Tätowierungen versprechen Schutz und Kraft. Im thailändischen Kloster Wat Bang Phra stechen Mönche Zeichen, die magische Kräfte verleihen. Und einmal im Jahr entlädt sich der ganze Aberglaube dann in einem bizarren Fest.Von MERIAN-Autor Maik Brandenburg
Der Amuletthändler gibt sich wirklich Mühe. "Die Beine", sagt er zum x-ten Mal, "du kannst dir nie die Beine brechen. Häng dir einfach die Kette um den Hals." In seiner Hand baumelt ein goldenes Medaillon, ein Tempel im Miniaturformat, in dem ein kleiner Buddha lächelt. "Die Beine", beschwört der Mann. Und dann, als spiele er seinen letzten Trumpf aus, flüstert er: "Es schützt auch vor Schlangenbissen."
Atthavut Ninim bleibt ungerührt. Für den Sermon des Händlers hat der 28-Jährige bloß ein gleichgültiges Kopfnicken übrig. Beinbruch, Schlangenbisse, pah. Atthavut fürchtet weder blanke Messer noch Pistolenkugeln, nicht einmal schwarze Flüche. Atthavut hat die magische Rüstung.
Es ist ein Panzer, den er nie ablegen kann: Vom Hals bis zu den Hüften, an der Brust, am Bauch, am Rücken ist Atthavut tätowiert. Man erkennt ineinander verschlungene Tiere, sieht Stupas und Pagoden, deren Bausteine dunkle Buchstaben sind, in Kreise geritzte Zahlen, Schriftzeichen auf linierter Haut. All das vereint sich zu einem rätselhaften Muster. Nicht zu erklären eigentlich, doch Atthavut will es versuchen.
Er dreht sich, zieht ein Stück Haut über seiner rechten Niere glatt. "Das ist ein Löwe", sagt er, "er gibt mir seine Kraft." Das Raubtier bleckt die Zähne gegen ein Wildschwein über der linken Niere. "Das ist für ein langes Leben." Für denselben Zweck hat auch ein Affe auf seiner rechten Hüfte Stellung bezogen. Eine Kröte auf dem rechten Oberschenkel macht jegliche Kleidung zum Kugelfang. "Auf mich ist mal geschossen worden", berichtet Atthavut. Er zögert. "Das war in meinem anderen Leben, in meinem bösen Leben. Die Kugel streifte nur die Hose."
Und der Gecko auf seinem rechten Unterarm? "Der warnt mich vor Unheil." Ihm zu entgleiten, windet sich ein Aal um seinen Nacken. Kabbalistisch anmutende Diagramme stehen neben vedischen Zaubersprüchen. Rätselhafte Buchstaben reihen sich zu Ketten, sie sind die jeweils ersten Lettern aus den Kapiteln eines buddhistischen Gebetbuches. Alles zusammen bündelt die Kräfte der mythischen Kreaturen.
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Der Erfinder von Magazinen wie "Wallpaper" und "Monoclé" ist ein Vielreisender und Kosmopolit. Hier schildert Ihnen Tyler Brûlé exklusiv seine ganz persönlichen Eindrücke vom Leben auf der Überholspur. Brûlé und weitere Kolumnisten - hier
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