QUITO

Ecuador

Schaurig schöne Feuerberge

Von Jutta von Campenhausen

2. Teil: Gefährliche Riesen im Tiefschlaf

In Ecuador prägen wunderbar ebenmäßige Kegel der Schichtvulkane die Silhouette des Landes: Der Chimborazo, der höchste frei stehende Vulkan der Erde, ist eine erhabene Erscheinung. Wer am Krater des seit Millionen Jahren unter Eis schlafenden, 6310 Meter hohen Riesen steht, ist weiter vom Erdmittelpunkt entfernt als ein Bergsteiger auf dem Mount Everest - die am Äquator bauchige Erdform macht's möglich. An klaren Tagen strahlt die Gletscherkappe des Chimborazo kilometerweit. Sie schmilzt von oben her, weil sich der Krater erwärmt.

Ecuador: Die Allee der Vulkane

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"An der Westflanke kommt man seit dem Frühjahr 2007 eisfrei zum Gipfel, das ist neu", berichtet Patricio Ramón, der allmonatlich über den Vulkan fliegt und ihn mit der Wärmekamera porträtiert. Sollte bei einem Ausbruch der Kubikkilometer Eis der Gletscherkappe schmelzen, wäre allein der Schlammstrom eine Katastrophe. Die seismische Aktivität des Kolosses nimmt seit dem Jahr 2001 zu, doch noch ruht der Riese im Tiefschlaf. Als gefährlich gelten derzeit die Vulkane Tungurahua*, Cotopaxi und Pichincha.

Im Geophysikalischen Institut der Polytechnischen Hochschule in Quito werden diese drei, außerdem der Cayambe und der Reventador kontinuierlich überwacht. Von elf weiteren Vulkanen funken Überwachungsstationen ihre Messdaten. Im Kontrollraum des Instituts drehen sich mit Dieselruß geschwärzte Walzen urtümlich anmutender Trommelseismographen. Ihre zitternden Nadeln ritzen krakelige Kurven auf das Papier, die für Windböen am Cayambe stehen, für Gaseruptionen am Reventador und den friedlichen Schlummer des Pichincha. Doch längst werden die Messdaten auch elektronisch verarbeitet. Neben den archaischen Seismografen stehen aus Japan und den USA gespendete Computer, über deren Bildschirme bunte Zackenlinien wandern. Noch bevor Erschütterungen messbar werden, deuten andere Anzeichen darauf hin, ob ein Magmakessel sich regt. "Wenn Magma aus der Tiefe aufsteigt, schwillt der Berg an. Das können wir an einer veränderten Neigung seiner Flanken messen", erklärt Patricio Ramón. "Außerdem zeigen Wärmebilder, die wir aus der Luft machen, ob sich der Krater erhitzt, und ein spezielles Spektrometer analysiert, ob sich die Zusammensetzung der Gase verändert." Wenn der Tungurahua im üblichen Halbschlaf dämmert, entweichen ihm tausend Tonnen Schwefeldioxid am Tag. Bei einem Ausbruch ist es die 30-fache Menge. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik Deutschland pustet im Jahr 560.000 Tonnen des Atemgiftes in die Atmosphäre.

Die Forschung am Tungurahua ist international organisiert: Eine hawaiische Universität hat Infraschall-Sensoren installiert. Auch Satellitenbilder und Temperaturfühler geben Auskunft über den Zustand des Bergs. Und trotzdem sorgt der unberechenbare Riese immer wieder für böse Überraschungen: "Im Juli 2006 ging es unheimlich schnell", erinnert sich Patricio Ramón, der damals im Observatorium des Tungurahua Dienst schob. Die Außenstelle des IGEPN liegt zwölf Kilometer vom Gipfel entfernt, mit Blick auf den Vulkan, im Ferienhaus eines reichen Hühnerzüchters im Dorf Guadelupe. Dort arbeiten vier Trommelseismographen auf schlichten Holztischen, daneben stehen Telefon und Funkgerät. "Ich schickte meine Warnung raus, und 40 Minuten später rasten schon die ersten pyroklastischen Ströme die Hänge herunter." Verletzt wurde niemand. Mehr als 20 per Funk benachrichtigte freiwillige Helfer des Zivilschutzes sorgten für Straßensperren und Evakuierungen. Der harmlose Ausbruch war eine gute Katastrophenübung: Einen Monat später schossen 20 pyroklastische Ströme in die schmalen Täler, löschten fünf Dörfer aus und zerstörten 20.000 Hektar Ackerland. "Die Evakuierung der Häuser ging schnell", sagt Patricio Ramón, "und die, die blieben, hatten Glück. Nur sieben Menschen starben."

*Anmerkung der Redaktion: Der Tungurahua brach zuletzt am 6. Februar 2008 aus. Mindestens fünf Menschen kamen dabei ums Leben.

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