2. Teil: Abstecher abseits der Nobelvororte
Mittlerweile gelten die schicken Vororte Clifton und Camps Bay als die Stranddestinationen der Halbinsel schlechthin. Doch wer ein Stück weiter nach Süden fährt, in Richtung Hout Bay der breit angelegten, in weiten Kurven sich dahinschlängelnden Straße unterhalb der Twelve Apostel bis zu dem kleinen, exklusiven Vorort Llandudno folgt, der bewegt sich durch eine nach wie vor kaum besiedelte Gegend. Am Kap schon eine Seltenheit.
Baugrund ist hier rar. Und teuer. So teuer, dass Llandudno für Kapstadt als das gilt, was der Nobelvorort Grünwald für München ist. Ein wenig abgelegen, sehr exklusiv und bar jeder überflüssigen Infrastruktur. Auf keinen Fall möchte man noch mehr Besucher anlocken, die dann den pittoresken Strand bevölkern. Oder etwa den Ort durchfahren, auf dem Weg zur Sandy Bay, dem Eldorado der Nudisten.
Wer freilich nur ans Kap will, der unternimmt ohnedies keinen Abstecher in die von Security-Männern gesicherte Enklave, sondern fährt einmal noch eine Kuppe hinauf und dann hinunter durch Hout Bay, in Richtung Chapman's Peak Drive. Der allerdings ist bisweilen gesperrt und längst nicht immer ist ein Autounfall schuld daran. Mal laufen Dreharbeiten, mal lösen sich Felsbrocken aus dem porösen Gestein und stürzen auf die Straße. Nachdem eine amerikanische Touristin auf diese Weise verunglückte, wurde die Strecke im Jahr 2000 gesperrt. Aus der Schweiz kamen Spezialisten, um Sicherungsmaßnahmen durchzuführen.
Seit 2003 fährt man nun teilweise durch Galerien, die nicht ganz so pittoresk sind wie der Rest der Strecke. Und bezahlt auch noch Maut, um von Hout Bay nach Noordhoek zu gelangen. Das flache Land dahinter ist in nichts vergleichbar mit der eben erlebten Dramatik. Doch schon nach Kommetjie führt die Straße zurück an die Küste, die wieder rauer wird und ganz und gar unvermutet nördlichen, fast sogar schottischen Charakter annimmt. Weshalb es Reisende auch nicht weiter verwundert, wenn sie in einen kleinen Ort namens Scarborough einfahren, den die Gischt des anbrandenden Ozeans in steten feinen Nebel hüllt. Hier liegt der Hot Spot der Surfer, die sich in Neoprenanzügen in die bitterkalte Brandung werfen, vom Strand aus von ein paar Spaziergängern und Pavianen beobachtet.
Letzteren muss man spätestens ab hier als Autofahrer Aufmerksamkeit schenken: Zum einen tummeln sie sich immer wieder auf der Straße in Richtung Kap, zum anderen sah sich die Verwaltung des Table Mountain National Park 2005 veranlasst, einige Picknickplätze innerhalb des Reservats zu schließen. Wiederholt hatten Affenhorden die Plätze gestürmt, die Besucher vertrieben und deren Essensreste verdrückt.
Dabei zahlt es sich gerade im Reservat aus, den Wagen stehen zu lassen. Für einen Spaziergang oder eine Wanderung durch mannshohen Fynbos, vorbei an Proteen und hin zu kleinen Buchten und Lagunen. Oder durch Menschenmassen hindurch, die zum Leuchtturm am Cape Point drängen - und die im dortigen Restaurant dann und wann flinken Übergriffen hungriger Paviane ausgesetzt sind.
Dass hier nun das von Seefahrern gefürchtete Kap der Guten Hoffnung liegt, begreift man als Besucher nicht so recht. Sicher, es ragt 300 Meter hoch und spitz in die See hinein, man kann Felsen und Riffe sehen, immer stürmt und windet es. Die eigentliche, unsichtbare Gefahr aber sind die starken Strömungen, die - zusammen mit den Stürmen - die Schiffe noch heute in Seenot bringen können. Ursprünglich nannten es die Portugiesen denn auch Kap der Stürme, bis in Lissabon der Hoffnung auf gute Geschäfte mit Indien und dem Fernen Osten wegen das Kap flugs in jenes der Guten Hoffnung benannt wurde.
Wer an einem nebel- und regenverhangenen Tag einen Abstecher hierher macht, versteht sofort, weshalb sich Sagen und Legenden um die Landzunge spinnen. Das Tosen des Atlantiks, die jagenden Wolken, die wieder und wieder auftauchenden Bergspitzen - das ist die perfekte Kulisse für den Auftritt eines Gespensterschiffs. An solchen Tagen, heißt es, sei das Läuten einer alten Schiffsglocke zu hören. Ein Omen für kommendes Unheil. Aber wer fährt schon an solchen Tagen ans Kap.
Von nun an reiht sich Ortschaft an Ortschaft. Auf das Urlaubsparadies für Familien, Fish Hoek, folgt Kalk Bay mit seinem Hafen, auf dessen Pieren und Kais zur Mittagszeit die heimkehrenden Fischer ihren Fang verkaufen. Schließlich gelangt man nach Muizenberg, einst die gefragteste Sommerfrische der britischen Kapkolonie. Alles, was Rang und Namen hatte, wollte hier fernab der rauen Winde in gepflegter Atmosphäre Urlaub machen. Bis heute prägen einige Prachtbauten aus den Jahren um 1900 das Ortsbild.
Die italienisch anmutende Residenz, in der heute das Natale Labia Museum untergebracht ist, das Anwesen Rust en Vrede, von Sir Herbert Baker im Neo-Kapholländischen Stil errichtet - und Cecil John Rhodes Sommercottage. Beliebt ist Muizenberg nach wie vor. Vor allem dank seiner "weißen Strände", die Rudyard Kipling schwärmerisch beschrieb, und der bunt leuchtenden Badehütten in St. James wegen, die eines der bekanntesten Postkartenmotive der Kaphalbinsel sind. Die großen Tage freilich sind vorbei, und es ist, als könnte man die leise Wehmut des Ortes spüren, von den neuen Emporkömmlingen Clifton und Camps Bay ausgestochen worden zu sein. Tatsächlich droht auf der unteren Straße der Blick für die ruhige Schönheit der False Bay verloren zu gehen. Weswegen sich eine Alternative anbietet.
Der höher gelegene, weniger befahrene Boyes Drive, auf den man bereits in Kalk Bay abbiegt, führt parallel zur Küste nach Steenberg und bietet ein Aussicht bis nach Betty's Bay. Bleibt nur die Frage, welches der beste Weg zurück nach Kapstadt ist. Schnell und simpel geht es auf der M3, ein bisschen mehr Zeit kostet die Route auf der M42 durch die noblen Viertel Tokai und Constantia. Oder man wählt die Strecke über den Ou Kaapse Weg durch das Silvermine Nature Reserve zurück nach Noordhoek. Um dann noch einmal, in Gegenrichtung, den Chapman's Peak Drive zu bewältigen. Diesmal kann der Beifahrer den Nervenkitzel dicht am Abgrund spüren, wenn vor seinen Augen die Abendsonne im Meer versinkt.
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Der Erfinder von Magazinen wie "Wallpaper" und "Monoclé" ist ein Vielreisender und Kosmopolit. Hier schildert Ihnen Tyler Brûlé exklusiv seine ganz persönlichen Eindrücke vom Leben auf der Überholspur. Brûlé und weitere Kolumnisten - hier
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