Warnemünde Das legendäre Hotel Neptun

Der Ausblick ist fantastisch. Die aufgewühlte Ostsee erstreckt sich bis zum Horizont, der breite Strand liegt einem zu Füßen und hinten sieht man den Leuchtturm am Alten Strom. Ein paar Segelboote verlassen gerade den kleinen Hafen von Warnemünde. Anngret Voigt steht auf dem Balkon einer Suite im 17. Stock des Hotels Neptun, das Wischtuch in der Hand und schaut lächelnd hinaus. "Ist doch schön hier", sagt die altgediente Zimmerfrau. "Ich arbeite da, wo andere Urlaub machen." Seit 37 Jahren ist sie nun schon im Neptun angestellt, macht die Zimmer auf ihrer Etage sauber und kümmert sich hingebungsvoll um die großen und kleinen Wünsche der Gäste.

Dort wo Voigt jetzt steht, stand zu DDR-Zeiten noch regelmäßig Alexander Schalck-Golodkowski. Der berüchtigte Devisenbeschaffer gehörte damals zu den Stammgästen des 5-Sterne-Hotels, das Zimmer 1725 war so etwas wie die Ständige Vertretung des SED-Bonzen in Rostock. Urlaub machte der Schieber hier nur selten, dafür umso mehr krumme Geschäfte. Wenn Schalck-Golodkowski nicht in Warnemünde weilte, bewohnten andere wichtige Herrschaften die Suite. Sogar Fidel Castro genoss Anfang der 1970er Jahre hier die wunderschöne Aussicht.

Fast immer mit von der Partie war das Ministerium für Staatssicherheit, deren Beamte im Bedarfsfall ein paar Räume weiter wohnten und alle Augen und Ohren offen hielten. Angeblich war kein Gast vor ihnen sicher. Versteckte Mikrofone oder Kameras hat man allerdings trotz ausgiebiger Suche bis heute nicht in den Hotelzimmern gefunden. Dafür wurde nach der Wende manchem Neptun-Angestellten die eigene Stasi-Vergangenheit zum Verhängnis. So musste beispielsweise 2006 der ehemalige Empfangssekretär Thomas Klippstein seinen Hut als Direktor des Berliner Hotel Adlon nehmen. Klippstein hatte unter dem Decknamen "Benjamin" in Warnemünde für die Staatssicherheit Kollegen und Gäste ausspioniert.

"Ich bin froh, dass diese Zeiten vorbei sind", sagt Voigt. "Jetzt macht es hier einfach mehr Spaß." Früher sei allerdings weniger zu tun gewesen. Den glücklichen DDR-Bürgern, die einen Urlaub im Neptun ergattert hatten, teilte man während ihres Aufenthalts ein einziges Mal frische Bettwäsche zu. Mehr gab es nicht. "Die kamen schließlich einmal und nie wieder", erklärt Voigt die etwas sparsame Gastfreundschaft. Mehr Aufmerksamkeit wurde der Klientel aus dem Westen zuteil, die nicht nur wichtige Devisen, sondern auch Geschenke brachte. "Da gab es schon mal Seife, Schokolade oder Strumpfhosen für uns Zimmerfrauen als Mitbringsel."

Invasion der Kegelclubs

Direkt nach der Wende sei das Publikum im Neptun nicht so nett gewesen. "In den ersten Jahren nach der Grenzöffnung kamen die Kegelclubs aus den Alten Bundesländern", erzählt Voigt. "Die haben hier die Sau rausgelassen." Das sei keine schöne Zeit gewesen. Lieber denkt die 51-Jährige an die vielen Stammgäste, die schon seit Ewigkeiten im Neptun absteigen. "Einige rufen sogar immer vorher an, um sicherzugehen, dass ich nicht im Urlaub bin, wenn sie kommen."

Die Stammgäste sind für das Neptun Fluch und Segen zugleich. Jahr für Jahr kommen sie nach Warnemünde und sorgen mit ihrer eisernen Treue für eine stabile Auslastung des Hotels. Doch jede Veränderung könnte sie vergraulen. Das Neptun taumelt ein wenig hilflos zwischen heute und gestern. Eigentlich möchte die 5-Sterne-Herberge ein modernes Wellness-Hotel sein, doch noch immer ist man auch ein Tempel der gepflegten Ostalgie. Und so gehen die Gäste nach dem Besuch des schicken Thalasso-Zentrums zum Essen in den Ost-Imbiss "Broiler", der so aussieht als wäre Erich Honecker noch immer im Amt.

Einer der Hohepriester an diesem widersprüchlichen Ort ist Michael Sellmann. Ein Koch wie aus dem Bilderbuch: wohl genährt, Schnurrbart und mit reichlich Selbstbewusstsein ausgestattet. Der 55-Jährige fing 1971, nur ein paar Monate nach der Neptun-Eröffnung, in der Hotelküche als Lehrling an. Danach führte ihn sein Weg ein paar Häuser weiter in die "Schillerstraße 14". "Das beste Restaurant der DDR", wie Sellmann nicht ohne Stolz Unwissende belehrt. Anfang der 1980er Jahre ging die Reise ins ferne Angola. Als Freiwilliger verköstigte Sellmann dort LKW-Mechaniker des Arbeiter- und Bauernstaates auf Montage. Es folgte ein Engagement als Chefkoch in der DDR-Botschaft in London ehe er 1990 als Sous-Chef wieder ins Neptun zurückkehrte.

Der heutige Küchenchef weiß nur wenig Negatives aus der alten DDR-Zeit zu berichten. Eigentlich gäbe es heute nicht sehr viele Unterschiede zu damals. "Über die Stasi hörten wir hier nur Gerüchte", erzählt der gebürtige Schweriner. "Mich haben die nie gefragt." Und wenn man ihn gefragt hätte? "Keine Ahnung, das ist doch jetzt rein hypothetisch." Überhaupt sei das ganze Gerede um die Staatssicherheit völlig übertrieben. "Wissen Sie, wann hier die größte Überwachung stattfand?", fragt der Chefkoch und gibt auch gleich die Antwort. "Als 2002 die Fußballnationalmannschaft der USA bei uns im Neptun gewohnt hat."

Der klassische DDR-Broiler

Auch wenn er anders könnte: Sellmann ist kulinarisch ein Ewiggestriger. Er schwört auf die alten DDR-Rezepte. An seine Broiler kommen wie vor 30 Jahren nur Salz, Pfeffer und Paprika. Selbst die Puszta-Soße überstand die Wende unbeschadet. "Die Leute wollen halt den Geschmack von damals", sagt er. "Unsere am meisten bestellten Gerichte sind seit jeher die Scholle mit Gurkengemüse und der Angeldorsch in Senfsauce. Die gab es schon zu DDR-Zeiten." Die Stammgäste lieben den sperrigen Koch. Jüngst verliehen sie ihm feierlich einen "Stern der Herzen".

"Nur weil etwas vor 20 Jahren gut war, heißt das nicht, dass es heute nicht etwas Besseres geben kann", sagt Guido Zöllick. Auch der 40-Jährige war einst Lehrling im Neptun. Kurz vor der Wiedervereinigung absolvierte er hier eine Ausbildung zum Kellner. Ein Jahr nach dem Mauerfall wechselte er in ein Bremer Hotel und machte Karriere. Seit 2007 ist er als Direktor im Neptun tätig. Zöllick ist erst der zweite Boss in der Geschichte des Hotels. Vor ihm hatte Klaus Wenzel 36 Jahre die Leitung inne. Glaubt man dem Flurfunk, dann ist es kein leichtes Erbe für den jungen Manager. Wenzel regierte wie ein Patriarch, ließ sich selbst von den diversen Eigentümern des Hotels nicht ins Geschäft reinreden.

Anfangs musste der Neue um die Akzeptanz der Mitarbeiter im Neptun kämpfen. Einige seiner Angestellten kannten Zöllick schließlich noch als kleinen Lehrling. "Da wurden viele Grenzen ausgelotet", erinnert er sich heute. Seine ersten Ideen fürs Neptun stießen dann auch nicht unbedingt auf Gegenliebe. So definierte Zöllick den klassischen Stammgast neu. Galt früher noch die Anzahl der Übernachtungen als Grundlage für diverse Vergünstigungen im Hotel, so zählt heute nur der Umsatz des Gastes. Das sorgte für Unmut. Insbesondere bei den langjährigen Stammgästen, die plötzlich durchs Raster fielen und auf die ein oder andere Annehmlichkeit verzichten mussten.

Das Neptun ist unter Zöllick überlebensfähig geworden. Er verlässt sich nicht nur auf die alte Klientel, sondern versucht neue Gäste ins Hotel zu locken. Der gewiefte Hotelmanager setzt auf edles Marketing, Bonusprogramme und Kundenbindung. Mit der Ostalgie im Neptun hat Zöllick nichts am Hut. Mit ihm weht der Wind of Change durch die edle Herberge. Er sucht nach einem sanften Ausweg aus der ewigen Zeitreise in die alte DDR. Auch wenn das heißt, dass vielleicht der Angeldorsch in Senfsauce irgendwann einmal von der Speisekarte verschwindet.

Das Stasi-Kapitel ist für ihn ebenfalls abgeschlossen. "Mit meiner Geschichte hat das nichts mehr zu tun", sagt Zöllick. "Diese Zeiten sind endgültig vorbei." Es wird weitere Veränderungen geben. Für manch einen seiner Stammgäste hat dieser Umstand durchaus etwas Bedrohliches. Dem Neptun wird das allerdings nicht schaden. Ganz im Gegenteil. Und der Ausblick aus dem 17. Stock bleibt auch unter Zöllick fantastisch.

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Autor:
Denis Krah