Von Rainer Schmidt
Kann eine Straße ein Versprechen sein? Ein Versprechen auf Glamour und Glück, auf Ruhm und Reichtum? Am Sunset Boulevard in Los Angeles glauben die Menschen jedenfalls ganz fest daran.
Marco Weber ist der Herr des Sunset Boulevard, zumindest, was den Ausblick betrifft. Der deutsche Präsident von "Senator Entertainment Inc." residiert mit seiner Firma im 16. Stock der Hausnummer 9000, des höchsten Gebäudes weit und breit, an einer Erhebung des Boulevards. Scheiben bis zum Boden, extra hohe Decken, früher war es ein Penthouse, dann ein Club, auf dessen Dach sich einst Doors-Sänger Jim Morrison filmen ließ, jetzt ist es das Büro mit dem wahrscheinlich sensationellsten Blick der Stadt.
Unten blitzen die endlosen Autokolonnen auf der Straße, die wie keine andere weltweit die Menschen zum Träumen bringt. Ein 23 Meilen langes Asphaltband, das sich vom sogenannten Downtown L.A. zum Pazifik schlängelt und dabei Hollywood, West- Hollywood und Beverly Hills durchquert. Sunset Boulevard, allein der Name klingt nach Triumph und Untergang, Glamour und Elend - und nach großer Inspiration. Billy Wilder drehte 1950 seinen Film "Boulevard der Dämmerung", Andrew Lloyd Webber machte Anfang der 1990er ein erfolgreiches Musical draus.
Weber blickt auf die berühmten Musikclubs, das "Roxy" und das "Rainbow", das "Whisky a Go Go" und den "Viper Room". Klein sehen sie aus, schäbig irgendwie, dahinter erhebt sich sanft ein grüner Hügel, kein Haus unter einer Million, vielleicht auch zehn, die Zahlen gedeihen gut unter der hellen Sonne. Auf der anderen Seite der Etage wabert L.A. bis zum Horizont.
Entspannt sitzt Weber hinter dem großen Schreibtisch in T-Shirt und Jeans. Er hat Filme mit Julia Roberts und Willem Dafoe produziert, Kim Basinger und Mickey Rourke haben für ihn gearbeitet. Er zeigt auf den Garten eines Bungalows, in dem einer der reichsten Männer der IT-Branche wohnen soll, der sich hinter hohen Hecken unbeobachtet fühlt. Da unten ist immer Frauenalarm, erzählt Weber, fast jeden Tag sonnen sich ein paarhübsche Models oben ohne im Garten. Weber lacht. Es ist ein schönes Büro. Er arbeitet hier, er geht auf dem Sunset aus: It's all about entertainment.
Wenn seine Kinder montags zur Schule gehen, diskutieren sie mit ihren Schulkameraden, welcher Film am Wochenende die meisten Karten verkauft hat. Ihre Eltern sind auch Produzenten, Schauspieler, Autoren, sie selbst wollen Produzenten, Schauspieler oder Autoren werden. Webers neunjährige Tochter ist gerade in einem Tanz- und Schauspiel-Camp. "Da ist für die so normal wie Fußball für Kids in Deutschland." Er nickt Richtung Traumhügel, da hinten irgendwo wohnt er mit seiner Frau und den vier Kindern, Deutschland ist weit weg, das Meer so nah. "Das ist der schönste Ort der Welt. Ich will nirgendwo anders leben." Man darf sich Marco Weber als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Nachts ist die Straße vor seinem Büro nicht wiederzuerkennen. Dunkelheit und Leuchtreklamen lassen die schlichten Gebäude geheimnisvoller aussehen. Die erste Adresse ist der legendäre "Viper Room", in dem schon Oasis, die Red Hot Chili Peppers und Johnny Cash auftraten. Weltbekannt wurde der Laden, an dem auch mal Johnny Depp beteiligt war, als Schauspieler River Phoenix 1993 vor der Tür an einem Drogencocktail starb. Nach einer Viertelstunde drinnen fühlt man sich allein wegen der Mischung aus Guns N' Roses und Michael Jackson sterbenselend. Das Publikum erinnert an eine launige Osnabrücker Tanzrunde, da hilft nur ein Jägermeister, der kostet neun Dollar.
Auftritt der Gruppe Ultraviolet Sound, Sängerin Sarah Hudson zischelt über die Winzbühne wie Lady Gaga auf Speed, der Elektrobeat hämmert, das Licht flackert, die ersten Arme werden gen Decke geschmissen, eigentlich gar nicht schlecht hier, geht doch. Aber jetzt bloß nicht zu wild werden, warnen doch Plakate auf den Straßen: "Du kannst der letzten Nacht nicht entkommen. Syphilis ist in L.A. um 400 Prozent gestiegen." Diese Amis. Schnell ins "Roxy". Dichtgedrängt stehen hier die Massen, die Band The Glitch Mob prügelt dem Publikum vor flackernden Videoprojektionen Bässe und Beats um die sehr behaarten Köpfe, kaum jemand tanzt. Vielleicht wollten alle eigentlich ins "Whisky a Go Go", denn da lassen die Jungs einer schwedischen Rock-Combo ihre langen Haare fliegen, unter den Zuschauern sind etliche Axl- Rose-Doppelgänger, der hier auftrat, als seine Guns N' Roses noch nicht berühmt waren.
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