Vatikanstadt Der Petersdom und die Dombauhütte

Wenn Pietro Zander durch den Petersdom läuft, dann sieht er einen Patienten. "Es ist ein alter und empfindlicher Patient", sagt der Chefarchäologe, "und einer, der auch noch jeden Tag tausende Besucher empfängt." Daher bedürfe er einer besonders ausgeklügelten Behandlung. "Wir müssen ihn so lange wie möglich am Leben erhalten."

Pietro Zander gehört, um im Bilde zu bleiben, einem Krankenhaus an, das sich "Fabbrica di San Pietro" nennt, Dombauhütte von St. Peter. Gegründet wurde sie vor einem halben Jahrtausend von Papst Julius II. In den folgenden 120 Jahren waren die Dombauer zunächst damit beschäftigt, die alte, baufällige Basilika aus der Zeit Kaiser Konstantins in die größte und prächtigste Kirche der Christenheit zu verwandeln.

Heute kümmert sich die Fabbrica vor allem darum, das Wunderwerk zu erhalten. Die 120 Fachärzte und Krankenpfleger dieser Klinik arbeiten als Physiker und Chemiker, Restauratoren und Architekten, Schreiner und Raumpfleger. Auch Erzbischöfe gehören dazu - etwa der Präsident der Fabbrica, Kardinal Comastri. Außerdem Professoren und Arbeiter, sampietrini genannt. "Wir dürfen all diese Menschen nicht vergessen, die bis heute schweigend ihren Beitrag für die Basilika leisten", sagt Archäologe Zander, ein Mann um die Vierzig mit schwarzgrauen Locken. Er zeichnet mit der rechten Hand einen Kreis in die Luft. "Ohne sie würde das alles hier nicht existieren."

Dem Besucher, der sich an manchen Tagen mit bis zu 20.000 anderen Touristen durch den Dom zwängt, bleiben die Mitarbeiter der Dombauhütte meist verborgen. Geblendet vom Glanz dieses katholischen Pantheons mit seinen 10.000 Quadratmetern Mosaiken, den Monumentalgräbern und der lichtduchrauschten Kuppel des Michelangelo übersieht er das kleine Gerüst der Restauratoren, das mehr als 50 Meter hoch im Gewölbe klebt. Er fragt sich nicht, wer die 16.000 Quadratmeter Marmorböden wischt und den haushohen Baldachin des Bernini abstaubt. Er weiß nicht, dass gerade 25 Meter unter ihm ein Grab aus dem 2. Jahrhundert mit Laserstrahlen gereinigt wird. Und er ahnt nicht, dass hoch oben hinter den Wänden der Seitenkuppel eine verborgene Welt zu entdecken ist - eine Welt stiller Säle und Gänge, die das Gedächtnis der Peterskirche birgt: das Archiv der Bauhütte.

Aber an einem Mittwochvormittag, wenn draußen auf dem Petersplatz Papst Benedikt die Generalaudienz abhält, bleiben die Bronzetore des Doms verschlossen. Die Peterskirche wird zu einem stillen Ort, der nun seine ganze hallige Größe demonstriert. Die sampietrini haben ihre dunkelblauen Domwächter-Uniformen ausgezogen. In Blaumännern stellen sie nun, so geräuschlos wie möglich, Absperrgitter für eine Messe am Nachmittag auf. Und weiter hinten, im linken Querschiff, meint man fast die Zeit zu hören, die durch die Sanduhr in der Hand des Skeletts am Grabmal Alexanders VII. rinnt. Dann öffnet sich unter dem Gerippe eine Holztür - so unscheinbar, dass sie den meisten Besuchern wahrscheinlich nicht auffällt.

Sie führt in einen Vorraum, der zwischen der Innen- und der Außenwand des Petersdoms liegt. Von dort fährt rumpelnd ein Lastenaufzug in die Höhe. Oben angekommen, schließt Pietro Zander eine Metalltür auf und betritt einen hohen achteckigen Saal, der den Namen "Simon der Magier" trägt - hier oben in den Backstage-Räumen des Petersdoms haben zur besseren Orientierung alle Zimmer Namen. In der Mitte des Saals reinigt eine Restauratorin gerade einen Marmoraltar aus dem 15. Jahrhundert, der noch aus der alten konstantinischen Basilika stammt. An den Wänden reihen sich Regale voller Bücher, Codices und Akten.

Hier, in den anliegenden Gängen und einem weiteren Oktogon, das einst dem Architekten Bernini als Arbeitszimmer diente, ist das Archiv der Dombauhütte verborgen. 500 Jahre Baugeschichte mit all ihren großen und kleinen Triumphen und Tragödien sind in etwa 10 000 Bänden penibel verzeichnet. Herrscherin über die Welt der staubigen Papiere und Pergamente ist eine muntere Archivarin mit rotblonden Haaren: Dottoressa Simona Turriziani, 39 Jahre alt.

Ihr federnder Schritt verrät, dass sie neben Bibliothekswesen auch klassisches Ballett studiert hat. Vor zehn Jahren begann sie, damals noch als Assistentin der früheren Chefin, der Franziskanerin Teresa Todaro , die völlig verwahrlosten Bestände zu sichten und zu ordnen. "Damals lagen all die Dokumente und Briefe in Säcken voller Staub herum", erzählt sie. "Wir entdeckten Briefe von Michelangelo und Bernini, die völlig unbekannt waren."

Mittlerweile ist alles gut geordnet: Baupläne der größten Architekten der Zeit von Bramante bis Carlo Maderno, Rechnungen für Steine, Mörtel,Werkzeug - und auch für Süßigkeiten und Wein, die bei den Festen der Bauhütte serviert wurden. Außerdem Gerichtsakten über Streitigkeiten mit Lieferanten. Sorgsam verzeichnet wurde auch, wenn die Witwe eines sampietrino, der bei der Arbeit vom Bernini-Baldachin stürzte, ein Almosen erhielt.

Die verborgenen Schätze des Archivs

Während im Nebenzimmer einige Wissenschaftler mit Mundschutz über altersbrüchigen Dokumenten brüten, präsentiert die Dottoressa eines ihrer wertvollsten Stücke: einen Brief von Papst Julius II. an den englischen König Heinrich VII. vom 18. April 1506: "An diesem heutigen Tage ... haben Wir mit Unseren eigenen Händen den Grundstein gelegt, gesegnet und bezeichnet mit dem Kreuze..." Das war die Geburtsstunde des neuzeitlichen Petersdoms, wie man ihn heute kennt.

In einem anderen Brief wendet sich ein halbes Jahrhundert später Michelangelo, Chefarchitekt der seinerzeit weltgrößten Baustelle, an die offenbar knauserigen Chefs der Fabbrica. Der Meister fordert, seinen Gehilfen Pietro Luigi besser zu entlohnen. Und er droht in seiner schönen, ordentlichen Handschrift mit keinem Geringeren als dem Papst. "... wissen lassend, dass ich stets Leib und Seele für St. Peter eingesetzt habe ... werde ich bei dem protestieren, bei dem zu protestieren ich darf", warnt Michelangelo und schließt verdrossen: "Mein Herr und Gott schaut Sie schlecht an."

Bis heute stößt Simona Turriziani immer wieder auf unbekannte Dokumente. Vor Kurzem etwa fand sie Neues zum alten Streit der beiden römischen Barockmeister Bernini und Borromini. Borromini war verärgert, weil Bernini so tat, als habe er den Baldachin im Petersdom ganz allein entworfen. Dabei hatte Borromini offenbar erheblich an dem Werk mitgearbeitet - was Bernini erfolgreich vergesssen gemacht hat. "Wir öffnen eine Schachtel und finden die Unterschriften so vieler Berühmtheiten", sagt die Archivarin. "Die Akten erzählen das Leben, wirklich das ganze Leben dieser Kathedrale."

Gleichzeitig hilft das Archiv, die Aufgaben in der Gegenwart zu erfüllen. Das Studio del Mosaico etwa, eine Unterabteilung der Dombauhütte, kümmert sich um die Mosaiken der Kirche, die sich aus Stücken in mehr als 28.000 Farben zusammensetzen. Wenn die 12 Mitarbeiter beim Restaurieren auf eine Farbe treffen, die sie nicht kennen, rufen sie im Archiv an. Dort findet man sehr wahrscheinlich eine Rechnung über genau diesen Farbton.

Das Archiv zeigt, dass diese Basilika lebt und niemals tot ist", sagt Pietro Zander, dessen Vater schon jahrzehntelang in der Fabbrica arbeitete. Wer hier angestellt werde, den ziehe es sehr schnell hinein ins Leben des Petersdoms. "All die Pilger, die Papstmessen, das lässt niemanden unberührt.Wir fühlen, was für ein Privileg es ist, hier arbeiten zu dürfen." Anders als in einem Museum sei alles lebendig. "Das ist das Schönste: Die Kunstwerke haben noch die Funktion, für die sie gemacht wurden. Noch heute stehen die Kandelaber des Bernini auf den Altären, und ihre Kerzen werden bei den Messen angezündet." Und Dottoressa Turriziani ergänzt: "Man spürt hier überall die Anwesenheit des Herrn .Auch die Schönheit der Kunst ist ein Ausdruck des Herrn."

Der Petersdom lebt - das ist auch die Botschaft von Virgilio Luca, des Technischen Direktors der Bauhütte. Er kommt gerade herein, um im Archiv etwas nachzuschauen, und setzt sich an einen alten, runden Holztisch. "Ein Gebäude wie der Petersdom ist ein bisschen wie ein Lebewesen, das atmet und sich mit dem Wechsel der Jahreszeiten ausdehnt oder zusammenzieht", sagt der 44 Jahre alte Architekt. Woran er das merkt? An den Rissen, die die Basilika an etlichen Stellen durchziehen - so winzig, dass sie für Besucher kaum wahrnehmbar sind.

Der Dom des Petrus ist nicht auf Fels, sondern auf weichem Grund gebaut, jedenfalls auf seiner Ostseite. Das schaffte schon bei der Errichtung Probleme. Simona Turriziani steht auf und holt ein Dokument aus dem 17. Jahrhundert herbei. Darin heißt es, die Basilika sei "in einer Grube voller Schlamm und toter Brühe" erbaut, was die Fundamente faulen lasse. Mit den Folgen muss sich die Fabbrica bis heute herumschlagen. Der Petersdom unterliegt daher penibler Überwachung mit modernsten Sensoren. Das Schrumpfen der Risse im Winter und ihr Verbreitern im Sommer wird bis auf den tausendstel Millimeter gemessen. "Wenn die Schwankungen konstant bleiben, so zeigt das, dass nichts Gefährliches passiert", sagt Luca.Wie also lautet der Befund dieses Dom-Doktors? Wie gesund oder krank ist der Patient? Luca lacht: "Die Daten sind beruhigend. Der Petersdom steht ziemlich solide da."

Autor:
Stefan Ulrich