Rio de Janeiro Das ruhige Leblon

Am frühen Abend wird es am Strand von Leblon voller. Zum Feierabend finden sich die Bewohner des Stadtviertels hier ein. Sie lassen den Tag ausklingen. Ganz klassisch. Mit dem Sonnenuntergang. Touristen gibt es hier auch, aber die sind klar in der Unterzahl. Die Cariocas haben hier noch ihre Ruhe. Und darauf legt man in Leblon großen Wert.

Andere Stadtteile Rios mögen aufregender sein. Oder einfach nur bekannter. Über die Girls von Ipanema und den Trubel an der Copacabana können die Touristen schon auf dem Hinflug Loblieder singen. Tagsüber liegen sie am Strand der beiden beliebtesten Stadteile, ehe sie abends als Teil der großen Erlebnis-Karawane ins nördlicher gelegene Lapa einfallen, um dort, in der vormals verruchten Gegend, das nunmehr schicke, angesagte Nachtleben zu genießen.

Leblon ist alles andere als wild und viele Lieder sind auch nicht darüber geschrieben worden. Hier bleibt man unter sich. Gern unter sich. Denn Leblon ist eines der reichsten Viertel der Stadt. Unschwer zu erkennen an den unzähligen privaten Wachleuten, die hier zur Grundausstattung eines jeden Wohnhauses gehören. Während in anderen Gegenden der riesigen Stadt uniformierte Polizisten kugelsichere Westen tragen und mit automatischen Waffen für Sicherheit sorgen, liebt man es in Leblon dezenter. Ein dunkler Anzug und ein Knopf im Ohr reichen meist völlig aus. Nur eine kleine Beule im Sakko verrät, dass die Bodyguards auch hier nicht ganz unbewaffnet sind. Auf den Straßen und in den Gassen fühlt man sich sicher. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ein Luxus in Rio de Janeiro, den sich die Anwohner hier leisten können, denn die Schönen, Reichen und die Mächtigen wohnen in Leblon. Das war jedoch nicht immer so.

Im 19. Jahrhundert gewährte die damals schwer zugängliche Gegend ganz anderen Menschen Schutz und Sicherheit. Der portugiesische Kaufmann José de Seixas Magalhaes hatte das Landstück vom französischen Fischhändler Charles Le Blond erworben und dort ein Refugium für flüchtige Sklaven aufgebaut. In dem sogenannten Quilombo spezialisierten die Bewohner sich allerdings nicht nur auf den Kampf für ihre Menschenrechte, sondern auch auf die Zucht von Kamelien. Die Pflanzen aus Rio de Janeiro wurden landesweit schnell als "Blumen der Freiheit" bekannt. Als 1888 endlich die Sklaverei per Gesetz im Land abgeschafft wurde, überreichte de Seixas Magalhaes der dafür mitverantwortlichen Prinzessin Isabella feierlich Kamelien aus Leblon.

Seitdem ist Leblon nicht nur dank der Kamelien aufgeblüht. In keinem anderen Viertel der Stadt finden sich so viele erstklassige Restaurants, Bars und Geschäfte auf einem Fleck. In den siebziger und achtziger Jahren war hier die hemmungslose Discoszene zu Hause. Davon ist inzwischen aber nicht mehr viel zu spüren. Zwar gibt es weiterhin angesagte Clubs wie das Melt oder Bardot, doch in denen geht es gesitteter zu als in den Lokalen im entfesselten Lapa.

Statt zu tanzen, gehen die Bewohner Leblons ohnehin lieber schick essen. Und so lässt sich auch erklären, weshalb die besten Gastro-Adressen Rios hier zu finden sind: der edle Klassiker Antiquarius, der Promi-Treff Sushi Leblon oder das innovative Zuka. Selbst die kleinen Kaschemmen und Pizzabuden an der belebten Avenida Ataulfo de Paiva genießen bei den Cariocas Kultstatus. Im Jobi oder Guanabara treffen sich die Einwohner regelmäßig am späten Abend auf einen schnellen Snack.

Der Strand von Leblon war nicht immer so schön und gut besucht wie heute. Noch in den neunziger Jahren kämpfte man mit ein paar Tonnen herbeigekarrten Sands erfolgreich gegen die Erosion. Dann sorgten die Umtriebe von Gangs aus den Favelas, den Elendsvierteln der Stadt, für das nächste, weit größere Problem. In großen Gruppen zogen Halbstarke über den Strand, verursachten Panik und packten alles ein, was sie in die Hände bekamen. Die Polizei reagierte und stellte mehr Wachen ab. Angeblich hielten auf den Dächern der Hotels sogar Späher Ausschau nach den Banden. Inzwischen ist Frieden am Strand, der wieder genauso breit ist wie der im benachbarten Ipanema. Er gehört wieder den Menschen aus Leblon.

Wochentags ab 11 Uhr zieht es die Mütter, Großeltern und Nannys mit ihren Kindern an den Baixo Bebê vor der Rua General Venâncio. Die Wickeltische und der umzäunte Strandspielplatz nahe Posto 12 sind ein beliebter Treffpunkt für junge Eltern und ihren Nachwuchs. Während in Ipanema und Copacabana schon die Touristen das Kommando übernehmen, herrscht hier entspannte Familienidylle. Ein paar hundert Meter weiter, am Pontão do Leblon, haben die Surfer Rio de Janeiros eine Heimat gefunden. Die teilweise starke Brandung versorgt diese mit guten Wellen. Wahrscheinlich ist dieser Teil des Strands die einzige aufregende Stelle in Leblon. Die Cariocas stört das nicht. Sie genießen die Ruhe - nicht nur während des Sonnenuntergangs.

Autor:
Denis Krah