MAROKKO

Fluchtpunkt Tanger

Sex, Drogen, Poesie

Von Nico Cramer

Sie tranken. Sie kifften. Und sie halluzinierten. Ende der 1950er Jahre schlugen die US-amerikanischen Schriftsteller William S. Burroughs, Jack Kerouac und Alan Ginsberg ihre Zelte in der marokkanischen Stadt Tanger auf. Heute erinnern sich viele Einheimische nicht mehr an die wüste Zeit - MERIAN.de schon.

Der Alkohol und die Drogen sind geblieben. Neureiche, einheimische Jugendliche haben die Kneipe der Pension "Tanger Inn" zu ihrem abendlichen Abhängspot erkoren. Zu lautem Gansta-Rap lassen sie sich hier, in der Rue Magellan, vom Barmann Cocktails mixen, die Geräusche auf der Toilette hinter den verschlossenen Türen lassen auf den Konsum illegaler Substanzen schließen.

An den Wänden der kitschig wirkenden Kneipe erinnern großformatige Fotos an jene Zeiten, in denen William S. Borroughs und Allen Ginsberg hier ihre Abende mit Alkohol und Drogen verbrachten. Doch das kümmert die Jugendlichen nicht. Sie haben keine Ahnung, wer die Typen auf den Bildern sind.

Marokko: Tanger und die Beat-Bande

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In dem Gebäude, das heute "Tanger Inn" heißt und damals die Pension Muniria war, schrieb der US-Amerikaner William S. Burroughs von 1954 bis 1956 seinen Roman "Naked Lunch" - ein Klassiker, der bis heute weltweit über eine Million Mal verkauft worden ist.

Mitte der 1950er Jahre ist die 700.000-Einwohner-Stadt Tanger eine "Interzone", die von Franzosen, Spaniern, Briten und Italienern gleichermaßen verwaltet wird. Die Hafenstadt lockt mit Freihandel und Steuervorzügen, ihre Offenheit zieht Sinnsucher, Kreative und sexuelle Abenteurer gleichermaßen an. Die Beat-Poeten sind alles drei zugleich.

Sie hatten sich Ende der 1940er Jahre in New York gefunden. Eine Gruppe junger Schriftsteller um Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Jack Kerouac und Gregory Corso, die nach einem neuen Menschentypus und nach neuen Herangehensweisen in der Literatur sucht. Dabei überschreiten sie geistige und körperliche Grenzen - doch solche Experimente sind in der kulturfeindlichen McCarthy-Ära wenig gern gesehen. So wird das marokkanische Tanger für die Beat-Poeten zum Fluchtpunkt: Fernab des repressiven Antikommunismus und gelockt vom billigen Rauschmittel Kif nisten sich die Beat-Poeten in der Küstenstadt ein.

1957 verleben sie ihren ersten Sommer in Tanger. William S. Burroughs fungiert dabei als Anlaufstelle. Der Schriftsteller hat sich drei Jahre zuvor bereits in Tanger niedergelassen, zunächst in der Calle del Arcos No.1 direkt über einem Freudenhaus, dann im Zimmer Nr. 9 der Pension Muniria in der Rue Magellan.

Burroughs' Übersiedlung nach Tanger sind verstörende Jahre vorausgegangen: 1951 erschoss der Literat in Mexiko City beim Wilhelm-Tell-Spiel seine Frau, 1953 widersetzte sich Allen Ginsberg hartnäckig den sexuellen Avancen Borroughs'. Borroughs flüchtete nach Europa, zunächst nach Rom, es folgt ein Heroin-Entzug in London. Inspiriert vom Schreiben seines Kollegen Paul Bowles - der Schriftsteller lebt bereits seit 1947 in Tanger - zieht Borroughs auch dorthin. "In Tanger gibt es diese Weltuntergangsstimmung", schreibt Burroughs wenig später an Ginsberg, "das Böse ist hier laissez faire."

Als Burroughs' Freunde Allen Ginsberg, Jack Kerouac und Allen Ansen 1957 seinem Ruf folgen und nach Tanger reisen, können sie den Weltuntergang buchstäblich besichtigen - Burroughs' Pensionszimmer ist in einem unfasslichen Zustand. Monatelang hat der damals 43-Jährige unter dem Einfluss von Opiaten geschrieben. Er hat sich selten gewaschen, der Fußboden ist mit losen Notizen, Manuskripten und Briefen übersät. Gemeinsam mit Burroughs ordnen die Besucher in den folgenden Monaten das Mosaik der Burroughsschen Phantasien. "Wir bearbeiteten riesige Mengen von Material im Schichtdienst", schreibt Allen Ginsberg 1957 an den befreundeten Beat-Poeten Lucian Carr in New York.

Am Ende steht das Ur-Manuskript von Burroughs späterem Bestseller "Naked Lunch" - und eine wilde gemeinsame Zeit in Tanger. Die Beat-Poeten geben sich im feierwütigen Tanger billigen Drogen und käuflichen Knaben hin, tagsüber hängen sie im Café Hafa ab, diskutieren endlos in Madame Porte's Tea Rooms und schlagen sich die Nächte im Café de Paris um die Ohren. Gelegentlich leisten ihnen dabei andere Tanger-Touristen Gesellschaft, darunter die Schriftstellerkollegen Truman Capote und Paul Bowles und der Maler Francis Bacon. Gearbeitet wird natürlich auch - in der Regel unter starkem Drogeneinfluss. Gemeinsam schreiben Kerouac, Ginsberg und Burroughs in dieser Zeit Gedichte und kurze Theaterstücke.

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