Mit Stil Viele Gründe führen nach Rom

Wenn man am Flughafen Rom-Fiumicino ankommt, den Taxistand ansteuert, dort ungefähr 200 entnervte Leute stehen und auf einen kleinen schreienden Italiener mit Megaphon in der Hand schauen, dann liegt der Verdacht nahe, dass man in den einmaligen Genuss eines "sciopero" kommt. Neben "Danke", "Guten Tag" und "Idiot" ist "Streik" jetzt also ein weiteres italienisches Wort, das ich beherrsche.

Warum die Taxi-Fahrer letzte Woche gestreikt haben, habe ich nicht ganz verstanden, dafür reicht mein Italienisch nicht. Aber neben ständigem Streiken für alles und jeden, gibt es noch ein weiteres Klischee, das an diesem Morgen am Flughafen bestätigt wurde: Die Liebe der Italiener zu Kindern. Als der Streikführer, den ich nach dem Weg zum Bus gefragt hatte, meinen Bauch sah, rief er strahlend: "Ah, Bambini!" winkte eilig eines der "Emergenza"-Taxis herbei und sagte: "For a woman in your situation of course we have taxi!" Das soll natürlich keine Aufforderung sein, sich in Italien im Zweifelsfall ein Kissen unters Kleid zu stopfen, um auf einen Schlag 200 andere zu überholen, aber zumindest weiß ich jetzt, dass wir mit unserem geplanten Urlaub auf Sizilien alles richtig gemacht haben - schwanger sollte man eigentlich nur nach Italien fahren.

Natürlich gibt es jede Menge Gründe auch absolut unschwanger dieses Land zu besuchen, erst Recht Rom. Ich neige nicht zu Sentimentalitäten, aber wer am frühen Abend durch diese Stadt läuft, wenn das milchige Licht sich an die braunroten Häuser und Palazzi schmiegt und die Möwen über den Zypressen und Pinienbäumen kreisen, dann ist das fast zum Weinen schön. Glücklicherweise stehen immer irgendwelche amerikanischen Touristen in unmittelbarer Nähe, die einen mit ihrem "That's awesome!" sofort zurück in die Realität holen. Am Nebentisch im saß ein Mann aus Pittsburgh mit seinen beiden Kindern und seiner zweiten Frau (keine Spekulation, sie wurde mir als "second wife" vorgestellt, vielleicht macht man das im Patchwork-Zeitalter so), die jede einzelne frittierte Zucchiniblüte so penetrant feierten, dass ich mir gar nicht vorstellen mag, wie sie erst in der "Hostaria Romana" ausgeflippt wären. Die ist im Vergleich nämlich richtig "awesome", wenn auch nicht so edel. Offensichtlich hatte ihnen vor ihrem Italien-Trip niemand gesagt, dass man hier selbst beim Autogrill besser isst als in den meisten regulären Restaurants anderswo.

Das gute Essen und die Schönheit der Stadt muss einer der Gründe sein, warum Miroslav Klose nun hierher zieht. Am Fußball von Lazio Rom und der Serie A kann es kaum liegen. Oder Klose hat nach dem überkorrekten Beamtenverein Bayern München endlich mal Lust auf ein bisschen Schmutz, Anarchie und Abenteuer. Die Italiener freuen sich jedenfalls schon auf ihren panzer tedesco, auch wenn nicht ganz klar ist, wer ihnen diese Kettenfahrzeug-Propaganda eingeredet hat. Einen Sommer lang kann man sie ja in diesem Glauben lassen bis es im Herbst dann wieder stronzo tedesco heißt.

Wer weder schwanger ist, noch zur Gruppe alternder Fußballprofi gehört, sollte trotzdem unbedingt einmal nach Rom fahren. Mit großem Budget steigt man nach Möglichkeit nicht im Hotel "Aleph", sondern im sehr viel besseren, vor allem geschmackvolleren Rocco Forte "Hotel de Russie" ab, um dort mindestens einmal im treppenförmig angelegten Garten zu essen. Besonders gut Geld ausgeben kann man auch mit 7-Euro-Cappuccini rund um den Trevi-Brunnen. Oder man geht gleich ins Atelier zu Valentino (rechts von der spanischen Treppe - man erkennt es am großen "V" über dem Portal) und investiert in ein Haute-Couture-Kleid. Macht die Abramowitsch-Freundin Dasha Zhukova häufiger, ist vielleicht auch eine mögliche Beschäftigung für Frau Klose.

Jüngere Reisende mieten sich irgendwo in der Nähe des Campo Fiori ein und hören vorher ein paar Mal Falcos immer noch großartige Hymne "Junge Römer". Dass das alte Rom eine Stadt für junge Leute ist, gilt nämlich immer noch. Die Stadt ist offener und liberaler als Mailand, und wie schon zu Falcos Zeiten wird angeblich auch deutlich länger gefeiert als im Norden. Kann ich "in my situation" gerade nicht beurteilen, aber eine Freundin von mir, die aus Rom kommt, empfiehlt das "Freni e Frizioni" für einen Aperitiv und das "Goa" in Ostiense für danach.

Und für alle Besucher empfiehlt sich natürlich, einmal auf dem kleinen Pincio-Hügel oberhalb der spanischen Treppe den Garten der Villa Medici zu besichtigen. Am besten versucht man die letzte Tour (in den Sommermonaten um 18.30 Uhr) zu erwischen: Dann wird das Licht allmählich wieder milchiger, die Möwen kreisen über den Pinien, während man auf der Aussichtsmauer rechts neben dem Palazzo über die Stadt blickt, und alles ist wieder zum Weinen schön. Dieses eine Mal sind vielleicht sogar mal keine Amerikaner in der Nähe.

Autor:
Silke Wichert