Von Anke Kapels
Erst Kinosaal, dann Striplokal: Die pompösen Kinopaläste in Hollywood haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Manche der legendären Spielstätten erstrahlen heute in neuem Glanz.
Batman ist genervt. Was wollen die Leute da drüben an den Absperrungen? Schon seit Stunden staut sich deswegen der Verkehr auf dem Hollywood Boulevard. "Hier, bei uns, läuft der Film", sagt Batman und schaut über die Straße. Der Superheld und seine Kollegen Gandalf und Marilyn Monroe nutzen den breiten Bürgersteig vor dem Hollywood & Highland Center als Laufsteg. Gegen gute Dollars posieren sie in ihren Kostümen für die Touristen. Doch an diesem stickigen Nachmittag, an dem der Himmel über Hollywood einen Grauschleier trägt, laufen ihnen die Menschen davon.
Auf der anderen Straßenseite wird in zwei Stunden ein echter Star über den roten Teppich ins El Capitan gehen: Sandra Bullock. Ihre neue Komödie "The Proposal" hat heute Abend Kinopremiere. Blitzlichter, glitzernde Roben, kreischende Fans, das ganze Programm. Alltag in Hollywood - seit mehr als achtzig Jahren. Damals, um 1920, verlor das Kino den Ruch des Tingeltangels, wurde aus Kintopp eine Kunstform. Die Menschen waren verzaubert von den laufenden Bildern, sie machten sich fein, wenn sie einen Film sehen wollten.
Im El Capitan ist die Magie jener Zeit ins 21. Jahrhundert hinübergerettet worden. Die Betreiber Walt Disney Company und Pacific Theatres ließen das Kino vor zwanzig Jahren akribisch rekonstruieren. Es entstanden eine Fassade im spanischen Neobarock und ein stuckverzierter Saal, das Kino geriet zu einer Kreuzung aus indischem Maharadscha-Palast und verkitschter Hommage an die feudalen Opernhäuser der Alten Welt.
Genauso sah das El Capitan auch schon im Mai 1926 aus, als "Hollywoods erstes Haus für Sprechtheater" öffnete. Mit der Uraufführung von Orson Welles' "Citizen Kane" im Jahr 1941 musste die klassische Bühnenkunst schließlich den Leinwanddramen weichen; aus dem El Capitan wurde das Paramount Hollywood, das sich viele Jahre hielt. Das Kino ist eines von drei Filmhäusern, die der Impresario Sid Grauman zusammen mit dem Immobilienunternehmer Charles E. Toberman in den zwanziger Jahren am Hollywood Boulevard errichtete.
Das Egyptian Theatre, 1922 gebaut, war inspiriert vom letzten Schrei jener Zeit: Hieroglyphen prangten an den sandfarbenen Mauern, die zum Eingang führen. Grauman's Chinese Theatre eröffnete 1927 als letztes der drei gemeinsamen Projekte von Grauman und Toberman. Tempelglocken, Steinfiguren und andere Originale wurden aus China importiert. Handwerker von dort arbeiteten am Bau, überwacht von einem Landsmann, dem Filmregisseur Moon Quon.
El Capitan, Egyptian und Chinese Theatre haben eines gemein: Schon im Foyer verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Kino-Traumwelt. Der französische Kulturkritiker und Medientheoretiker Jean Baudrillard, der Los Angeles mehrmals bereiste, glaubte gar, das Kino "nicht da, wo man denkt, auf keinen Fall in den Kinosälen" zu finden, sondern "überall draußen, in der ganzen Stadt, in ununterbrochenen, wunderbaren Filmen und Szenarien". Tatsächlich atmet ganz Hollywood Kino. Und die Filmtheater, die hier Paläste sind, erzählen viel von der Geschichte der Traumfabrik.
Sie beginnt mit einer Handvoll Rebellen, Filmpionieren, die im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts von der Ostküste nach Südkalifornien kamen. Zu ihnen gehörten William Fox, Samuel Goldwyn, Louis B. Mayer und Carl Laemmle. Als junger Mann war Laemmle aus dem württembergischen Laupheim in die Vereinigten Staaten ausgewandert, in Chicago brachte er es zum Kinokettenbesitzer. Dort, wie an der gesamten Ostküste, herrschte jedoch vor allem Thomas Alva Edison mit seiner Motion Picture Patents Company. Er besaß fast alle Kinopatente in Nordamerika und ließ Kurzfilme produzieren, die er den Kintoppbetreibern zum Abspielen aufzwang.
Laemmle meuterte und gründete 1909 seine eigene Firma, die Independent Motion Picture Company. Sie wurde zum ersten Unternehmen in den USA, das nicht nur als Filmproduzent und Verleiher, sondern auch als Kinobesitzer auftrat. Andere Abtrünnige taten es Laemmle gleich. Dass sie alle an der Westküste landeten, hatte aber nicht nur damit zu tun, dass sie nun ein ganzer Kontinent von Edison trennte. Es war auch die zuverlässige Sonne Kaliforniens, die sie hierherlockte. Helles Tageslicht ohne Regenwolken war in jener Zeit unentbehrlich für Filmaufnahmen.
Zu den ersten Filmemachern an der Westküste gehörte Cecil B. De Mille. Im Dezember 1913 mietete er eine Scheune mitten in einer Bauernsiedlung, umgeben von Palmen und Orangenplantagen. Hier entstand sein Filmdebüt "The Squaw Man". Die Scheune gilt als das älteste Studio Hollywoods. Nach einigen Umzügen steht sie heute gegenüber der Hollywood Bowl und beherbergt ein Filmmuseum.
Der Deutsche Carl Laemmle kaufte für seine Filmproduktion gut 90 Hektar im San Fernando Valley, einer hitzeflirrenden Ebene auf der vom Meer abgewandten Seite der Hollywood Hills. Dort baute er eine komplette Studiostadt auf, die Universal City. Zur Einweihung am 15. März 1915 beschrieb Laemmle das Areal als "Märchenland, in dem die verrücktesten Dinge passieren, die die Welt je gesehen hat". Von Anfang an durften Besucher auf das Gelände. Inzwischen ist Universal City betriebsame Produktionsstätte und zugleich riesiger Rummelplatz mit Fahrgeschäften, Stunt-Shows und Touren durch die Kulissenstadt.
Weitere Studios entstanden und verdrängten die Farmer endgültig aus Hollywood: 20th Century Fox, Warner Bros., Columbia Pictures, RKO, Metro-Goldwyn-Mayer. Alle zeigten ihre Traumfabrikware in eigenen Kinos, eines imposanter als das andere. Das vierstöckige Warner Bros. Hollywood Theatre etwa krönten zwei Funkturm-Attrappen auf dem Dach. 1968 wurde es verkauft und in Hollywood Pacific Theatre umbenannt, mittlerweile ist es geschlossen. Oder das Pantages, ebenfalls am Hollywood Boulevard, wo ab 1949 zehn Jahre lang die Oscars verliehen wurden. Heute werden dort Musicals aufgeführt. An die alte Pracht erinnern noch die in dunkelgrauen Stein gemeißelten RKO-Buchstaben im düsteren Eingang und der Art-déco-Stuck an der Decke.
Die 20th-Century-Fox-Studios bauten sich einen großen elegant-verspielten Kinokomplex im Westwood Village etwas abseits von Hollywood. Im Village Theatre und im vis-á-vis gelegenen Bruin Theatre werden noch heute Filmpremieren mit Staraufgebot gefeiert. Im Saal des benachbarten Westwood Crest Theatre ist das alte Hollywood als bonbonbunte Wandmalerei zu bewundern. Das Haus gehört zu den letzten Nachbarschaftskinos der Stadt.
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