Von Rainer Schmidt
2. Teil: Tattoos, Vinyl und Klatsch im Beverly Hills Hotel
Der Sunset Boulevard ist Rockstraße durch und durch. Da gibt es Läden wie "Sugar Baby", extra für "Rocker Moms not Soccer Moms", unweit davon die "Mr. Musichead Rock Art Gallery", und natürlich: Tattoo-Studios. Nirgendwo sieht man mehr tätowierte Haut. Mit Ausnahme eventuell von Hochsicherheitstrakten oder Hardrock-Konzerten. Die Stadt, der wie keiner anderen nachgesagt wird, die Oberfläche zu zelebrieren, schöpft auch diese Möglichkeit radikal aus. Große Flächen müssen es sein, der Trend geht zum eingefärbten Arm. It's only rock 'n' roll but I like it. Doch so ein Arm ist schnell voll, was dann?
Die Frauen entdecken gerade die Möglichkeiten unter dem Arm bis zur Hüfte, sagt Graham Chaffee, Chef von "Purple Panther Tattoos", einem kleinen Studio in Hollywood. Er ist knapp über 40, hat graue, kurze Haare, trägt eine Nickelbrille, die Körpermalereien wachsen aus seinem kurzärmeligen Blumenhemd über die Arme, den Hals hoch, über die Brust. Rosen, Spinnweben, Farbstränge, alles fließt und greift ineinander - Graham identifiziert sich sehr mit seinem Geschäft. Gerade berät er Jennifer, die die ersten 27 Jahre ihres Lebens mit einer schwarzen Biene auf dem linken Unterarm ausgekommen ist, für hiesige Verhältnisse eine Überraschung. Sie ist etwas blass und nickt, als sie "ihr" Bild in einem Katalog entdeckt: ein alienhaft aussehendes Baby. Den kompletten rechten Unterarm will sie damit stechen lassen. "Ich habe gerade eine harte Zeit in meiner Beziehung", sagt sie. Man glaubt es sofort.
Fährt man von Grahams Laden weiter stadteinwärts, erreicht man bald Amoeba Music Hollywood, einen unabhängigen Musiktempel, der die großen Ketten überlebt hat und mehr als eine Million CDs und unzählige Raritäten anbietet: ein Mekka für Vinyl-Fans und eine Trutzburg gegen die mp3-Welt da draußen. Die Mitarbeiter am Counter sehen aus wie Roadies bei einem Festival, die Haare bunt, fast alle in Schwarz, natürlich. Weiter östlich folgt Silverlake, das Viertel für Schwule und Kreative, danach wird die Szenerie gesichtsloser und auch ein bisschen kaputter, noch flacher und einfacher die Gebäude, an jeder Ecke ein Schnapsladen, Beverly Hills wirkt hier wie ein fremder Planet. Streckenweise sieht es weiter östlich aus wie auf der Hauptstraße einer namenlosen Kleinstadt.
So spektakulär der Sunset Boulevard am Meer endet, so unspektakulär beginnt er: an der Ecke eine Schule, gegenüber ein Bürogebäude, ein bisschen weiter rauscht der Freeway, kein Mensch auf der Straße, nur Autos, Autos, Autos. Oasen sind die eindrucksvollen Hotels entlang dem Sunset. Sie sind mehr als nur Herbergen für Touristen, die Angelenos bereden ihre Geschäfte und den neuesten Klatsch in der Polo Lounge des edlen "Beverly Hills Hotel" oder im Garten des altehrwürdigen "Chateau Marmont", sie nehmen abends in der "SkyBar" des "Mondrian Hotel" einen Drink oder gehen im "Andaz" essen, die Jüngeren tanzen nachts im Club des "Standard". Im Kampf um Aufmerksamkeit zählt jeder Punkt. So munkelt man gern, dass John Belushi 1982 an einem Speedball, Koks plus Heroin, in einem der Bungalows des "Chateau Marmont " starb - traurig, ja, aber irgendwie auch cool. Hollywood eben.
Andere gehen exotischere Wege: Hinter der Scheibe in der Lobby des "Standard" geht plötzlich das Licht an, ein Körper liegt da auf Kissen, eine schöne junge Frau in sehr kurzen weißen Shorts und Shirt blickt in ihren Laptop, unwirklich nah, seltsam intim die Situation vor den Augen aller, sie beachtet niemanden, bis die Dunkelheit sie wieder verschluckt, eine Sequenz wie aus einem Traum. Dieses "Kunstobjekt " ist ein Markenzeichen des Hotels, jeden Nachmittag steigen junge Damen zur Schicht in die Glaskiste.
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