KARELIEN

Karelien

Im Land der Mönche

Marc-Oliver Schulz

Von Fiona Ehlers

Für die Finnen ist Karelien Traum und Trauma. Ohne Emotionen denkt niemand an die dichtbewaldete Landschaft im Osten, deren größerer Teil jetzt zu Russland gehört. Das Kloster Uusi Valamo ist bis heute das Symbol für die Dramen der Vergangenheit.

Abends, wenn wieder Stille einkehrt im Kloster, schleichen die Mönche von Uusi Valamo über Moos und Rentierflechten den schmalen Pfad am Ufer entlang. Sie kichern und flüstern hinter vorgehaltener Hand, sie dürfen den Abt nicht wecken und die Sommergäste, die im Hotel unter Schlafmasken dämmern. Ihr Tag war lang. Nach dem Morgengebet um 6 Uhr kamen die ersten Busse. Die Mönche führten durch die Werkstatt der Ikonenmaler, die Bibliothek, die Weinkellerei. In der Kirche trugen sie Kutten und hohe, schleierverzierte Hüte, hielten Mittags- und Abendgottesdienst, sangen Psalmen und Choräle. Jetzt haben sie Feierabend, und Feierabend in Finnlands einzigem orthodoxen Männerkloster heißt: saunen und tratschen am See. Alle halbe Stunde rennen sie nackt und dampfend aus dem Holzhäuschen mit dem Bullerofen, hüpfen ins moorige Wasser, wickeln Badetücher um die Hüften und kreischen und fuchteln herum - weil sie nicht mal perkele, den Teufel, so sehr fürchten wie Bienen und Bremsen.

Karelien: Im Land der Mönche

Fotostrecke starten: Klicken Sie auf ein Bild (11 Bilder)

Gegen Mitternacht sitzen sie am Lagerfeuer. Die Sonne hinterlässt rötliche Streifen am Horizont, langsam wird es dunkler. Juha, der schöne Diakon 29 Jahre alt, schnippt Zigaretten in die Glut, schickt einen Segen hinterher, grinst. Er lästert über die "Schwesternschaft", seine Klosterbrüder, von denen die meisten homosexuell seien und - wie er - keinen Hehl daraus machen. Mönch Antipa, 28, flachsblonder Pferdeschwanz, am Kinn ein spärliches Bärtchen, grillt Würstchen. Sein Mönchsname ist griechisch, eigentlich heißt er Andrej und kam vor drei Jahren aus Russisch-Karelien. Seine Brüder nennen ihn "Antipasti", "Vater Vorspeise".

Nora, die Küchenhilfe, denkt an ihren Verlobten. Er starb vor ein paar Monaten, sein Herz war krank. Seine Familie verstieß Nora, zur Beerdigung durfte sie nicht. Sie sehnte sich nach einem Ort, an dem sie trauern konnte und neuen Lebensmut schöpfen. Der Abt gab ihr Arbeit und eine Zelle. Sie sagt, einen besseren Ort als diesen hätte sie nicht finden können. Bis zum Morgengrauen lauscht man den hohen, hellen Stimmen der Mönche, ihrer Mundart, Karelisch, die weich wie Finnisch klingt und einen harten, russischen Einschlag hat. Sie sind so anders, als man erwartet hatte, temperamentvoll wie Neapolitaner, weltoffen, vergnügt und gar nicht asketisch. Ihre Geschichten aber klingen traurig. Sie handeln von ihrer Heimat Karelien, diesem urwüchsigen Grenzland voller Wälder, Bären und Seen, das Jahrhunderte lang Zankapfel war zwischen Schweden im Westen und Russland im Osten. Sie handeln von Verlust und Vertreibung und dem Glauben an Gott, der Völker verbindet, auch die zerrissenen. Die Mönche lachen viel, manchmal weinen sie auch. Damit man versteht, warum das so ist, klappt Juha sein Handy auf, schreibt Namen und Nummern von Freunden auf einen Zettel und wünscht gute Reise.

Die Reise durchs Land der Mönche beginnt an einer Tankstelle, ein paar Kilometer östlich. Rauno und Tyynne, ein altes Ehepaar, sitzen auf der Veranda ihres Hauses, das früher mal Gasthaus und Post war. Tyynne hat Piroggen gebacken, mit Milchreis gefüllte Fladen, eine karelische Nationalspeise. Sie bestreicht sie mit Eierbutter, und Rauno, Sommersprossen, rotes Haar, erzählt von seinen Freunden, den Mönchen, und manchmal laufen auch ihm Tränen übers Gesicht, und er tröstet sich mit ein paar Gläsern Beerenwein. Es war im Winter 1939, sagt Rauno.

25 Kilometer von hier verlief die Front, nachts hörten sie Kanonendonner, immer mehr Flüchtlinge bettelten um Unterschlupf und eine Mahlzeit. Dann kamen 200 Mönche aus dem Kloster Walaam, im 14. Jahrhundert auf einer Insel im Ladogasee gegründet. Rauno setzte sich auf seinen Kutschbock und brachte Pakete, die man ihnen aus aller Welt geschickt hatte. Brüderlich teilten sie Speck, Butter, Trockenfisch und wärmende Felle. In nur einer Nacht waren die Mönche vor der Roten Armee geflohen. Trotz Nichtangriffspakt hatte Stalin das Land überfallen, und Finnland musste drei Viertel Kareliens, darunter die Hauptstadt Wyborg, abtreten. Die Mönche wollten nicht sowjetisch werden, heimlich fuhren finnische Soldaten sie in Lastwagen über den zugefrorenen See. In Kisten versteckt hatten sie Kandelaber, golddurchwirkte Gewänder und mehrere Tausend Ikonen. Nach dem Winterkrieg versuchte Finnland, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern, die Kämpfe dauerten bis 1944, Zehntausende starben auf beiden Seiten, fast eine halbe Million Karelier mussten in Sicherheit gebracht werden.

Nach ihrer Flucht bezogen die Mönche den kleinen Gutshof am See, einst Sommersitz des Brandmeisters der Eremitage von St. Petersburg. Sie gründeten Uusi Valamo, Neu-Walaam, das geistige Zentrum der orthodoxen Diaspora. Rauno sagt, er habe oft daneben gestanden, als sie ihre Schätze in die ehemalige Scheune hängten, einen Bollerofen aufstellten und einen langen Tisch - ihre Exilkapelle samt Refektorium für viele Jahre. 1977 bauten sie eine zweite Kirche, ein Hotel mit 110 Zimmern, Restaurant, Souvenirshop. Heute sind sie zu elft und leben vom Tourismus. Die karelischen Nonnen hatten weniger Glück. Weil sie an eine baldige Rückkehr glaubten, flohen sie mit nichts außer ein wenig Geschirr. Später zogen sie in die Nähe der Mönche, ins bescheidenere Kloster Lintula auf der anderen Seite des Sees. Sie sind nur noch 14, im Winter ziehen sie Kerzen aus Bienenwachs, im Sommer kommen ein paar Pilger.

WETTER

Stadt Temperatur Himmel
Berlin 22°C wolkig
London 20°C heiter
New York 18°C regen
Rio de Janeiro 29°C wolkig
Rom 29°C wolkig
Tokio 25°C wolkig

Was wissen SIe über Hollywood?

Testen Sie Ihr Wissen in unserem MERIAN.de-Quiz!

Philip Koschel
Zum Quiz
Alle Reise-Rätsel

Kolumnen

Viktoria-Marie Schiffler

Tyler Brûlé: Fast Lane

Der Erfinder von Magazinen wie "Wallpaper" und "Monoclé" ist ein Vielreisender und Kosmopolit. Hier schildert Ihnen Tyler Brûlé exklusiv seine ganz persönlichen Eindrücke vom Leben auf der Überholspur. Brûlé und weitere Kolumnisten - hier

MERIAN NEWSLETTER

So sind Sie immer auf dem neuesten Stand

Der MERIAN-Newsletter informiert Sie über Reiseziele, gibt nützliche Hinweise und bietet ein attraktives Gewinnspiel.





Weitere Internetseiten der GANSKE VERLAGSGRUPPE Online-Angebote der SPIEGEL-Gruppe: