ST. PETERSBURG

St. Petersburg

Willkommen in der Zukunft

Von Daniel Luchterhandt

2. Teil: Neubauprojekt Europa-Kai: Es geht auch anders

Die Suche nach einem anderen Umgang mit dem historischen Erbe führt zum Neubebauungsprojekt am "Europa-Kai". Hier, nur 500 Meter westlich der Peter-Pauls-Festung, vertreten die Planer eine weitaus behutsamere städtebauliche Position. Der Vorschlag der Architekten Ewgeni Gerassimow (aus St. Petersburg) und Sergei Tchoban (aus Berlin) greift die klassischen städtebaulichen Muster der Innenstadt auf, stellt Sichtachsen zum schlanken Turm der Peter-Pauls-Kathedrale oder zur imposanten Isaakskathedrale her.

Die Architekten errichten klare Fassadenfronten zur Wasserseite, wie sie immer schon die Uferstraßen an der Newa prägten, und trennen deutlich die öffentlichen Promenaden von den privaten Innenhöfen. Die städtebaulichen Ansichten vom zukünftigen Stadtquartier am Europa-Kai scheinen in ihrer Anmutung den Wunsch nach einer traditionellen Architektur zu untermauern. Gleichwohl soll "eine Parade unterschiedlicher Fassaden" von verschiedenen Architekten entstehen, wie Tchoban erläutert, keineswegs also historisierende Gebäude.

St. Petersburg: Zukunft bauen

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Ein oval geformter steinerner Platz soll ein neues Tanztheater des Balletts von Boris Eifman einfassen, für das die Amsterdamer Architekten vom UN Studio Ben van Berkel eine moderne Gebäudeskulptur entwarfen - gewissermaßen der Diamant für den Ring des neuen Platzes. Man darf gespannt sein, ob es diesem Neubauprojekt ähnlich ergehen wird wie der zweiten Bühne des Mariinski-Theaters und dem - vorerst gescheiterten - Projekt Neu-Holland, bei denen Irrungen und Wirrungen die Presse mehr beherrschten als die Vorfreude auf neue Glanzlichter für die Stadt.

Die enormen wirtschaftlichen Erwartungen an die Nutzung des Europa-Kais lassen das Ziel, den Grünflächenanteil in der Innenstadt um zehn Prozent anzuheben, völlig in Vergessenheit geraten. Ganze 70 Quadratmeter Grünfläche des Masterplans verhöhnen diese für St. Petersburg so wichtige Zukunftsaufgabe. Der Markt sei offenkundig wichtiger als die Lungen der Stadt, äußert sich Wladimir Lisowski, Professor für Architekturgeschichte in St. Petersburg, sarkastisch. Dabei wurde gerade dieser zentrale Bereich historisch immer als öffentlicher Raum verstanden. Welches Vertrauen aber kann man den Verantwortlichen in der Stadt entgegenbringen, wenn es ihnen sogar in attraktiven Lagen nicht gelingt, die selbst gesteckten Ziele durchzusetzen und dem Bedürfnis nach grünen Erholungsräumen gerade in einem extrem dicht bebauten Stadtteil wie der "Petrograder Seite" zu entsprechen?

Ein dritter Versuch, die städtebaulichen Visionen für St. Petersburg zu verstehen, führt zu einem gut bewachten Verkaufspavillon des Projekts "Meeresfassade" am westlichsten Punkt der Wassiljewski-Insel. Hier, endlich, kann die Stadt neu erfunden werden, mit sechs Kilometern weit genug vom Zentrum entfernt, ein Areal zugleich prominent am Wasser gelegen und von weitem sichtbar.

Am Anfang stand die Idee, zur Verkehrsentlastung der Innenstadt eine Umgehungsstraße westlich vor dem Newa-Delta entlangzuführen. Daraus entstand das flächenmäßig größte Stadtentwicklungsprojekt St. Petersburgs. Seit 2005 werden nun dem Finnischen Meerbusen Stück für Stück insgesamt 476 Hektar Fläche abgerungen. In den kommenden zwanzig Jahren wird sich die Uferseite St. Petersburgs radikal wandeln: Als Herzstück entsteht ein Hafen für Kreuzfahrtschiffe, geplant sind auch Geschäfts- und Wohnviertel, Schulen, soziale Einrichtungen, Freiflächen für Sport und Erholung. Mit Ausnahme des ersten Bauabschnitts für das Kreuzfahrtterminal ist auch von diesem Projekt noch nicht viel zu erkennen.

Gleichwohl zeichnen brillante neue Stadtansichten ein Bild, das mit St. Petersburg nichts mehr gemein hat. Seine Wirkung bezieht es aus einer neuen Hochhaus-Silhouette am Ufer: Hier soll eine Stadt entstehen, die überall möglich und vorstellbar wäre, eine Stadt, die ohne das Historische auszukommen scheint und sich von dem Bestehenden frei macht. Eine Stadt, die sich nur noch von den großartigen Qualitäten des Wassers beeindrucken lässt und vor allem in diese Richtung Gesicht zeigen will.

Noch kann sich das Projekt wandeln, kann überlegt werden, was diese Stadterweiterung zu einem ebenso neuen wie für St. Petersburg einzigartigen Stadtteil werden lässt. Spätestens wenn für die "Meeresfassade" die Planung neuer Hochhäuser in Angriff genommen wird, wird eine Diskussion über die Vertikalen in St. Petersburg erneut entfacht werden.

Für die Petersburger wird sich die Zukunft ihrer Stadt weniger im Zentrum als jenseits davon entscheiden, ohne internationales Touristen- und Investorenpublikum. Industrie- und Wohngürtel, die sich beinahe schützend um das Zentrum legen, werden wie eine "zweite Stadt" behandelt. Hier, wo etwa 80 Prozent der fast fünf Millionen Einwohner leben und es große Flächenpotenziale gibt, könnte St. Petersburg demonstrieren, welche Vision es für alle Petersburger verfolgt. Bei einem Besuch dieser Stadtteile lässt sich erleben, in welch erschreckender Qualität 2008 mehr als 3,2 Millionen Quadratmeter neuer Wohnfläche entstanden. An den fast völlig vernachlässigten Grün- und Freiflächen kann man studieren, wie leichtfertig Architekten, Planer, Investoren und Kommunalpolitiker aus reiner Profitgier mit der Frage nach der Verbesserung der Lebensqualität jenseits des Zentrums umgehen.

Kehren wir zurück zum Newski- Prospekt, in das Singer-Haus. Längst ist es eine Ikone des "Stil modern" geworden. Wie kommt es, dass ausgerechnet dieses Bauwerk die gesamte Architektenschaft heute ausnahmslos begeistert? Der Besucher blickt aus dem vierten Stock über den breiten Newski, entdeckt kleine Metall-Nähmaschinen als Verzierung der Fassade, während von der anderen Seite die Kasaner Kathedrale mit ihrem Säulengang ihn scheinbar in die Arme schließen will.

Alles ist so wunderbar zusammengefügt und stimmig, so liebevoll und imposant zugleich. Schauen wir uns die Provokationen von einst an, diese den Globus tragenden nackten Frauenkörper gegenüber der Kasaner Kathedrale, die gigantischen Glasfenster.
Wieso konnten nicht alle schon vor hundert Jahren das Einzigartige erkennen? - Und so steht das Singer-Haus heute nicht nur als großartiger Bau da, es ist Symbol dafür, Innovation zu provozieren, das Unverwechselbare anzustreben und mehr Phantasie dafür zu haben, welche Wirkung Projekte zum Beispiel in hundert Jahren - eben in dem Zeitraum seit der Entstehung des Singer-Hauses - entfalten könnten.

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