ISTANBUL

Nobelpreisträger Orhan Pamuk

Die Dinge gerne horten

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk erfüllt sich einen lang gehegten Traum: Im Sommer 2010 wird er in seiner Heimatstadt Istanbul ein eigenes Museum eröffnen. Auf MERIAN.de erläutert der Nobelpreisträger seine unschuldige Sammelleidenschaft.

Seit langer Zeit versuche ich, ein Museum in Istanbul zu eröffnen. Zu diesem Anlass kaufte ich vor gut zehn Jahren ein heruntergekommenes Gebäude von 1897 im Istanbuler Stadtteil Çukurcuma, ganz in der Nähe meines Studios. Mit Hilfe befreundeter Architekten habe ich die Struktur dieses Hauses mit den Jahren in die eines Museums umgewandelt und sie den heutigen wie meinen eigenen Vorstellungen angepasst.

Istanbul: Das Beste aus beiden Welten

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Während ich mich also schon mit dem Museum beschäftigte, schrieb ich gleichzeitig an meinem Roman. Und während ich an dem Roman schrieb, suchte ich wiederum nach jenen Dingen, die meine Romanfiguren benutzen würden, die - wie ich mir überlegt hatte - von 1975 bis 1984 in diesem Haus wohnen sollten. Ich suchte nach diesen Objekten in Secondhandläden und auf Flohmärkten, in Häusern von Bekannten, von denen ich wusste, dass sie Dinge gerne horteten.

Langsam füllte sich mein Atelier mit alten Medizinflaschen, mit Kästchen voller Knöpfe, mit Lottoscheinen, Spielkarten, Kleidern und Küchenutensilien. Um all diese Objekte in meinem Roman verwenden zu können, dachte ich mir Situationen aus - Momente und Szenen, die exakt zu ihnen passten. Viele hatte ich eher zufällig und kurz

GEFUNDEN IN ...


Istanbul, Januar 2010

entschlossen gekauft, zum Beispiel eine Quittenreibe. Ich fand auch beispielsweise in einem Secondhandladen zuerst ein Kleid aus einem Stoff mit orangefarbenen Rosen und grünen Blättern und entschied erst nach dem Kauf, dass es gut zu meiner Romanheldin Füsun passen würde. Und während das Kleid so vor mir ausgebreitet lag, beschloss ich, die Einzelheiten einer Szene zu beschreiben, in der eben dieses Kleid von Füsun getragen werden sollte, während sie lernt, Auto zu fahren.

Es gab auch die umgekehrte Vorgehensweise: Während ich mir vorstellte, dass eine Schwarz-Weiß- Fotografie aus den dreißiger Jahren, die ich in einem Antiquariat in Istanbul aufgestöbert hatte, eine Fotografie aus den jungen Tagen einer meiner Hauptfiguren zu sein habe, dirigierte ich meine Geschichte mit Hilfe der Objekte in eben dieses Foto hinein. Manchmal beschrieb ich sogar das Foto selbst. Weil ich denn alle meine Helden erfinden, ihnen Eigenheiten und Charaktere mitgeben musste, wie in zahlreichen meiner anderen Romane auch, versah ich sie mit etlichen meiner eigenen Eigenschaften und denen meiner Mutter, meines Vaters, meiner Familienangehörigen.

Und ich stellte mir viele Objekte, die ich liebte und an die ich mich gern erinnerte, auf den Schreibtisch. Ich beschrieb sie in allen Details und machte sie zum Teil meiner Geschichte. Es war eine Vorgehensweise des Suchens, Findens, des Studierens und Beschreibens der Dinge. Manchmal auch in umgekehrter Weise - indem ich in Geschäften nach Objekten des Romans fragte. Oder ich ließ sie nach meinen genauen Vorgaben von Künstlern und Handwerkern anfertigen.

2008 schließlich war ich fertig mit dem Buch "Museum der Unschuld". Zu diesem Zeitpunkt stapelten sich sowohl in meinem Studio wie auch zu Hause die Sammelstücke. Also entschloss ich mich, das Museum zu eröffnen - jenes, das ich in meinem Roman als "Museum der Unschuld" beschreibe. Seit nunmehr drei Jahren arbeite ich an meinem Museum der Gefühle. Und kooperiere dabei mit türkischen wie internationalen Künstlern.

VITA ORHAN PAMUK

Der 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Autor wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen in Istanbul auf. Pamuk studierte Architektur, wechselte das Fach und machte seinen Abschluss in Publizistik. 1982 erschien sein erster Roman, seitdem wird er auch international mit Preisen überhäuft. Er verbrachte einige Jahre in New York und lebt heute in Istanbul. Weil er politisch Stellung bezieht, wird er von den Ultranationalisten bedroht. Sein jüngster Roman »Das Museum der Unschuld« (2008) handelt von der Liebe zwischen Kemal und der schönen Füsun. Ein Paar, das zwischen westlichen Wunschbildern und türkischen Traditionen hin- und hergerissen ist.

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