Von Susanne Güsten
Die Hagia Sophia war lange die wichtigste Kirche der Christenheit. 1054 kam es hier zur Spaltung zwischen orthodoxer und römischer Kirche. Byzanz blutete aus. Der Glaubensstreit dauert bis heute.
Der Karren eines Straßenhändlers rattert über das Kopfsteinpflaster, sonst ist es ruhig in der von Bäumen beschatteten Eroberungs-Tor-Gasse. Frauen im çarsaf, dem schwarzen Ganzkörperschleier, laufen mit gesenktem Blick zum Markt; die Männer tragen Pluderhosen, Bärte, Gebetskäppis. Die Bewohner des Çarsamba-Viertels, das sich hoch über dem Goldenen Horn um die Fethiye-Moschee gruppiert, sind in der Türkei für ihre Frömmigkeit und Sittenstrenge bekannt. Wenn der Ruf des Muezzin ertönt, ist der feuchte, dunkle Raum unter der Kuppel rasch gefüllt mit Gläubigen, die sich gen Mekka verneigen.
Das tausendjährige Gotteshaus, in dem die frommsten Moslems von Istanbul zu Allah beten, hat aber auch eine andere Seite: Um die Gassenecke ist das Gebäude durch einen Rosengarten auch von der Rückseite zugänglich - nur betritt man dann nicht die Moschee, sondern das Parekklesion, die Seitenkapelle der alten Pammakaristos-Kirche, die einst eine der bedeutendsten Kirchen Konstantinopels war, wie die byzantinischen Goldmosaiken von Christus und den Propheten im Inneren bezeugen.
Im 16. Jahrhundert verwandelten die osmanischen Machthaber die Kirche in eine Moschee. 1949 wurde das Parekklesion restauriert und zum Museum erklärt. Christentum und Islam bestehen in direkter Nachbarschaft, wie in der Fethiye-Moschee, so auch in ganz Istanbul: Hinter den Fassaden von Minaretten und Moscheen stößt man überall auf die Geschichte des Christentums. Von der Formulierung der theologischen Grundlagen über den Aufstieg zur Weltreligion bis hin zur Spaltung der Christenheit - hier im früheren Konstantinopel sind stets die Weichen für die Entwicklung des christlichen Glaubens gestellt worden.
Unten am Goldenen Horn, durch die engen Gassen von Balat und Fener nur einen viertelstündigen Spaziergang von der Pammakaristos-Kirche entfernt, wird daran heute noch gearbeitet. Nur durch einen Seiteneingang ist die Kirche Hagios Georgios im Zentrum Istanbuls zu betreten. Hier residiert der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, das spirituelle Oberhaupt von 300 Millionen orthodoxen Christen in aller Welt. Das Haupttor ist versiegelt, seit 1821 der damalige Patriarch auf Befehl des Sultans hier aufgeknüpft wurde. Das seit 1700 Jahren in dieser Stadt verwurzelte Patriarchat wird von den türkischen Behörden mehr schlecht als recht gelitten. Und doch verfolgen die Theologen hinter dem zugeschweißten Tor in diesen Tagen kein geringeres Ziel als die Wiedervereinigung der Christenheit.
Weihrauch steigt vor der goldschimmernden Ikonostase von Hagios Georgios auf, wenn dort die Messe gefeiert wird. Im Schein von Kerzen und Lüstern erfüllen sonore Sprechgesänge den Raum, während die Ketten an den schwingenden Weihrauchgefäßen rhythmisch klimpern. "Pisteuo eis hena Teon, Patera, pantokratora, poieten ouranou kai georaton te panton kai aoraton", rezitiert der Priester auf Griechisch das Glaubensbekenntnis, das die Kirchen in Ost und West noch immer verbindet: "Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt ..." Als Nicäno-Konstantinopolitanum bezeichnen Theologen dieses Glaubensbekenntnis, die Grundlage des christlichen Glaubens, weil es im nahen Nicäa und hier in Konstantinopel formuliert wurde.
Der Weg zurück zu den gemeinsamen Wurzeln der Christenheit ist in Istanbul nicht weit. Nur vier Kilometer von Hagios Georgios entfernt erhebt sich im Vorgarten des osmanischen Topkap-Palastes die Hagia Irene, eine der ältesten und schönsten byzantinischen Kirchen der Christen - und die Geburtsstätte des Glaubensbekenntnisses. Nur auf Antrag und mit Sondergenehmigung schiebt ein Wärter heute die gewaltigen Riegel am Kirchentor zurück. Sonst finden in der ersten in Konstantinopel erbauten Kirche Konzerte, Ausstellungen und Theatervorstellungen statt. An den Ort, an dem im Jahr 381 die Bischöfe des Römischen Reiches das Nicäno-Konstantinopolitanum verabschiedeten.
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