Von Judka Strittmatter
Nach jahrzehntelanger Flaute ist der See wieder Epizentrum glamouröser Sommerlust. Besonders Velden mit seinem Casino und dem neueröffneten Schlosshotel ruft Schickeria und Pauschalurlauber auf den Plan.
Ein großer Sommer war es wieder mal am See, das Wetter hielt, und tolle Partys gab es, die Fête Blanche, das Beachvolleyballturnier in Klagenfurt, alles eine Riesengaudi, wunderbar.Und er, der Retzer Otto, immer mittendrin. Mal mit dem Niki (Lauda), mal mit der Ingrid (Flick), mal mit dem Udo (Jürgens). Mit dem besonders - alte Männerbande. Nur dass die Leut' und die Gazetten manchmal solchen Schmarrn verbreiten würden über den Udo, also das pikiert ihn schon. Betteln hätten s' ihn müssen für ein paar Takte am Klavier in Klagenfurt beim Volleyball. Den Richie Lugner, Opernballkönig immerhin, soll er als seinen Tischnachbarn verstoßen haben. Und sein Faible für die jungen Dinger ...
Doch keine Details zum Udo, bittschön, lieber was zu ihm. Auftritt Otto Retzer also, Bonvivant und Filmemacher, seine Bühne: Velden am Wörthersee, das Restaurant "Seespitz". Moderne Außendependance des Schlosshotels mit Beachclub. Ein kurzer Mann in Lässig-Outfit schlendert herein, unter der blanken Glatze wuchern Theo-Waigel-Brauen, grüß Gott hier und grüß Gott da.
Strahlend: Das Schlosshotel Velden ist nach jahrelangem Leerstand wieder die erste Adresse am Wörthersee
Ums "Seespitz" Gewusel und Gegucke, Tretbootgequieke, Eisgeschlecke, Fotoalberei. Straßenmaler auf der Promenade gieren nach Porträtaufträgen und präsentieren stolz ihr Oeuvre, das ausgebreitet auf der Erde liegt: Roy Black, von einem Foto abgemalt. Hommage an einen, der hier spätestens durch die Serie "Ein Schloss am Wörthersee" zum Helden wurde. Der - noch nicht mal 50 - abtrat: Herzstillstand, allein auf seiner Hütte in einem bayerischen Moor. Heute erinnern an Gerd Höllerich alias Roy Black nur ein schmaler Weg und im "Seespitz" eine Büste.
Auch Otto Retzer hat Aktien am Erfolg des TV-Sehnsuchtsziels am Wörthersee - er hat mitgespielt und "Schloss"-Folgen produziert, und er hat internationale Gäste für die Serie eingekauft. Den J. R. Ewing beispielsweise, Larry Hagman also. Oder Telly Savalas, dem er in L.A. zunächst einmal erklären musste, wo Österreich überhaupt liegt. Noch heute kommt Savalas' Witwe in die Sommerfrische an den Wörthersee, und wenn sie nicht gerade skaten ist mit einer anderen flotten Witwe, der Ingrid Flick, dann schaut sie auch bei Retzers kurz vorbei.
"Ich bin ja sonst immer schon so nah dran", antwortet Retzer auf die Frage, ob er im "Seespitz" vorn am Wasser sitzen will. Das ist ironisch gemeint und stimmt. Zum einen für sein Haus am See, zum anderen für das Genre, das er im deutschen Fernsehen bedient. Als "Schmonzetten-Regisseur" geißele die Kritik einen wie ihn, "Gebrauchsregisseur" nennt sich Retzer selbst. Und: "Vieles wird davon in der ARD gesendet!" Die Quoten bei der "Klinik unter Palmen" oder "Tierärztin Christine" sprachen jedenfalls für sich.
Zwei Monate im Sommer ist Retzer am Wörthersee, geht golfen und auf Partys, davon viel "Tschäääritie". Eigentlich bräuchte er eine Sekretärin, die seine Einladungen zu Seepartys sondiert, schon wieder piept es und kommt eine neue übers Handy rein. "Man mag mich, weil ich ein guter Unterhalter und diskret bin." Seit zehn Jahren, sagt Retzer, würden ihm Verleger nachrennen, er solle doch ein Buch schreiben. Über die Serie, die Schickeria, über all das ganze Wer-mit-wem. Doch er mag nicht. Was soll er den Leuten schon erzählen? Dass er mit Gottschalk segeln war? A na! Auf alle Fälle macht er einen neuen Film für die Saison 2008 am See, die Starnacht: "Wörthersee - Lieblingsplatz des deutschen Films". Mit Ausschnitten aus alten Filmen, der Udo 1961 in "Unsere tollen Tanten". Auch Eddi Arent braucht er dafür, die Uschi Glas und den Chris Roberts.
Am See, hat Retzer registriert, ist's in den vergangenen Jahren wieder fein geworden. Fünf Anrufe hat er täglich, ob er nicht noch ein Grundstück wisse, 5000 Quadratmeter, Seezugang.Es fragen nach: Filmleute, Manager, Auslandskärntner. Auch ein Putin-Intimus habe neulich vorgefühlt. Filetstücke aber, vor allem in der Promilage Südufer, sind mittlerweile rar. Am See boomt's wieder, und das kommt ganz Kärnten sehr zupass. Eine Brise Aufschwung weht vom See übers Land. Wie früher in den Fünfzigern und Achtzigern, als die Filmsets Zuschauer und Schickeria anzogen. Wer war nicht alles da? Der Delon, die Bergman, später immerhin noch "Monaco Franze" Helmut Fischer. Dann lange Jahre Dürre, der See schwächelte als Filmlocation, baulich wurde zwar geklotzt, doch nicht immer schön. Das ansteigende Zimmerangebot nutzten verschuldete Hoteliers zur eigenen Sanierung: Sie verkauften Zimmer als Privatapartments. In der Kernzone rund um den See ist das jetzt reglementiert, denn Millionäre mit steter Bleibe sind zwar schön und gut, aber Touristenunterkünfte braucht man auch. Jüngste Ausnahme: Veldens Schlosshotel. Hier hat sich Siemens-Chef Peter Löscher eingekauft, Quadratmeterpreis: 8000 Euro.
Kärnten, speziell der See, soll wieder einen Markennamen haben. Der gute Ruf, zwar über die Jahre leicht ramponiert, hat immer noch Strahlkraft, neues und internationales Geld zu locken. Russen und Ukrainer sind schon da, rund 10.000 kommen im Jahr, sie buchen Vier- und Fünf- Sterne-Zimmer und sind schon früh am Abend groggy, weil die Frischluft sie umhaut. Leider sprechen sie kaum Englisch, und Slowenen, die helfen könnten, hat kaum ein See-Hotelier angeheuert.
Die Touristiker haben neu aufgerüstet mit Events über den ganzen Sommer. Hinzu kommen das Casino und das Schloss in Velden. Das eine ist schon Zugpferd, das andere soll nach der Neueröffnung eines werden. 15 Jahre lang war das Schloss Baustelle, eine rechte Bestimmung fiel Hausbesitzer Gunter Sachs nicht ein. Dann verkaufte der Fotograf und Ex-Playboy an die amerikanische Capella Group, die investierte 120 Millionen Euro, und bald nach der Eröffnung zu Pfingsten 2007 konnte der junge, freundliche Hotelchef Henning Reichel, ein Deutscher, schon reichlich Prominenz vermelden: Seal, der Mann von Heidi Klum, trat als Gesangsstar auf einer Hochzeitsfeier auf, Faye Dunaway war hier, auch Christopher Lee.
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Der Erfinder von Magazinen wie "Wallpaper" und "Monoclé" ist ein Vielreisender und Kosmopolit. Hier schildert Ihnen Tyler Brûlé exklusiv seine ganz persönlichen Eindrücke vom Leben auf der Überholspur. Brûlé und weitere Kolumnisten - hier
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