Von Denis Krah
Tattoos, Bier und knappe Outfits. Der Sport von dem hier die Rede ist, heißt Rollerderby. Ein schneller, heißer Mix aus Rugby und Rollschuhdisco. Erfunden von wilden, jungen Frauen im texanischen Austin ist Rollerderby heute ein globaler Wahnsinn - mit Knochenbruchgarantie.
"Ich hab die ganze Strecke vollgesaut." Pussy Velour lacht grob. Dreimal, erzählt die zierliche Frau, habe sie sich bei ihren Auftritten mit den Hustlers bereits die Nase gebrochen. Und beim letzten Sturz aufs Gesicht sei ihr das Blut wie eine Fontäne aus den Nasenlöchern herausgeschossen.
Rollerderby ist halt kein Kindergarten. Nichts für verwöhnte Sensibelchen. Nichts für Pussys, auch wenn man so heißt. Rollerderby ist ein Vollkontaktsport, ein heißer, schneller Mix aus Rugby und Rollerdisco. Und wenn man dabei in mörderischem Tempo Runde für Runde im Kreis läuft und andere Mädels von der Strecke zu drängeln versucht, kracht es häufiger mal. Pussys Teamkollegin Cheap Trixie nickt, sie deutet auf ihr Gipsbein. Trainingsunfall. "Bald bin ich wieder dabei", sagt sie, zischt einen Schluck Bier hinunter und feuert lauthals ihre Mädels an.
Die Hustlers trainieren an diesem kalten Abend auf einem verlassenen Parkplatz in Austin, Texas. Flutlicht gibt es hier nicht, das Gelände wird mit einem auf einen Truck montierten Scheinwerfer spärlich erhellt. Als Umkleide nutzen die Rollergirls das Klo einer benachbarten Autowerkstatt. Zwei der Mechaniker schauen kurz beim Training zu, verschwinden dann aber schnell wieder in ihre warme Halle. Bei den Wettkämpfen im Playland Skate Center sieht das anders aus. Da kommen bis zu 700 Fans. Rollerderby, das ist eine einzige große Party.
Amy Sherman alias Electra Blu gehört zu den Veteraninnen. Sie ist so etwas wie die Großmutter der Hustlers, was man der 41-Jährigen jedoch nicht ins Gesicht sagen sollte. Sherman ist nicht nur beim Rollerderby knallhart. Sie gehört zur Gründergeneration der Rollergirls von Austin. "Bei uns in Texas hat das ja alles angefangen", sagt Sherman. Widersprechen will man ihr da nicht, auch wenn der beschriebene Anfang eher ein Comeback war. Rollerderby gab es in den USA bereits seit den dreißiger Jahren. In den achtziger Jahren war die Sportart allerdings in der totalen Versenkung verschwunden. Die Wiedergeburt des Rollerderbys fand erst fast 20 Jahre später in Austin statt.
2001 starteten Frauen in der alternativen Szene von Austin ihre erste Liga. Und zu den knapp 80 Mädels, die sich zum Verband Bad Girls, Good Women (BGGW) zusammengeschlossen hatten, gehörte auch Amy Sherman. Vier Teams traten anfangs gegeneinander an. Doch schon nach der ersten Saison kam es zum Streit. Es ging um Geld, Mitbestimmung und Krankenversicherungen. 65 der 80 Damen traten aus und gründeten ihre eigene Liga - die Texas Rollergirls. Und Amy Sherman lief vorneweg, sie war eine der Anführerinnen der Meuterei.
Denn aus den BGGW wurden die TXRD Lonestar Rollergirls. Im Gegensatz zur Konkurrenz von den Texas Rollergirls fahren die Lonestar Rollergirls spektakulär auf einer Steilbahn, wie man sie vom Sechs-Tage-Radrennen her kennt. Bei den Texas Rollergirls wird derweil weiter auf dem Flat Track - einem flachen Rundkurs - um jeden Meter gekämpft. Das ist deutlich weniger aufwendig und hat sich deshalb auch international durchgesetzt. Die 2004 gegründete Women's Flat Track Derby Association (WFTDA) verzeichnet inzwischen an die 10.000 Mitglieder weltweit. Keine schlechten Wachstumsraten, wenn man bedenkt, dass alles vor neun Jahren in Austin mit gerade einmal 80 Rollergirls begonnen hat.
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