Vatikanstadt Die Pilger vom Petersdom

Fremdenführer drängeln sich vor der Pietà und murmeln in ihre Headsets. Sie haben bunte Fetzen an ihre Teleskopstäbe gebunden oder halten Taschenschirme über sich und schwenken sie über der Menge, wie versprengte Einheiten in einer großen Schlacht. Der Dom füllt sich mit blindem Geknipse und hilflosem, kaugummikauendem Staunen. Es ist ein Piepen, Zwitschern, Tirilieren in der Luft, von all den Handys und Fotoapparaten. In Reihen warten sie, um im Sekundentakt die Bronzefüße des armen Petrus anzufassen, und auch dieses Ritual ist nur echt, wenn digital gebannt. Der Heilige schlägt die Augen gen Himmel und streckt seine zwei Finger, als wollte er sagen: "Kinder, bitte immer nur zwei gleichzeitig, nicht zwölf ..."

Es raunt und schiebt und knipst in jeder Ecke, jedem Winkel. Da lehnen sie am Weihwasserbecken in Fotoalbumpositur, da schauen sie prüfend in die Displays, als hätte man einen seltenen Fund gemacht. Die ganze schöne Basilika wird zerpixelt. Dabei sind viele Geheimnisse St. Peters gar nicht zu fotografieren. Wer weiß schon, dass in der Loggia über dem Helena-Pfeiler ein Kreuzsplitter aufbewahrt ist? Dass die vier Pylone und mit ihnen der ganze Dom zuvorderst als Reliquientresor gebaut wurden, für das Schweißtuch der Veronika, die Lanze des Legionärs Longinus? Dass die Nasenspitze der Pietà von Michelangelo aus Kunstharz ist, nachdem ein australischer Wirrkopf sie unter Rufen "Ich bin Jesus!" abgeschlagen hatte? Diese Kirche will gelesen werden, nicht nur geschaut.

Es ist schon Nachmittag, gegen 16 Uhr, als in der Apsis, genau vor der Cattedra, der weiseste Satz des Tages gesprochen wird. Es ist ein vielleicht zehnjähriger Junge, dem blonde Locken unter der umgedreht getragenen Baseballkappe hervorschauen. In dem Gedränge dreht er sich zu seinem Vater um, schaut zu ihm hoch und fragt: "Kann man hier auch in die Kirche gehen, Papa?" Ein Engel hat gesprochen. Jetzt innerhalb der Gruppen niederzuknieen und den Rosenkranz rauszuholen, wäre fast anstößig, in jedem Fall ein Verkehrshindernis.

Benedikt hat den Event-Katholizismus seines seligen Vorgängers schon mit lutherschem Argwohn verfolgt. Als eine der ersten Amtshandlungen stellte er dem Erzpriester des Doms sogar einen Vikar zur Seite, der den Ort von zu viel Touristischem freikehren sollte. Ratzingersche Nüchternheit und Bildskepsis sollte hier einkehren. Der Plan ist offensichtlich gescheitert. Denn wer kann dem Besucher das Knipsen verdenken? Es ist zu viel an Gold und Marmor und Gefühl in St. Peter, viel zu viel für einen armen Christenmenschen, der sich die Ewige Stadt in drei Pauschaltage pressen muss und froh ist, seinen Reiseführer auf dem Flug einigermaßen geschafft zu haben. Außerdem ist die Schlange schon wenig später, wie durch Engelsmacht, verschwunden.

Die Tour-Gruppen sind zum Pizzafassen hügelab getrieben, Richtung Altstadt. Zwischen 17.30 Uhr und Toresschluss um halb acht beginnt St. Peter sich zurückzuverwandeln in eine stille, mineralische Welt. Man glaubt in den Seitenschiffen, durch ein verlassenes Bergwerk zu gehen. Jetzt beginnt die Pracht zu wirken. Jeder Quadratzentimeter ist sorgfältig gestaltet. Man geht herum, als hätte man sich in einem Museum einschließen lassen oder als wäre man allein in einem fremden und sehr reichen Haus: Man könnte jetzt alles anfassen, ungesehen beschnuppern, könnte die Barberini-Bienen auf den Säulen betasten, aber man tut es nicht. Man läuft nur staunend herum, ehrfürchtig und zunehmend selig. Welch Glück, sich endlich ungerempelt auf die Blickachsen stellen zu können, endlich nach dem Vater des Kaisers Manuel II. Paläologos (jenem aus Joseph Ratzingers Regensburger Rede) suchen zu können, hier auf der mittleren Bronzetür, ohne niedergetrampelt zu werden.

Hinten an der Cattedra haben sich schon die Uniformierten versammelt, reden über den Aufbau des nächsten Tages und die Zumutungen des heutigen. Dann bimmelt ein Glöckchen vom Eingang her, und die Wärter rollen den Dom von hinten her auf, "Signori, uscita! Exit! Grazie!" Sie schauen, ob auch alle Beichtstühle leer sind und dass sich niemand in den Jaspisfalten vom Grabmal Papst Alexanders VII. versteckt hat.Auch die Taube, alias Heiliger Geist, leuchtet um diese Tageszeit nicht mehr.Feierabend allerseits. "Signori, uscita! Exit! Grazie!" Die Souvenirkassen sind geschlossen, die Espressomaschinen erkaltet, die Hostien aufgegessen. Um 18.40 Uhr fällt das erste Portal zu, es klingt, als hätte eine Fähre die Rampe hochgezogen. St. Peter hat wieder Ruhe, für eine Nacht.

Autor:
Alexander Smoltczyk