theatertruppe euphorisch mit, als Haus und Bühnentechnik schnell, effizient und ohne Knausern restauriert wurden (der Japaner Yasuhisa Toyota brachte die Akustik auf den neuesten Stand). Aber Kechman liebt auch den Mix, vornehme Zurückhaltung bei künstlerischen Entscheidungen gehört nicht zu seinen hervorstechenden Eigenschaften. Als er immer häufiger ins Programm und bei den Proben eingriff, gingen etliche Künstler auf Distanz. Doch womöglich waren es die bestürzten und bald hämischen Kritiken, die den Obsthändler bewogen, seinen Enthusiasmus mit einem Theaterstudium zu unterfüttern.

Das Michailowski-Theater liegt zentral am Ploschtschad Iskusstw, dem Platz der Künste. Hier, wenige Schritte vom Newski-Prospekt entfernt, wurde es im Stil des Alexandrinischen Klassizismus von dem deutsch-russischen Architekten Alexander Brüllow errichtet, der auch andere großartige Bauzeugnisse in St. Petersburg hinterließ. Im November 1833 eröffnet, war das Michailowski mit seinen 980 Zuschauerplätzen neben dem Mariinski- und dem Alexandrinski-Theater die dritte imperiale Bühne in der Hauptstadt Russlands und machte sich einen Namen mit erstklassigen Opern- und Ballettaufführungen. In der frühen Sowjetzeit galt es unter dem Namen Maly ("kleines") Theater als Experimentierbühne für moderne Musik. Der Regisseur Wsewolod Meyerhold arbeitete hier, und Schostakowitschs Opern "Die Nase" und "Lady Macbeth von Mzensk" kamen auf der Bühne zur Uraufführung.

Der neue Direktor versucht die Traditionen des Theaters zu beleben. "Wir haben jetzt 40 Millionen Dollar in das Haus investiert. Das war zum Teil mein persönliches Geld, zum Teil aus dem Fonds des Theaters, aber es waren auch Spenden von Freunden, Sponsoren, die ich gewonnen habe." Wladimir Abramowitsch Kechman möchte nicht einfach nur zu den Gewinnern des Systemwechsels in Russland gehören - er repräsentiert auch eine neue Unternehmergeneration, die Kultur mitgestalten will: "Ich habe mit meiner Firma schon seit langem Kulturprojekte unterstützt und werde das auch weiter tun. Wir bewegen uns also in eine Richtung!"

Kechman, 41 Jahre alt und Vater von drei Kindern, ist kein St. Petersburger. Er wuchs im südrussischen Samara (in der Sowjetzeit: Kuibyschew) in einer jüdischen Familie auf, religiös erzogen wurde er jedoch nicht. Erst vor einigen Jahren entdeckte er für sich die Religion. In der russisch-orthodoxen Kirche fand er "Antworten auf seine Fragen" und ließ sich taufen.

Das Ziel: Die Fusion von Populär- und Hochkultur

Anfang der neunziger Jahre, als in Russland Mangelwirtschaft herrschte, handelte der studierte Pädagoge mit Zucker, bevor er mit dem Import von Bananen richtig Geld machte. "Ich dachte lange darüber nach, was man importieren könnte. Es sollte etwas sein, das auf keinen Fall in Russland hergestellt werden kann. In Russland ist wegen der klimatischen Bedingungen die Versorgung mit Südfrüchten immer ein Problem gewesen. So kam ich auf Bananen. Inzwischen importieren wir sie nicht nur, sondern produzieren auch. Wir besitzen eigene Plantagen in Ecuador und Costa Rica. Ich denke, wir sind heute die größten Bananenproduzenten für ganz Osteuropa - mit einer eigenen Distributionsfirma und einem Logistikunternehmen."

Mehr als 5 000 Hektar Land, auf denen 5 000 Menschen arbeiten, und 14 Frachtschiffe gehören nach eigenen Angaben dem Unternehmen. Die Bananen werden zu 70 Prozent auf dem russischen Markt verkauft, der Rest in Osteuropa. Sein Business, sagt Kechman, werde von seiner Tätigkeit als Theaterdirektor nicht beeinträchtigt: "Das läuft schon lange ohne mich gut."

"Wer vergnüget herrschen will, muss Verstellung üben", singt der Titelheld Boris Goudenow in Johann Matthesons Barockoper von der Bühne des Michailowski-Theaters. Verstellung aber ist nicht Sache des Theaterdirektors Kechman. Er verhehlt nicht, dass er Populär- und Hochkultur fusionieren will, sein Theater öffnen für italienisches Belcanto und Jazzkonzerte, für Firmenjubiläen und Filmpremieren: Im Frühling 2009 wurde im Michailowski-Theater die Premiere einer Neuverfilmung von "Anna Karenina" begeistert aufgenommen.

"Das Theater steht heute in Konkurrenz zum Fernsehen, zum Kino und zum Internet. Wir müssen um die Zuschauer kämpfen", erklärt der Manager und Mäzen und entgegnet damit Kritikern, die auf die schwankende Qualität seines Spielplans verweisen. Im Gegenteil, er hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: "Alle meine Kräfte richte ich darauf, die russische Schule des Balletts, die einzigartig ist, weiter auszubauen. Ich investiere viel Energie, junge Balletttänzer und Pädagogen zu unterstützen. So werden wir im Herbst erstmals eine Charity-Gala mit Ball veranstalten, deren Erlös der Ausbildung zugute kommt." Auch ein Ballettfestival plant der Seiteneinsteiger, und er ist fest davon überzeugt, dass "sein Michailowski" eines Tages zu den zehn besten Opern- und Balletttheatern gehören wird.

Es sind anspruchsvolle Pläne, für deren Umsetzung er sich längst nicht mehr nur auf seinen Enthusiasmus verlässt. Der frisch gebackene Theaterwissenschaftler lässt sich jetzt von Experten beraten wie Russlands Opernstar Jelena Obraszowa und dem Wiener "Bühne"-Chefredakteur Peter Blaha. Den Slowaken Peter Feranec hat er als musikalischen Leiter verpflichtet. Die neue Ära begann Ende Oktober 2009 mit Dvoraks "Rusalka", geplant sind Neuinszenierungen von Tschaikowskis "Pique Dame" unter Peter Konwitschny und Halévys "La Juive", für die man den amerikanischen Tenor Neil Shicoff nach Petersburg holen wird. Und irgendwann soll auch wieder Schostakowitschs "Nase" auf ihrer Uraufführungsbühne zu sehen sein.

Vom Erfolg der nächsten Jahre wird viel abhängen. Noch gibt es Beobachter der Szene, die die Euphorie von Kechman nicht teilen und in ihm eher den Geschäfts- als den Theatermann sehen. Die exquisite Lage des Michailowski-Theaters in direkter Nachbarschaft zum Russischen Museum, zur Philharmonie und zum "Grand Hotel Europe", integriert in ein großzügiges Platzensemble, lässt böse Stimmen behaupten, Kechman wolle sich den gesamten Gebäudekomplex aneignen - eine Immobilienperle sondergleichen. Sein Vermögen wird laut Iswestija auf fünf Milliarden Rubel, etwa 110 Millionen Euro, geschätzt.

Doch vielleicht ist Geld ja wirklich nicht alles für den Obstler mit eigener Bühne. "Das Theater hat seine Energie und seinen Enthusiasmus wiedergewonnen. Das forderte meinen ganzen Einsatz. Aber", sagt er, "es hat sich gelohnt. Ich habe der Stadt ein Theater zurückgegeben." Kleine Rollen sind einfach nicht Sache des Wladimir Abramowitsch Kechman.

Autor:
Eva Gerberding