STEIERMARK

Steiermark

Das Herz ist offen

Natalie Kriwy

Drei Tage brauchte MERIAN-Autorin Okka Rohd, um sich auf die Stille einzulassen. Dann öffneten sich ihre Sinne - und konnten nicht genug bekommen von den Farben, Formen und Gerüchen der Südsteiermark.

Dana, die trächtige Hündin, hatte sich um meine Füße gewickelt und war eingeschlafen. Ein Bussard rüttelte am Horizont, um dann weiter seine Kreise zu ziehen. Es roch nach Gras und nach feuchtem Holz. Die leeren Flaschen an den Himbeersträuchern, die vor ein paar Wochen noch Wespen eingefangen hatten, summten und schwiegen und summten mit dem Wind.

Steiermark: Essen, Trinken, Tief durchatmen

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Genau dafür war ich in die Südsteiermark gekommen. Um mit dem Nichts Freundschaft zu schließen. Der Ort hieß Leutschach, der Hof auf einem der Berge daneben gehört einer Familie von Weinbauern, den Proneggs. Nebenbei vermieten sie Winzerzimmer für Städter wie mich, denen die Großstadt manchmal zu groß wird. Man konnte hier - ja, was eigentlich? Ein paar Tage und Nächte leben, bei der Weinernte helfen, durch das Kuppenland spazieren, sich an der Frischluft hungrig atmen und, wenn man wollte, den ganzen Tag lang den Wein aus der Gegend trinken.

Klang gut, als man mir das erzählte. Doch dann hatten sie nicht einmal einen Fernseher auf dem Mohnblumen-Zimmer. Geschweige denn Internet. Und weil es im Juni einen Hagelschlag gegeben hatte mit Körnern so mächtig wie Frühstückseier, hatten die Winzer die Trauben, die ihn überlebt hatten, zwei, drei Wochen früher als sonst vor dem Wetter in Sicherheit gebracht. Für mich gab es also nichts zu tun. Gar nichts. Überhaupt nichts.

Also aß ich und trank ich, wie ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen und getrunken hatte. Man kann in dieser Gegend auch gar nicht anders. Durch Reben und Wälder und Wiesen schlingt sich der

GEFUNDEN IN ...


Steiermark, März 2010

Weg zum nächsten Weingut und zur nächsten Buschenschank, wo man sich eine Brettljause bestellt. Der Nachbar hatte über der seinen immer wieder so inbrünstig die Augen geschlossen, dass es bei diesem Ausblick schon etwas heißen musste.

Und tatsächlich: Auf einem schlichten, schon von sehr vielen Messern bearbeiteten Holzbrett breitete sich vor einem ein ganzes steirisches Himmelreich aus. Das Verhackerte, ein durch den Fleischwolf gedrehter Räucherspeck mit nicht minder würzigem Grammelschmalz. Der Salat aus Käferbohnen mit Zwiebelringen und Kernöl, herzhaft und scharf und nussig in einem Bissen. Das Bauernbrot, die Kürbiskerncreme, der Paprikaaufstrich, die Eier, der Käse, die Gurken, die Paradeiser (der viel passendere Name für diese Tomaten). Das fein geraspelte weiße Gemüse entpuppte sich nach der ersten großen Gabel als teuflisch frischer Meerrettich, Kren sagen sie hier dazu, und man möchte denen glauben, die es von "greinen", heftig weinen, herleiten.

Nach der Zirkularverordnung Kaiser Josephs II. von 1784, die in der Steiermark so gut wie unverändert fortbesteht, dürfen klassische Buschenschanken keine warmen Speisen auftischen. Der Wein und das Essen stammen aus der eigenen Landwirtschaft oder der direkten Umgebung, wer nach Kaffee oder Cola fragt, gibt sich sofort als Steiermarknovize zu erkennen. Man trinkt selbstgemachten Holunder-, Trauben- oder Birnensaft, bis jemand fragt, ob es vielleicht ein Achterl sein darf.

Ich sagte nie Nein, wenn mir jemand nachschenken wollte, und sie taten es oft. Welschriesling und Weißburgunder, Muskateller und Morillon, Sauvignon Blanc und natürlich Schilchersturm, der Federweiße dieser Region, zu dem man nicht Prost, sondern Mahlzeit sagt, das allerdings sehr ausgiebig - bis einem aufgeht, warum sie die rubinrote Schilcherpracht hier manchmal auch Rabiatperle nennen.

Dennoch war ich all die Tage kein einziges Mal so richtig betrunken. Im Gegenteil: So klar, kam es mir vor, hatte ich vorher selten gesehen. Wann zuletzt war ich stehengeblieben, um mir eine Himbeere anzuschauen, Wabe für Wabe, eine noch ungepflückte Feige? Die kleinen schwarzen Flecken auf dem Rücken des mit Abstand frechsten Schweins? Die Inschrift auf einem der Rebstöcke: "Dieser Weinstock gehört Purkt Christian und Brunner Matthias aus Thal bei Graz, Gewinner des Alkbarometers Weinleitn Beach 2004"?

Und so ging es immer weiter. Nachdem ich meine Angst abgeschüttelt hatte, nichts mit mir anfangen zu können in diesem Fernab, überkam mich ein seltsamer Friede, eine Ruhe, die nichts wollte. Mein Blick nahm sich Zeit und verharrte, ich ging herum, ohne Ziel, wohin auch immer, hier konnte man ja an jeder Ecke ein anderes Wunder entdecken. Neben dem Klapotetz auf dem Witscheiner Herrenberg rammte ich meine Füße in den Steilhang und blieb stehen. Gemeinsam mit der Holzwindmühle, die schon lange nicht mehr klappert, um die Vögel vom Naschen abzuhalten, schaute ich hinunter aufs Tal, eine halbe Stunde, eine Stunde, ich weiß es nicht mehr.

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