Von Eva Gerberding
Mehr als 10.000 Kinder leben in St. Petersburg auf der Straße. Ein deutscher Hotelmanager hat einigen dieser Kids Lehrstellen im besten Haus am Platz angeboten. Ein gewagtes Experiment.
Vor dem "Grand Hotel Europe" eilt ein Livrierter auf den lautlos ausrollenden Maybach zu und öffnet den Wagenschlag. Illustre Herrschaften steigen aus der Limousine und entschwinden durch die von Pagen aufgehaltene Schwingtür des Portals ins Foyer der Luxusherberge. Draußen vor der prächtigen Fassade macht sich die 15-jährige Warja, die jüngste Auszubildende im Hotel, an den Pflanzkübeln zu schaffen. Die soeben eingetroffenen Gäste kommen aus Paris. Warja kommt aus Puschkin, genauer: aus dem dortigen SOS-Kinderdorf.
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Das "Grand Hotel Europe" leitet er im Auftrag der Orient-Express-Gruppe, die das mehr als 130 Jahre alte traditionsreiche Haus aufwendig renovieren ließ. Ein Hotel in ausgezeichneter Lage, gegenüber der Philharmonie und nahe dem Michailowski-Theater, zwischen dem Platz der Künste und dem Newski-Prospekt, als erstes Fünf-Sterne-Haus Russlands wurde es 1991 mit der großenteils originalen, prächtigen Jugendstilausstattung neu eröffnet. Als schönstes und ältestes noch bestehendes Hotel der Stadt steht sein heutiger Ruhm dem vergangener Tage nicht nach. War es einst Logis von Größen der Musikwelt wie Tschaikowsky, Strawinsky und Prokofjew, von den Schriftstellern Maxim Gorki oder George Bernard Shaw, so genossen in jüngerer Zeit die früheren US-Präsidenten Carter und Clinton, Prinz Charles und Elton John, Sharon Stone und Helmut Kohl, Boris Becker und der Dalai Lama den Komfort seiner Suiten. Im Restaurant "L'Europe" dinieren erfolgreiche Russen Seite an Seite mit internationalen Stars aus Politik, Kunst und Showbusiness.
Die Stellung als erstes Haus am Platz verpflichtet. Auch dazu, den Ärmsten zu helfen, so empfindet es der Hoteldirektor. Die Organisation eines Weihnachtsmarktes zugunsten zweier Waisenhäuser war der Anfang. Aber ein paar Bemühungen zur Weihnachtszeit reichten Noll nicht. Auf der Suche nach Institutionen, die sich junger Obdachloser annehmen, stieß der Hotelier auf "Ostrow", die "Insel". Hier finden Kinder für Stunden Zuflucht und Geborgenheit bei Menschen, die ihnen zuhören, zu essen geben.
Ostrow ist Anlaufstelle für Mädchen und Jungen zwischen sieben und 18 Jahren, die auf der Straße leben, häufig aus zerrütteten Familien kommen, verwahrlost, ungeliebt, oft misshandelt. Wie Anastasia, kurz Nastja, die mit sieben Jahren Zuflucht bei der "Insel" fand und dort meistens die Tage verbrachte. Für die heute 19-Jährige ist klar: "Nur durch Ostrow habe ich überlebt." Freundin Jana nickt zustimmend: "Allein hätte auch ich es nicht geschafft."
Die "Insel" ist ein notwendiges Auffangbecken, doch Perspektiven kann sie nicht bieten. Noll wagte deswegen ein Experiment: Er bot Jugendlichen eine Ausbildung im "Grand Hotel" an. Nastja und Jana waren die Ersten. "Anfangs war es schwierig, den Mitarbeitern zu vermitteln, warum wir diese Mädchen anstellen und ihnen besondere Konditionen bieten. Die älteren Angestellten waren beunruhigt, Kolleginnen zu bekommen, die nicht ausgebildet waren und dennoch das gleiche Gehalt wie sie bekommen sollten. Aber das war meine Bedingung: Die Kinder sollten so viel verdienen, dass sie sich selbst unterhalten können", erklärt Noll seine Idee. Klar war ihm auch, dass diese Jugendlichen eine besondere Betreuung brauchen. Einen Job, den Personalmanagerin Astrid Wenkel mit Begeisterung übernahm. Sie hatte zuvor für die Kindernothilfe gearbeitet, und nun wurde sie schnell zur Vertrauten für Jana und Nastja.
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