Von Stefanie Rosenkranz
Für Regisseur Fatih Akin ist Beyoglu der Kiez von Istanbul. Der Kern des ehemaligen Rotlichtviertels ist das alte Pera. Hier prallt täglich alles aufeinander, was in der Türkei eigentlich nicht zusammengehört.
Es gibt Tage, da könnte man meinen, Pera sei kein Teil von Beyoglu, sondern eine Nervenklinik unter freiem Himmel. Auf der Istiklal Caddesi, der Straße der Unabhängigkeit, prallt Tag und Nacht millionenfach alles aufeinander, was in der Türkei nicht zusammengehört: fromme Fundamentalisten und überschminkte Transsexuelle, verschleierte Frauen und russische Prostituierte, die Jeunesse dorée der Stadt und bitterarme Straßenkinder, Zigeuner und Konsulatsbeamte.
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Dann ist es Zeit, einen stillen Ort zu suchen - die armenische Kirche am Fischmarkt etwa, wo man fernab vom Getöse verschnaufen kann. Oder den Hof der griechisch-orthodoxen Hagia Triada am Taksim-Platz, wo Hunde, Katzen, eine Hühnerschar nebst angeberischem Gockel und einige Gänse einem das Gefühl geben, sich inmitten der 17-Millionen-Stadt auf einem Bauernhof entspannen zu können. Oder man besucht eines der vielen Cafés auf den Dächern von Pera und bestellt selbst gemachte Limonade, doch kaum schickt man sich an, den Blick über die Moscheen auf der anderen Seite des Goldenen Horns zu genießen, beginnt der Barde vom türkü evleri gleich nebenan mit seinem Geschluchze über die Liebe und das Leben.
Türkü Evleri sind "Häuser der Volksmusik", und davon gibt es viele in Pera. In Pera gibt es ohnehin von allem zu viel. "Früher war das Viertel von einer Eleganz, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, und die Istiklal, die einst Grande Rue de Pera hieß, war mindestens so schön wie das Faubourg Saint-Honoré in Paris", sagt Arlette Diamantstayn, Inhaberin eines Juwelierladens gleich neben dem niederländischen Konsulat. "Ich musste Spitzenhandschuhe und Strohhut tragen, wenn ich ausging. Die Frauen trugen Seidenstrümpfe, die Männer Anzüge, und kein Mensch hätte sich in Sandalen auf die Straße getraut. Wenn man überhaupt ein Kopftuch sah, dann war es von Hermès."
Draußen flanieren, marschieren, rennen oder rempeln gegelte Jungs, gepiercte Mädchen, Männer, die eigentlich Frauen sind, Frauen mit Kopftüchern und Plastiktüten, bärtige Männer mit gehäkelten Mützen und Gebetsketten, Kinder jeden Alters und Touristen aus aller Herren Länder von links nach rechts und von rechts nach links. Drinnen, in der Kühle einer Klimaanlage, blickt Madame Arlette inmitten von Goldketten, Perlencolliers und winzigen Jugendstil-Armbanduhren angeekelt durch ihr Schaufenster und ringt die Hände.
Während sie ein Armband in der Vitrine zurechtrückt, erinnert sie sich traurig: "Nur gute Familien lebten hier. Gute christliche Familien, gute jüdische Familien, gute muslimische Familien. Wir waren kosmopolitisch, aber wir waren unter uns. Es gab herrliche Bälle im Cercle d'Orient und im Club Suisse. Die sind längst umgezogen, und ihre Mitglieder auch. Niemand lebt mehr hier." Erbost blickt sie auf ein Paar draußen vor der Scheibe - sie bis zur Nasenspitze in schwarze Tücher gehüllt, er im Jogging-Anzug - das sehnsüchtig in ihr Schaufenster starrt. "Die kennen gar nicht den Unterschied zwischen einem Eimer aus Plastik und einer Schüssel aus Silber."
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