Von Rainer Schmidt
3. Teil: Kein Fett - keine Problemzonen - keine unreine Haut
Wer keine Depression kriegen will, sollte übrigens den Poolbereich des "Standard" meiden. Vor allem an den Wochenenden strömen die schönen, jungen Coolen herbei zum Chillen bei süffigen Beats vom Live-DJ. Es gibt hier kein Fett, keine Problemzonen, schiefen Zähne oder unreine Haut. Es ist ein bisschen wie in einem Werbespot, so viele Sixpacks, knappe Bikinis und Highheels, schlanke Finger, die auf Blackberrys herumspielen, ein Körperfest der besonderen Art. Was immer die alle sonst treiben mögen: Gut aussehen können sie sehr gut, denkt man - und meldet sich im Geiste sofort wieder daheim im Gym an.
Abends geht man dann aber doch ins Restaurant "Le Petit Four" auf dem Sunset Plaza, mitten in dem Teil des Boulevards, der einst als verkommen galt und heute schick ist. Kleine Häuser, nette Restaurants, hier französisch, dort italienisch, Europa-Kulisse zum Dinner. Ein bisschen Verkehr wie auf der A3 am Freitagabend, zwei Meter vor dem Tisch, das stört niemanden. Geradezu leise rollen die endlosen Kolonnen über den Asphalt. Vielleicht benutzen sie hier einen besonders zarten Bodenbelag, vielleicht fahren alle einfach entspannter.
Das Auto ist in L. A. Überlebensmittel und privates Rückzugsgebiet in einem, Stunden steht jeder jeden Tag in endlosen Schlangen, das macht gelassen. Wer den Verkehr beobachtet, muss sich um die europäische Autoindustrie keine Sorgen machen. Porsche und BMW, Mercedes und Bentley, Land Rover und Ferrari, es ist eine Demonstration kontinentaler Ingenieurskunst und überflüssiger Motorenkraft, denn schnell fahren kann hier niemand, wo denn auch?
"In dieser Stadt wirst du nach deiner Kleidung, deinem Aussehen und deinem Auto beurteilt", hatte am Nachmittag Sam Telikyan gesagt, der vor mehr als 20 Jahren mit seiner Familie aus Armenien kam und aus einer Holzbaracke heraus glänzende Schlitten vermietet und amerikanisch philosophiert. Er hilft solventen Kunden, richtig beurteilt zu werden. Auf dem Hof stehen ein Rolls-Royce (2000 Dollar pro Tag), ein Bentley (1200 Dollar), mehrere Ferraris (1700 Dollar) und Lamborghinis (1800 Dollar), mit Chauffeur kann man einige Wagen auch für 300 Dollar pro Stunde mieten. Es seien Geschäftsleute und Urlauber, die abends standesgemäß am Club oder Restaurant ihrer Wahl vorfahren wollen. Ab und zu sei es auch ein echter Star, sagt Sam und grinst. Ein echter Star hier in seiner Holzbaracke, das ist wohl sein ganz persönlicher amerikanischer Traum.
Andernorts gehen die Stars ein und aus, ganz normal. Sie stöbern gerne im "Book Soup", dem wahrscheinlich berühmtesten Buchladen L.A.s auf dem Herzstück des Boulevards, dem Sunset Strip, jenen anderthalb Meilen zwischen Hollywood und Beverly Hills. Es ist angenehm kühl, die Stille ungewohnt. Schwarzes Holz, dicke Bildbände in allen Größen, Raritäten, wenig Taschenbücher, wer hier einkauft, muss nicht unbedingt sparen. Paris Hilton sei regelmäßig hier, rutscht es Manager Tyson Cornell irgendwann heraus, ja, sie lese sehr viel, an manchen Tagen komme sie manchmal nur vorbei, um die gerade beendete Lektüre zu diskutieren. Der Mann mit dem zotteligen Bart und den tätowierten Unterarmen schaut seinem Satz etwas verwundert hinterher und macht eine wegwischende Handbewegung. Eigentlich will er gar nichts über seine prominenten Kunden erzählen, normales Business, Hollywood eben.
Überall joggen sie am Sunset, direkt neben der Straße, manchmal auf dem Asphalt, in knappen Shirts, die Körper sind gestählt, definierte Muskelstränge überall, wohlproportioniert, schön anzuschauen. Der Körper ist für viele ihr Kapital. "Der Druck, gut auszusehen, ist in einer Entertainment-Stadt, wo viele mit ihrem Aussehen Geld verdienen wollen, größer als anderswo", sagt Schönheitschirurg Steven Svehlak von "Sunset Cosmetic Surgery".
Es ist sieben Uhr morgens, er und sein Kollege Daniel Yamini haben ihre blauen Operationssachen bereits an und nicht viel Zeit, um acht Uhr kommen die ersten Patienten, die letzten werden am Abend die Operationsräume verlassen, so geht das pausenlos, Tag für Tag, das Geschäft boomt. Im Büro hängen Diplome an den Wänden, wie kleine Quallen liegen in den Regalen Brustimplantate in allen Größen, aus Silikon und mit Salzlösungen. Touch and feel the difference, fordert ein Zettel auf, in diesem Zimmer entscheiden Frauen, ob sie aussehen wollen wie Pamela Anderson oder wie ein irdisches Wesen. Die Zeit der argen Übertreibungen sei vorbei, sagen die Chirurgen, heute wolle jeder nur seinem Alter entsprechend möglichst gut aussehen - ohne dass die anderen den Eingriff gleich bemerken.
Das Duo bietet fast alles an, von der Rundumerneuerung, insbesondere nach Schwangerschaften sehr beliebt, bis hin zum schnellen Faltenglätten in der Mittagspause - noch beliebter. Die Hälfte der Kunden kommt aus der Stadt, ein Drittel von außerhalb, der Rest sind Ausländer. Svehlak berichtet von einem Mann, dem er erklärt hatte, er könne ihn zehn Jahre jünger wirken lassen. Da habe der entsetzt geguckt, viel zu wenig sei das. Schon lag ein Foto auf dem Tisch, das der Patient mit Photoshop selbst bearbeitet hatte: So wolle er aussehen. Eine andere Person habe ihn von dem Bild angeschaut, sagt der Doktor entsetzt, das habe er abgelehnt. Eine Ausnahme.
Er zupft sich leicht am weichen Kinn, ja, da habe er selbst auch einmal was absaugen lassen, das typische Männerproblem, er lacht. Die Stirnfalten des Reporters wären auch kein Problem, obwohl, dann würde die Haut nach unten sacken, auf die Augen, nicht schön, aber da könnte er… Können Schönheits-OPs süchtig machen, Dr. Svehlak? Er hält für eine Sekunde inne. Er nickt, lächelt, ja, so etwas in die Richtung. Er muss los, die Realität wieder zurechtschneiden.
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