Rom Italiens Musikszene

Früher war der Circus Maximus die berühmteste Formel-1-Rennstrecke der Antike. Die Monoposto-Piloten begeisterten mit ihren vier Pferdestärken bis zu 400.000 Fans. Diesen Zuschauerrekord brach 2000 Jahre später Genesis, eine Pop-Formation aus der römischen Provinz Britannia. Vor mehr als einer halben Million Zuhörer spielten Phil Collins, Tony Banks und Mike Rutherford auf der Mutter aller Festival-Wiesen. Die DVD "When in Rome" (EMI) dokumentiert diese Wiedervereinigungs-Feier der Genesis-Gründerväter vom 14. Juli 2007.

Wenn der Folk-Rocker Antonello Venditti im Circus Maximus auftritt, dann bricht er vielleicht nicht die schwindelerregenden Rekorde von Genesis, aber er hat zweifelsohne ein Heimspiel. Denn neben Francesco de Gregori, Lucio Dalla und anderen Alt-68ern gehört er zu den Begründern der bekannten Scuola Romana, die im Übrigen nicht zu verwechseln ist mit jenem Kreis von Renaissance-Komponisten, die im 16. Jahrhundert einen würdevollen Maßstab für katholische Liturgie-Musik setzten. Die neue Römische Schule ist ein Sammelbegriff für Cantautori, Liedermacher, die sozialkritische Texte über das tägliche Brot und die Spiele singen. Bei Antonello Venditti schwingt außerdem noch die Liebe zu seiner Geburtsstadt und dem Fußball mit, sein "Grazie Roma" wird gerne als inoffizielle Vereinshymne des AS Rom gesungen.

Sein Songwriter-Kollege Eros Luciano Walter Ramazzotti - in Deutschland vor allem bekannt als Vielleicht-schon-wieder-und-dann-wieder-doch-nicht-Ehemann von Michelle Hunziker - wurde ebenfalls in Rom geboren, und zwar in der Filmstadt Cinecittà, einem südöstlichen Vorort von Rom an der Via Tuscolana. Wenn Hollywood-Produzenten für "Cleopatra" oder "Ben Hur" das passende Ambiente und preiswerte Komparsen für antike Massenaufläufe benötigten, drehten sie die entsprechenden Szenen an diesem Filmindustrie-Standort.

Ennio Morricone entdeckte hier allererdings nicht das Licht der Glitzerwelt. Der Cinecittà-Hauskomponist wurde 1928 geboren im römischen Stadtteil Trastevere, der als die volkstümlichste Seite der Weltstadt gilt. Diesem Geburtsort verdankt Morricone vielleicht jene zupackenden Melodien, die seine Soundtrack-Kreationen auszeichnen. In "Spiel mir das Lied vom Tod" und mehr als 20 anderen Italo-Western spielten seine Ohrwürmer tragende und schlagende Rollen. Vor allem Jazz-Musiker greifen gerne auf diesen Fundus zurück. Der Pianist Enrico Pieranunzi und sein Trio meditieren auf "Play Morricone" (CamJazz) zurückhaltend konzertant über die sanfte Seite des Komponisten. "The Big Gundown" (Tzadik) des Jazz- und Rock-Avantgardisten John Zorn hebt dagegen wirkungsvoll die dramatischen Momente im Schaffen von Morricone hervor.

Wie toll trieben es die alten Römer?

Morricones berühmtester Arbeitskollege war Nino Rota. Er schuf die klingenden Kulissen für "La Strada" und andere Fellini-Klassiker. Aber zu Weltruhm kam er als Filmmusik-Komponist - ähnlich wie Morricone - erst mit seinen Beiträgen für US-Filme. Rota lieferte die Hintergrund-Musik für "Der Pate" und andere Hollywood-Produktionen.Gestorben ist Nino Rota in Rom, wie auch der Barock-Komponist Arcangelo Corelli. Oder Luciano Berio, ein Pionier der elektronischen Musik. Und Pietro Mascagni, dessen "Cavalleria rusticana" 1890 den Maßstab setzte für die "veristische" Oper, bei der die Leidenschaft und der Realismus sich im Rausch der Melodien begegnen. Sie alle stammten aus der italienischen Provinz und gelangten erst in Rom zur künstlerischen Vollendung.

Gleiches gilt für Ottorino Respighi. Dieser Wegbereiter der neueren italienischen Instrumentalmusik setzte jener Stadt, in der er lebte und 1936 starb, drei klingende Denkmäler; das zweite davon widmete er den Pinienbäumen ("Pini di Roma"), das dritte den Festlichkeiten ("Feste Romane") seines Wohnortes. Der 1916 uraufgeführte erste Teil ("Fontane di Roma") dieser römischen Trilogie war inspiriert von den Wasserspielen - unter anderem auch dem Trevi-Brunnen, in dem 1960 die schwedische Sexbombe Anita Ekberg badete und Marcello Mastroianni damit ihre Vorstellungen von "La Dolce Vita" veranschaulichte. Einen Hauch von diesem süßen Leben vermittelt das Sao Paulo Symphony Orchestra mit seiner temperamentvollen, dynamischen und räumlich bestens gestaffelten Mehrkanal-Einspielung von Ottorino Respighis Städteportrait "Trilogia romana" (BIS-SACD 1720).

Und wie toll trieben es die alten Römer? Der Soundtrack der TV-Serie "Rome" (Ryko RCD 10896) des US-Fernsehsenders HBO kann uns davon auch nur eine ungefähre Vorstellung vermitteln. Aber zumindest lässt der Jazz-Trompeter und Komponist Jeff Beale die Nachgeborenen ahnen, welche Instrumente vor 2000 Jahren das Ohr eines kultivierten Römers erfreuten. Zum Beispiel die Tuba, eine gerade Trompete, welche die Römer von den Etruskern übernommen hatten. Oder jenes Horn, das beim römischen Militär während der Reiter-Attacken geblasen wurde. Die so genannten "Musiker-Sklaven", die vor allem aus Griechenland in die Hauptstadt des Imperiums gekommen waren, verwöhnten ihre neuen Herrschaften auch gerne mit dem Klang einer Hirtenflöte aus ihrer alten Heimat.

Jeff Beale hat versucht, die Musik der römischen Antike zu rekonstruieren - soweit das bei einer Epoche, die noch keine Notenschrift kannte, überhaupt möglich ist. Und er fand einen Kompromiss zwischen gefälligem Wohlklang und überraschenden Sound-Effekten. Einige der hierfür verwendeten Instrumente klingen heute gewöhnungsbedürftig. Jeff Beales "Roma"-CD wirkt aber insgesamt immer noch einladender als der verzerrt dröhnende Lärm aus dem defekten Lautsprecher einer Trattoria.

Autor:
Winfried Dulisch