Von Stefanie Rosenkranz
4. Teil: 1955 fließt der Hass wie Lava durch die Straßen
1908 putschten sich die Jungtürken an die Macht, die sich im Ersten Weltkrieg mit den Deutschen verbündeten, weswegen im November 1918 über 3500 britische, französische, italienische und griechische Soldaten Istanbul besetzten. Den Militärs folgten nach dem endgültigen Triumph der Roten Armee 150 000 verarmte russische Flüchtlinge. Die "Cité de Pera" wurde umgetauft in Blumenpassage, wegen der vielen Russinnen, die hier Nelken feilboten und manchmal auch sich selbst.
1923 schrieb eine Gruppe von ehrbaren osmanischen Witwen an den Gouverneur von Istanbul, er möge "die Agentinnen der Sünde und des Verfalls" unverzüglich ausweisen. "Sie sind zerstörerischer als Syphilis und Alkohol." Allein zwischen Tünel und dem Taksim-Platz gebe es "25 russische Bars", allesamt Orte, "in die hunderte von jungen Türken jede Nacht ihren Reichtum, ihre Gesundheit und ihre Ehre tragen".
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Doch nichts dergleichen geschah, zum Glück. Zwar wurden aus den Botschaften Konsulate, und Tausende von Griechen, Arabern, Juden, Russen und Armeniern kehrten der Stadt für immer den Rücken. Doch viele blieben, etwa Arlettes jüdischer Vater Jakup Diamantstayn, der 1915 aus der Donaumonarchie nach Istanbul gekommen war und sein Juweliergeschäft hier eröffnet hatte. Er ging auch nicht, als die Türkei den Minderheiten 1942 eine Vermögenssteuer von bis zu 232 Prozent abpresste, was einen weiteren Exodus zur Folge hatte.
"Der Stadtteil blieb trotzdem polyglott ", sagt Madame Arlette. "Wir sprachen deutsch zu Hause. Französisch habe ich auf Notre Dame de Sion gelernt, und unser Kindermädchen sprach griechisch. Doch dann kam der 6. September 1955, und das war das Ende vom Pera meiner Kindheit." Ein staatlich gelenkter Mob verwüstete Kirchen, Friedhöfe, Schulen sowie die Geschäfte der Griechen, und bei der Gelegenheit auch alles, was anderen Minderheiten gehörte. "Der Hass floss wie Lava durch die Straßen ", schrieb James-Bond-Erfinder Ian Fleming, der sich damals in Istanbul aufhielt. "Die Istiklal-Straße war ein einziges Trümmerfeld", so Madame Arlette. "Unser Schaufenster war zerschlagen, unser Schmuck war weg. Nie mehr hat sich mein Vater von diesem Schock erholt. Ein paar Wochen später hatte er einen Herzinfarkt, zwei Jahre später war er tot."
Nach dem Pogrom verließen Hunderttausende von türkischen Griechen ihre Heimat. Ihre Häuser wurden von Landflüchtlingen aus Anatolien besetzt; Pera verarmte und verkam. Mitte der achtziger Jahre war das Viertel ein Slum. Wer hierher ging, wollte sich entweder in räudigen Bars betrinken oder in der staatlich kontrollierten Bordellstraße vergnügen. Nur die ausländischen Gymnasien, jetzt von türkischen Bürgerskindern besucht, die Konsulate und die meist leeren Kirchen legten Zeugnis ab vom alten Charakter der Gegend. "Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen Pfuhl der Sünde zu beseitigen. Mit Bulldozern drübergehen!", fand ein Journalist.
Andererseits spielt das auch keine Rolle, denkt man auf dem Weg durchs Viertel, vorbei an Kirchen und Moscheen, an einer Demonstration für die Rechte der Kurden und einer anderen dagegen, an wunderschönen alten Häusern und leprösen Betonklötzen. Hier wächst zusammen, was nicht zusammenpasst. Hier entzweit sich, was füreinander bestimmt war. Wie der türkisch- griechische Schriftsteller Georgios Theotokas einst schrieb: "Es ist ein Ball der Wahnsinnigen."
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