Russland Alltag und Bräuche in St. Petersburg

Eine Reise nach Sankt Petersburg ist auch immer eine Reise zu den Russen und zur russischen Seele. Leider verlässt ebendiese nur selten das Haus. Vergeblich sucht man sie auf der Straße, in der Ermitage, an der Newa. Im Mariinski-Theater ist sie auch nicht, man findet sie nicht bei der Kellnerin im Restaurant und ebenso wenig bei den Menschen in der Metro. Die russische Seele wird draußen, außerhalb des eigenen Zuhauses, Freundeskreises, der Familie vom russischen Blick verdeckt.

Der russische Blick ist undurchsichtig, unfreundlich, unnahbar, unbewegt, vor allem ist er aber: lächellos. Lächeln, so vermute ich, ist in der Öffentlichkeit verboten, im Dienstleistungsgewerbe wird er sogar mit Höchststrafen geahndet. "Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie mir vielleicht sagen, wo die Trambahn Nr. 5 fährt?", frage ich, aus dem Deutschen übersetzend, ich, die ich zwar hier geboren, aber in Deutschland lebe und meinen Petersburger Instinkt irgendwo dazwischen ein bisschen verloren habe. "Sind Sie dumm? Können Sie keine Schilder lesen? ", antwortet man mir russisch.

"Warum bist du denn so freundlich zu dem Mann, du kennst ihn doch gar nicht?", fragt meine Cousine. "Entschuldigen Sie, könnten Sie mir sagen, womit diese Pirogge gefüllt ist?", will ich an der Theke meines Lieblingscafés "Sewer" am Newski-Prospekt wissen, mein Portemonnaie in der Hand, bereit, Geld in diesem Dienstleistungsunternehmen auszugeben. "Sehe ich aus wie ein Auskunftsbüro? Junges Mädchen, entweder Sie bestellen, oder Sie denken hinten in der Schlange nach!", zischt mich die Kellnerin an, so dass es jeder im Café mithört. "Was denn?", kontert meine Cousine meinen verzweifelten Blick. "Für Freundlichkeit werden die hier nicht bezahlt. Iss jetzt deine Pirogge." Die Pirogge ist mit Apfel gefüllt, die einzige Füllung, die ich nicht mag.

Nein, die russische Seele ist weder in diesem noch in anderen Cafés dieser Stadt zu finden. Der Tourist könnte fast meinen, sie sei ein Gerücht. Sollte er nicht annehmen, der Glanz an einem sonnigen Tag auf den Kuppeln und Türmen dieser wunderschönen Stadt oder die Romantik der zauberhaften weißen Nächte müsse die Petersburger Seele mit harmonischer Umgänglichkeit erfüllen? Nein. Definitiv nicht. Vielleicht schauen die Russen nach außen hin deshalb so russisch, weil sie all ihre Freundlichkeit, ihren Charme, ihre übersprühende Liebe, all ihre russische Seele für die Gastfreundlichkeit zu Hause, für die Beziehungen nach innen aufsparen müssen.

Gehört man zum inneren Kreis, bekommt man schnell zu viel. Zu viel Essen, zu viel Wodka, zu viel Fürsorge, zu viele Geschenke, zu viele Ratschläge, zu viel Liebe, zu viel. "Willst du noch mehr Kartoffeln?" "Nein, danke. Ich bin satt." "Hier sind noch mehr Kartoffeln. Sascha, gib ihr noch Fleisch!" "Entschuldige, es schmeckt zwar köstlich, aber ich bin satt." "Dann sind hier ein paar Pelmeni, die sind ganz leicht, denn du brauchst noch Hunger fürs Hauptgericht. " - Ein "Nein, danke" verstehen die Russen im Zusammenhang mit Essen und Trinken grundsätzlich als "Ja! Ja! Ja!!!". Eine russische Familie hat man sich vorzustellen wie einen riesigen Bienenschwarm: Wie einem Honigbrot die Bienen, folgen einem die Familienmitglieder überallhin.

"Hast du gut geschlafen? Hast du schon etwas gegessen? Was hast du gegessen? Nein, das ist kein Frühstück, ich mache dir eins! Wo willst du heute hin? Du musst dir die neue Ausstellung im Russischen Museum ansehen! Aber guck nach links und rechts, wenn du eine Straße überquerst! Und warum hast du keine Mütze auf, es ist kalt draußen! Du musst eine Mütze aufsetzen! Warum packst du Taschentücher ein? Bist du krank? Ich glaube, du bist krank, du solltest zu Hause bleiben! Ja, du bleibst einfach hier, ich kümmere mich um ein Mittagessen für dich!"

Um zu einer russischen Familie zu gehören, muss nicht dasselbe Blut in den Adern fließen, nein, man muss nicht einmal Russe sein. Es reicht vollkommen, erstens einen Russen kennenzulernen und sich von ihm nach Hause einladen zu lassen ("einfach so vorbeikommen, Freund, kein großes Abendessen, nur ein paar Kleinigkeiten"). Sich zweitens durch fünf bis sieben Gänge zu kämpfen (verschmäht werden dürfen vor allem nicht: Kaviar sowie alle selbst gezüchteten, geernteten und eingelegten Datscha-Produkte wie Salzgurken, marinierte Pilze oder Marmeladen, die voller Stolz auch jeder neureiche Russe präsentieren wird, der den Rest des Abends mit seiner aus Italien eingeflogenen, maßgeschneiderten Küche und der rosafarbenen Stretchlimousine seiner Frau prahlt).

Drittens muss man ein paar sehr persönliche Fragen über Privatleben und Zukunftspläne beantwortet haben, denn während Small Talk in Russland als Zeitverschwendung verachtet wird, gelten die Fragen "Warum bist du nicht verheiratet?" und "Wann bekommst du Kinder?" als abendfüllende Themen. Viertens muss man mehrmals überzeugend versichert haben, dass St. Petersburg die schönste Stadt der Welt ist, der Sitz der Intelligenzija sowieso, und man niemals, unter gar keinen Umständen das große Dorf namens Moskau betreten würde, denn was ist schon die Tretjakow-Galerie gegen die Ermitage? Fünftens müssen selbstverständlich ein paar 100- Gramm-Gläser Wodka auf Bruderschaft gekippt werden, und schon ist man zum Familienmitglied avanciert.

Über den Wodka sind eine Menge falscher Gerüchte im Umlauf

"Ich liebe dich!", wird man jetzt im Fünf-Minuten-Takt hören. "Ich liebe dich wie einen Freund!" Das ist die russische Seele. Über den Wodka sind ja hierzulande eine Menge falscher Gerüchte im Umlauf. Zum Beispiel, dass die Russen diesen in Unmengen saufen. Allein, dieses Verb lässt sich nicht ins Russische übersetzen. Wodka trinken ist in Russland eine höchst philosophische Angelegenheit, die eher mit Freundschaft und Liebe als mit ausgelassenen Partys assoziiert wird. Wodka trinken ist ein dreistufiger, geregelter Prozess: Jedem Wodka geht ein Toast voran, eine emotionale, tränen- und witzreiche Rede, in der das Wort "Liebe" mindestens einmal vorkommen und die Hand mindestens drei Mal ans Herz gelegt werden muss.

Das Trinken an sich geschieht in schöner Schlichtheit und Stille: Ausatmen, auf Ex trinken, genießen. In die Augen schauen muss man sich beim Anstoßen im Übrigen nicht, noch nie hat man in Russland etwas von der Sieben-Jahre-schlechter-Sex-Regel gehört, was daran liegen mag, dass das Wort "Sex" nur in schlechten Kreisen und auch da nach sehr vielen Wodkaflaschen vielleicht ausgesprochen wird. Die Krönung des Trinkens ist das Nachessen: Jedem Schlückchen folgt etwas zu essen, eine Salzgurke, eine Sprotte, ein Brot, meinetwegen Chips. Ohne Nachessen trinkt ein Russe nicht. Wodka-Kater ist den Russen dank dieser Tradition kein Begriff.

Mindestens so viele Regeln wie das Wodkatrinken hat auch das russische Leben an sich. Die russische Seele ist eine gläubige Seele. Aberglauben ist ihre Religion. Lehnt man Hausschuhe ab, beleidigt man den guten Hausgeist. Schenkt man jemandem eine Uhr, nimmt man ihm sein Glück, denn die Glücklichen zählen keine Stunden. Setzt man sich als Ledige(r) an die Ecke eines Tisches, wird man niemals heiraten. Spricht man über das schöne morgige Wetter, "verschaut", verhext man es, so dass es auf jeden Fall regnet. "Verschauen " kann man übrigens so ziemlich alles, so manches Leben wurde schon damit zerstört, glauben die Russen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Bildungsgrad, ihrem Alter. Gegen Verschauen hilft eigentlich nur Spucken.

"Spuck über deine linke Schulter!" Hat man diesen, meist mit vielen wilden Gesten einhergehenden Ruf gehört, hat man widerstandslos zu gehorchen. Natürlich spuckt man nicht richtig. Man tut nur so. Aber das sagt einem vorher ja keiner. Schon so mancher hat die russische Gastfreundschaft strapaziert, indem er den obligatorischen Teppich an der Wand hinter sich getroffen hat. Teppiche hängen in Russland meistens an den Wänden. Sie sind rot, entweder gemustert oder mit Jagdszenen versehen, sie waren früher in der Sowjetunion ein Luxussymbol und hängen immer noch staubverbreitend dort. Ebenso wichtig wie Spucken ist übrigens Sitzen. Zum Abschied, kurz vor der Abreise, setzen sich alle kurz hin. Um sogleich wieder aufzuspringen. "Sitzen aufm Weg" nennt man das.

Aberglauben als Struktur des russischen Lebens. In jeder Wohnung, in der sich ein Teppich an der Wand findet, findet sich auch eine Gitarre. Sie wird spätestens nach der zweiten Toastrunde hervorgeholt, und dann wird gesungen. In Deutschland singen diejenigen, die es können. Diejenigen, die Töne treffen und Stimmlagen beherrschen. In Russland singt die russische Seele. Sie singt oft schief und falsch und immer aus vollstem Herzen. Immer singt sie über Abschied. Es erübrigt sich, einen Russen zu fragen, wovon das eben gesungene, natürlich melancholische Lied handelt. Es basiert bestimmt auf einem Gedicht eines berühmten Poeten, und es handelt garantiert von Abschied. Ja, selbst die Kinderlieder handeln alle von Abschied.

Wenn man dann aber selbst ein paar Lieder über Abschied mitgesungen hat und Abschied nehmen schwerfällt und die letzten Wodkatropfen und Tränen fließen, wenn man dann noch unbedingt einen letzten Toast ausbringen will und sich ein Kaviarbrot für den Weg einpacken lässt, wenn man alle umarmt und geküsst und geherzt hat und zum Abschied noch einmal sitzt, bevor man sich dann zum Finnländischen Bahnhof aufmacht, ja, dann hat man die russische Seele nicht nur gefunden. Man kann sogar auch ein Stück davon mit nach Deutschland nehmen.

Autor:
Lena Gorelik