BEST OF MERIAN 2009

Argentinien

Der Fotograf des Horrors

Von Karen Naundorf

Während der Militärdiktatur wurde in Argentinien gefoltert und gemordet - 30.000 Regimegegner starben. Víctor Basterra überlebte. Genauso wie die Fotos, die er damals im Internierungslager schoss und die einige der Täter heute hinter Gitter bringen.

Die majestätischen Säulen des Hauptgebäudes der ehemaligen Marineschule, eine gepflegte Parkanlage. Nichts weist darauf hin, dass an dieser Ausfallstraße in Buenos Aires eine der größten Folterkammern der Militärdiktatur lag. Dass hier zwischen 1976 und 1983 über 5000 Menschen gequält und wie Tiere auf dem Dachboden und im Keller gehalten wurden. Und dass die Gefangenen, die keinen Wert mehr für Militärs und Geheimdienst hatten, betäubt aus einem Flugzeug über dem Río de la Plata abgeworfen wurden. Die meisten Körper verschwanden spurlos.

Keine Leichen? Keinerlei Beweise? Das dachten die Täter. Und vielleicht hätten sie Recht behalten. Wären da nicht die Fotos von Víctor Basterra.

Argentiniens dunkle Seite: Die Gesichter der Opfer

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Sie holten Víctor morgens um halb elf. "Nicht auf den Bauch!", schrie er. Die Männer traten ihn, bis er hinfiel. Er hatte eine frische Narbe von einem Leistenbruch. "Holt mir eine Rasierklinge, ich ziehe die Fäden", befahl der Chef des Kommandos. Die Männer zogen Víctor eine Kapuze über den Kopf, hart von getrocknetem Blut. Später in den Folterkammern der Marineschule ESMA (Escuela de Mecánica de la Armada) begriff er, woher das Blut kam: "Wenn man einem Menschen Elektroschocks gibt, beißt er sich auf die Zunge."

Basterra hatte für Arbeiterrechte gekämpft, Handzettel in Fabriken verteilt. Nun lag er nackt auf einem Bettgestell aus Metall, bekam Elektroschocks an allen Körperteilen. Dann setzten sie ihm seine zwei Monate alte Tochter auf den Bauch und drohten, auch ihr Stromstöße zu verpassen. "So pressten sie Informationen aus mir heraus", sagt er.

Der kleine Mann, dessen Augen durch die Brillengläser unnatürlich groß wirken, geht langsam die Treppen zum Dachboden der ESMA hoch. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Diktatur musste die Marine das Gebäude an Menschenrechtsorganisationen übergeben, die es für Führungen öffnen wollen. Mit dem Gehstock zeigt Basterra auf die ramponierten Kanten der Stufen: "Diese Spuren haben unsere Fußketten hinterlassen." Auf dem Dachboden ist es heiß, die Luft steht im Raum. Es gibt keine Fenster, nur zwei Luken. Wie in Zeitlupe läuft Víctor den Gang entlang, plötzlich spricht er in der Gegenwart. "Wir liegen in Holzverschlägen auf dem Boden, 75 mal 200 Zentimeter groß. Wie Särge, aber oben offen, damit die Wärter uns beobachten konnten." Er hält inne. "Immer die stinkende Kapuze auf dem Kopf."

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Argentinien, Januar 2009

Während der Diktatur wurden etwa 30.000 Menschen ermordet. Darunter hätte auch Basterra sein können. Doch als gelernter Drucker wusste er, wie man Dokumente fälscht. So wurde er zum nützlichen Sklaven: Er fotografierte die Militärs in Zivil oder in Polizeiuniform, zur Tarnung. Dann bekamen sie eine neue Identität als Journalist oder Polizist, mit Führerschein und Personalausweis. Die Öffentlichkeit sollte möglichst wenig über die Machenschaften der "Eingreiftruppen" wissen. Basterras Peiniger richteten eine Dunkelkammer im Keller ein.

Bald stellte er fest, dass es einen Ort gab, den die Folterer nicht durchsuchten - die Kiste mit dem lichtempfindlichen Fotopapier. Er begann, Fotos unter- und überzubelichten. Sobald er allein war, holte er die Bilder aus dem Abfall, versteckte sie. In einer Mülltüte fand er weitere Negative: Bilder der Opfer. Basterra schob die Negative in die Kiste mit dem Fotopapier. Als er nach Jahren ab und zu seine Frau besuchen durfte, begann er, die Dokumente des Schreckens hinauszuschmuggeln. Er steckte sie in die Unterwäsche.

Mirta Alonso Hueravilo war im sechsten Monat schwanger, als ihr Großvater 1977 starb. Sie ging zur Totenwache, stand neben dem Sarg, als zwei Autos vorfuhren. Ihr Mann sei überfallen worden und schwer verletzt, sagten die Männer, die sich als Polizisten in Zivil vorstellten. Mirta stieg ein. Keiner der Trauergäste sah sie je wieder.

Emiliano Hueravilo ist der Sohn, der in Mirtas Bauch wuchs, als sie verschleppt und in die ESMA gebracht wurde. Er hat dunkelbraune Haare, die seinen Rücken bedecken, wenn er sie nicht zu einem Zopf bindet. Hinter dem linken Ohr hat Emiliano eine kleine Narbe: "Meine Mutter markierte mich mit einer Stecknadel, um mich später wiederzufinden." Doch dazu kam es nicht, Mirta wurde in der ESMA ermordet.

Emiliano Hueravilo ist ein Ausnahmefall. Von allen 500 Kindern, die vermutlich in den Geheimgefängnissen der Diktatur geboren wurden, ist er der einzige, der mit seinem richtigen Namen aufwuchs. Seine Großmutter arbeitete als Hausangestellte bei einer Familie, die gute Kontakte zum Militärregime hatte. Sie fiel vor der Hausdame auf die Knie, bettelte, weinte. Die Frau forschte nach: "Dein Enkel lebt, und du wirst ihn sehen." Am 13. Dezember 1977 kam die Nachricht im Radio. Ein Baby war vor einer Kinderkrippe ausgesetzt worden, eingewickelt in eine Decke, darin lag ein Zettel mit seinem Namen: Emiliano Lautaro Hueravilo Alonso. Seine Großeltern holten den Kleinen sofort zu sich.

"Ich hatte großes Glück, mit meiner echten Identität aufzuwachsen", sagt Emiliano. Er schloss sich der Organisation H.I.J.O.S. an. Die Kinder der Verschwundenen fordern lebenslange Haft für die Mörder, und sie haben erste Erfolge. Die Regierung Kirchner schaffte 2005 das "Schlusspunktgesetz" ab, das den Folterern Straflosigkeit zugesichert hatte. "Víctors Bilder sind unglaublich wertvoll", sagt Emiliano. "Andere Überlebende können die Täter nur beschreiben."

Víctor Basterra selbst sagt: "Wenn ich heute junge Leute sehe, die damals in der ESMA geboren wurden, habe ich das Gefühl, sie beschützen zu müssen." Dabei braucht er selbst Schutz. Er ist einer der Hauptbelastungszeugen in den Prozessen gegen die Täter. Eine heikle Rolle. Auch 25 Jahre nach dem Ende der Diktatur funktionieren die alten Netzwerke. Mehrfach wurden Zeugen eingeschüchtert, einer tauchte nie wieder auf.

"Wer soll die Zeugen auch beschützen?", sagt Emiliano. "Polizei? Militär? Die waren am Staatsterror beteiligt." In der Provinz Buenos Aires seien 9000 Polizisten, die am systematischen Verschleppen von Menschen mitwirkten, nach wie vor im Dienst, hat H.I.J.O.S. recherchiert.

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