Vatikanstadt Die Angestellten von Papst und Kirche

Monsignore Walter Brandmüller: Der Chefhistoriker

Wenn Walter Brandmüller am Flughafen seinen Reisepass zeigt, kann es geschehen, dass der Grenzbeamte aufsteht, nach hinten geht und sich erstmal mit seinem Chef berät. Kennt ja nicht jeder, diesen Pass mit dem braunen Einband, in dem Name und Geburtsdatum mit zierlicher schwarzer Handschrift eingetragen sind, was etwas selbstgemacht aussieht. Brandmüller, 79, ist Staatsbürger des Vatikans, einer von 450. Viele Jahre war er Professor für Kirchengeschichte in Augsburg, nach seiner Pensionierung ernannte ihn Johannes Paul II. 1998 zum Leiter des Päpstlichen Komitees für die Geschichtswissenschaften. Seitdem lebt Brandmüller in einer verwinkelten Dienstwohnung im Palazzo della Canonica, gleich neben dem Petersdom. An den Wänden Kupferstiche römischer Kirchen, auf dem Tisch ein silbernes Teekännchen und Servietten mit eingestickten Initialen.

"Als ich hierher gezogen bin, habe ich als Erstes die Einbruchsversicherung gekündigt", sagt er. Braucht man auch nicht, wenn man 24 Stunden am Tag von der Schweizergarde bewacht wird. Jeden Morgen um kurz vor halb acht geht Brandmüller die paar Meter zum Petersdom und feiert, wie viele hohe Kurienbeamte, in einer Seitenkapelle die Heilige Messe. Danach arbeitet er im Büro, organisiert Kolloquien über die Kreuzzüge oder übersetzt die Briefe eines Gesandten, der im 14. Jahrhundert am Hof von Bonifaz IX. lebte. Nebenher arbeitet er an einem Buch über Neo-Atheisten wie den Biologen Richard Dawkins und wundert sich "über die Naivität von Naturwissenschaftlern, die glauben, dass man mit Messen, Wiegen und Zählen die Welt erklären kann". Besucher führt der Historiker gern auf seine Dachterrasse. An einer Wäscheleine flattern weiße Bettlaken, ein paar Meter weiter steigt, steil wie eine Felswand, die Peterskuppel auf. Fast jeden Abend kommt Brandmüller hier herauf und betet den Rosenkranz - mit Blick auf den Petersplatz und die Pinien auf dem Gianicolo.

Felix Schaich: Der Student

Vor ein paar Monaten noch stand er mit seiner Jugendgruppe in Hamburgs Kiezkneipen und spielte Tischfußball. Jetzt wohnt Felix Schaich im Zentrum von Rom und sieht schon beim Aufstehen auf die Kuppel einer Barockkirche. Der 29-jährige Jesuit studiert an der päpstlichen Universität Gregoriana, einer der berühmtesten theologischen Hochschulen der Welt. Er trägt Adidas-Schuhe, Poloshirt und eine Cordhose, in der ein Tabakpäckchen steckt. In den Regalen seines Zimmers steht neben dem Jesus-Buch von Papst Benedikt auch eine Plastikfigur von Jean-Luc Picard aus "Star Trek". Er sei kein Ordensmann, der total im Religiösen aufgehe, sondern auch Kind der säkularen Welt: "Gerade das macht uns Jesuiten aus. Wir gehen in beide Welten hinein."

Für das Studium hatte Felix Schaich die Wahl zwischen mehreren europäischen Städten, auch Madrid und Paris. Weil er die Weltkirche kennen lernen will, fiel seine Entscheidung auf Rom. Gemeinsam mit 45 Mitbrüdern, unter anderem aus Brasilien, Madagaskar und Polen, lebt Schaich in einem internationalen Studienhaus des Jesuitenordens, nur 200 Meter vom Forum Romanum entfernt. Jeden Tag besucht der deutsche Theologiestudent die Heilige Messe, meist nebenan in der Kirche Il Gesù, in der auch der Ordensgründer begraben liegt, der Heilige Ignatius von Loyola. "Das ist das Schöne, dass man hier so nah an den Quellen ist." Und auch gekickt wird weiterhin: Immer samstags eineinhalb Stunden lang mit den anderen Studenten auf dem Hof des Kollegs.

James Edward Goettsche: Der Organist des Papstes

Wenn James Edward Goettsche an seiner Hausorgel sitzt und übt, wird er genau beobachtet. Und zwar von seinen verblichenen Lieblingskatzen, die er sich als Fresken an die Decke malen ließ. Hier, in seiner Wohnung in der Nähe der Lateranbasilika, bereitet er sich auf seine großen Auftritte vor - als Organist des Papstes im Petersdom. Immer wenn der Papst unter Berninis gewaltigem Baldachin die Messe feiert, sitzt Goettsche am Orgelpult. Zu Weihnachten oder Ostern hören ihn dabei hundertausende Fernsehzuschauer weltweit. Die meisten Zuhörer hatte er im April 2005, als er bei der Trauerfeier von Johannes Paul II. spielte.

"Maestro Jimmy", wie ihn die Kollegen nennen, wurde 1942 in Los Angeles als Sohn eines Einwanderers aus Schleswig- Holstein geboren, er beherrscht elf Sprachen. Nach Rom kam er während des Musikstudiums, zum Organisten von St. Peter wurde er vor fast 20 Jahren ernannt. Seit der Musikfreund Joseph Ratzinger die Kirche führt, strengt sich Goettsche noch mehr an als vorher. Sein Traum: einmal mit dem Papst vierhändig Klavier spielen.

Claudia di Giovanni: Die Filmfrau

Der älteste Streifen, den Claudia di Giovanni hütet, wurde 1896 kurz nach Erfindung der Filmtechnik gedreht. Er zeigt Papst Leo XIII., der in den Vatikanischen Gärten etwas verunsichert in die Kamera schaut. Die 43-Jährige ist Herrin über mehr als 7000 Filme, die in den verwinkelten Räumen des Vatikanischen Filmarchivs lagern. "Meine Arbeit begeistert mich, und Filme natürlich auch", sagt die berufstätige Mutter. Darum kehrte sie schon wenige Monate nach der Geburt ihres heute dreijährigen Töchterchens an ihren Arbeitsplatz zurück. Die Kinderbetreuung hat tagsüber die Oma übernommen, und da die Wohnung ganz in der Nähe des Vatikans liegt, kann auch die Mutter immer mal schnell reinschauen. Während des Archäologie-Studiums begann Claudia di Giovanni als Aushilfe im Archiv. Später wurde sie Assistentin des Leiters, und als der in den Ruhestand ging, schlug der zuständige Erzbischof sie völlig überraschend als Nachfolgerin vor.

Das vatikanische Filmarchiv wurde vor fast 50 Jahren von Papst Johannes XXIII. gegründet, um "Werke von hohem künstlerischem und menschlichen Niveau" zu sammeln. Darum ist es nicht sonderlich erstaunlich, dass sich hier auch viele Spielfilme befinden, etwa Clint Eastwoods "Million Dollar Baby" und Ingmar Bergmans "Wilde Erdbeeren". Zurzeit arbeitet Claudia di Giovanni an einer Filmographie des spirituellen Films: "Ein Fünftel aller Kinofilme haben einen Inhalt, der ins Transzendente weist." Zum Beispiel Steven Spielbergs "E.T." - die Geschichte von jemandem, der aus einer anderen Welt auf die Erde kommt, hier abgelehnt wird, dann stirbt - und am dritten Tag zurückkehrt. Im Grunde sei das eine Passionsgeschichte, sagt Claudia di Giovanni und lacht: "Keine Frage, man bekommt hier den katholischen Blickwinkel."

Gardisten und Engel

Flavio Bundi: Der Schweizergardist

Er wacht über die Sicherheit des Papstes und seiner Residenz: Flavio Bundi, 20 Jahre alt, aufgewachsen im Kanton Graubünden, gehört zu der etwa 110 Mann starken Schweizergarde. Gegründet wurde sie vor mehr als 500 Jahren - Papst Julius II. verließ sich 1506 lieber auf die Söldner aus der Schweiz als auf die Truppen der rivalisierenden römischen Adelsgeschlechter. Wie alle Gardisten musste Bundi eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen: von Geburt Schweizer sein, 19 bis 30 Jahre alt, ledig, katholisch und mindestens 1,74 Meter groß. Auch musste er den Wehrdienst in der Schweizer Bundesarmee geleistet haben und bereit sein zu einer mindestens zweijährigen Dienstzeit in der Schweizergarde.

So richtig militärisch wirkt der ehemalige Klosterschüler nicht, doch er entschied sich gern für die päpstliche Armee. "Ich wollte etwas Neues kennenlernen: eine neue Sprache, eine neue Kultur und neue Freunde?, sagt Bundi auf dem Weg zur wöchentlichen Probe der Musikkapelle der Garde. Musik ist sein Hobby: Er spielt Klavier und Orgel und will später Filmmusik studieren. Außerdem ist er Mitglied beim FC Guardia Svizzera, der Fußballmannschaft der Garde. Dürfen die Soldaten des Papstes eigentlich Kontakt zu Frauen haben? Flavio lacht, weil ihm diese Frage so oft gestellt wird. "Na klar dürfen wir uns mit Mädels herumtreiben?, sagt er. "Und glauben Sie mir: Das tun wir Schweizer oft genug.?

Schwester Chiara Pfister: Der Blaue Engel

Schüchtern schiebt eine afrikanische Mutter ihren Kinderwagen durch einen Nebeneingang in den Vatikan. Der Wachposten weiß Bescheid. Die junge Frau braucht medizinische Hilfe für ihr Baby. Ausgerechnet hier, im Machtzentrum der katholischen Welt, soll einem Kind geholfen werden, das hartnäckiger Husten peinigt? Die Frau geht durch eine Gittertür, und da steht - mit einem Baby im Arm - eine Ordensfrau in blauer Tracht und strahlt, wie nur zufriedene und glückliche Menschen strahlen können: Schwester Chiara Pfister.

Seit über 20 Jahren ist sie Leiterin des Dispensario Pediatrico Santa Marta, der 1922 gegründeten Sozialstation im Vatikan. Schwester Chiara kümmert sich um Kinder aller Religionen aus aller Welt, die es mit ihren Eltern nach Rom verschlagen hat, die arm sind und ärztliche Hilfe benötigen. Sie organisiert, improvisiert, assistiert, ermutigt und ermahnt. Streichelt ein weinendes Mädchen mit Rastalocken, beschimpft den abgestürzten Computer. Freut sich über den Säugling, der ein paar Gramm zugelegt hat, ist besorgt über den Jungen mit den fiebernden Augen. Sie bewundert das neue Kleidchen, lenkt ab von der pieksenden Injektionsnadel und lobt die Tapferkeit, wenn der Zahnarzt den Bohrer sirren lässt.

Etwa vier Dutzend ehrenamtliche Helfer arbeiten mit der Ordensfrau: Ärzte, Sozialarbeiter, Studenten und Großmütter mit großem Herzen. Der Vatikan stellt Haus und medizinisches Gerät zur Verfügung, die vatikanische Apotheke gratis Arzneien. Etwa 700 Kinder werden jährlich betreut. Ehe die Schweizerin Chiara Pfister diese Ambulanz für Körper und Seele übernahm, war sie ein Engel in den Slums von Paris. Sie lernte dabei Ordensfrauen des Heiligen Vincent de Paul kennen und wurde deren Schwester. "Die haben mich mitgerissen", sagt sie. Nun macht sie es genauso mit ihren Mitarbeitern.

Marco Frisina: Der Musicalkomponist

Von priesterlicher Bescheidenheit hat die Wohnung in einem Palazzo des Stadtteils Eur im Süden Roms so gar nichts: großzügige Räume, elegante Möbel, ein Konzertflügel, eine teure Stereoanlage und sogar ein kleines Heimkino. Bei einer Tasse Tee erklärt Monsignore Frisina, 53, dass er zum Feiern der Messe und Abnehmen der Beichte nicht viel Zeit hat. Als Kapellmeister in der Lateranbasilika, der Hauptkirche des Papstes in seinem Amt als Bischof von Rom, hat er zu viel zu tun. Mit Chor und Orchester gestaltet Frisina dort die großen Gottesdienste.

Berühmt aber wurde er durch mehr als 120 Lieder, die er komponierte. Sein größter Hit: der Weltjugendtags- Song "Jesus Christ, you are my life", Lieblingslied von Johannes Paul II. Und dann, sagt der päpstliche Kapellmeister und kann seinen Stolz nur schwer verbergen, komponiere er auch noch Musik für Filme. Auf seinem Flügel spielt er ein Stück aus dem Soundtrack von "Saint Peter", einem Bibelfilm mit Omar Sharif in der Titelrolle. Auch für das italienische Fernsehen schreibt Frisina eine Filmmusik nach der anderen. Italiens Zeitungen nennen ihn bereits den "neuen Ennio Morricone". Und in den USA bekam er für seine Soundtracks den renommierten Cable Ace Award. Monsignores neuestes Werk: das Musical "Die Göttliche Komödie" nach Dante, ein Stück mit flotten Melodien, das Ende 2007 in einem Riesenzelt am römischen Stadtrand Premiere hatte. Eigentlich wollte auch der Papst kommen, hatte dann aber, so Frisina enttäuscht, leider doch keine Zeit.

Autor:
Oliver Fischer