HOLLYWOOD

Hollywood

Der Boulevard der Träume

Von Rainer Schmidt

4. Teil: Ein Privatdetektiv für 400 Dollar, die Stunde

"Los Angeles is based on bullshitting", erklärt John J. Nazarian, von Beruf Privatdetektiv, und schüttet mehr Sirup auf seine Pfannkuchen. Große Sprüche und große Auftritte sind seine Spezialität. Er trägt an den Fingern Ringe, groß wie Kieselsteine, um den Hals eine Kette, mit der man kleine Elefanten festbinden könnte. Das T-Shirt spannt ein massiger, aber straffer Körper. Viel lieber zeigt sich Nazarian in Anzügen, das wirkt besser am Sunset Boulevard, dort ist sein Revier.

Hollywood: Ein Boulevard wie kein anderer

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Er hat für Vin Diesel gearbeitet und kürzlich für Courtney Love, die von einer Kreditkartengesellschaft einiger Unregelmäßigkeiten beschuldigt wurde. Love nannte ihn öffentlich "einen der besten Privatdetektive der USA",jetzt hat Nazarian genug von ihr. Er geht nicht ins Detail, aber "Leute, die meinen Ratschlag wiederholt missachten, brauchen mich nicht". Er trägt Glatze zum schwarz gefärbten Bart und kann sehr böse gucken. Hinter seinem Haus ("zwei Millionen Dollar wert") liegt ein bisschen Gerümpel, in der Garage stehen ein Rolls- Royce, ein Bentley und eine neue Harley-Davidson. Auf einem Nummernschild steht "Love2spy".

GEFUNDEN IN ...

Hollywood, Dezember 2009

Ungefragt erzählt er, wieviel zehn- oder hunderttausend Dollar dieses oder jenes Teil gekostet hat. Alles nicht wirklich diskret. Passt das zum Job? "Ein teures Auto steht für Erfolg", sagt er und faltet die massigen Hände, "wer keinen Erfolg hat, wird nicht gebucht, wer nicht mitmacht, ist draußen." Der Großteil seines Geschäfts sind Scheidungs- und Seitensprungfälle, er tritt in Talkshows auf und betreibt seine Website "desperateexes.com". Er nimmt 400 Dollar pro Stunde und 10.000 Dollar Vorschuss, Spesen extra. In seiner E-Mail-Adresse hat er sein wichtigstes Geschäftsprinzip verewigt: willspy4money@…

Gerade in Scheidungsfällen, so Nazarian, hätten oft die Frauen Angst, ihren Lebensstandard zu verlieren oder von den Ehemännern übervorteilt zu werden. An dieser Angst verdient er. Dafür macht er auch die Drecksarbeit, fährt nachts durch die Straßen von Beverly Hills, sucht in Mülltonnen nach Beweisen. "Eigentlich hasse ich den Job, aber er bringt viel Geld, das ist, was in L.A. zählt." Für einen Augenblick muss der Sprücheklopfer über sich selbst lachen, dann guckt er wieder grimmig.

Es sind Kunden von Martin Weiss, an deren Häusern Nazarian vorbeifährt. Kopfschüttelnd geht der Grauhaarige durch den Vorraum des Großraumbüros an der Grenze zu dem Bezirk, wo der Asphalt plötzlich so sanft und ruhig wird, dass man schon am Fahrgeräusch erkennt: Jetzt sind wir in Beverly Hills. Die 150 Arbeitsplätze sind verwaist, es ist Samstag. Die jungen Leute mit ihrer Fünf-Tage-Woche, denkt der 83-Jährige, so kann man doch keine Geschäfte machen.

Seit1954 verkauft er Immobilien. Sein letzter prominenter Kunde war Elton John, dem hat er ein Apartment in den "Sierra Towers" nahe Sunset Boulevard verkauft, sagt er und lächelt. Sein Geld verdient er aber meist mit Industriellen, Erben, Vertretern mächtiger Familien und Konzernen. Blick, Größe und Nachbarn sind dann die Kriterien, nie aber die Kaufsummen, zehn oder 18 Millionen, völlig egal - wer nach dem Preis fragt, kann es sich sowieso nicht leisten.

Es sind die Anwesen, die man in Beverly Hills auf dem Weg zum Meer hinter hohen Hecken oder Mauern nur erahnt und selten richtig sehen kann, prachtvolle Gebäude in jedem nur denkbaren Architekturstil, Häuser, die vom Erfolg künden und von einem fremden Lebensstil. "In diesen Häusern, so großartig sie sein mögen, können Sie sich nie richtig zu Hause fühlen, so viele Zimmer, so viele Bedienstete, wie in einem Hotel."

An einigen Straßenecken sitzen Verkäufer und wedeln mit den "Star Maps", Stadtkarten, in denen echte oder vermeintliche Adressen von Celebrities verzeichnet sind. Um zu prüfen, ob sie stimmen, müsste man sehr viel Geduld und Verbindungen haben, die kein Tourist und ganz bestimmt kein Straßenverkäufer hat. Aber Illusion und Glaube können zufrieden machen, gerade hier.

Leicht fliegt man mit dem Auto über die kurvenreiche Straße, immer näher schraubt sich das Gefährt zum Meer. Doch kurz bevor der Sunset Boulevard praktisch im Wasser endet, liegt an der linken Straßenseite der Meditationspark von Yogi Paramahansa Yogananda (1950 gegründet), mit dem Lake Shrine Temple über einem überraschend idyllischen See, inklusive der Windmühlen-Kapelle, strahlend weißer Schwäne und dem Gandhi Memorial, in dem sich Aschereste des großen Inders befinden sollen. Dunkelbraune Holzspäne auf den Wegen lassen die Schritte federn, auf den Bänken und Rasenflächen sitzen Menschen mit geschlossenen Augen, versunken in Andacht oder auch nur entspannt. Es ist, als atme hier der Sunset nach 23 Meilen einmal durch. Aber nur kurz. The show must go on.

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