Von Susanne Brammerloh
In der Puschkinskaja 10 wagten 1989 ein paar Künstler die Kulturrevolution im Hinterhof. Sie besetzten das Haus und konnten sich behaupten. Bis heute ist die "Pu10" das Zentrum Petersburgs für Malerei, Musik, Theater, Literatur - und Lebenskunst.
Wer die Puschkinskaja 10 sucht, Russlands erste Adresse für nonkonformistische Kunst, gerät erst einmal an die falsche Adresse. Der irritierte Besucher klappert die Hausnummern in der ruhigen Puschkinstraße vergeblich ab. Als wirkten die sowjetischen Gesetzmäßigkeiten der Desorientierung immer noch nach. Ein unscheinbares Tor am parallel verlaufenden, belebten Ligowski-Prospekt 53 schließlich ist der Zugang zu dem autonomen Kulturzentrum, seit Ende der achtziger Jahre der St. Petersburger Mittelpunkt kreativer Unrast, oppositionellen Künstlergeists und neuer Utopien.
Ein einzigartiges Konglomerat von Künstlerateliers, Galerien, Museen, Konzerträumen und Klubs hat sich im Hinterhof etabliert. Das Publikum ist bunt, auch zur Feier des zwanzigjährigen Jubiläums im Juni 2009. Künstler von überall her präsentieren in Ausstellungen, Konzerten, Installationen und Performances sich und ihre neuesten Werke. Quirlig und gegen den Strich gebürstet wie eh und je gibt sich "Pu 10" - obwohl viele Akteure heute mit weißen Haaren daherkommen, auch "Ehemalige", die irgendwann aus Russland emigriert sind. Ihr gesetztes Aussehen und Alter lassen die Rebellen von damals oft nur noch erahnen. Neben ihnen stehen junge Punks und hören, was das eigens für diesen Tag zusammengestellte "Richtig lebendige Orchester Pu-10" zu bieten hat.
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An normalen Tagen ist die Puschkinskaja 10 eher eine Oase der Ruhe. Im Innenhof betritt man eine ganz eigene Welt. Von den ursprünglichen Ausmaßen ist heute nur noch ein Drittel übrig, in den Wohnungen des größeren Teils etablierten sich wohlhabende Zeitgenossen. Und die zogen einen hohen Zaun, damit die "wilden Künstler" nicht ihr Territorium verletzen. Die hatten tatsächlich wild angefangen - in den ungestümen und anarchischen letzten Jahren der Sowjetunion, als die Menschen immer ärmer wurden.
Damals gab es jede Menge leer stehender Wohnhäuser, die Stadt hatte kein Geld für Sanierungen. Die endlich aus der Illegalität tretende nonkonformistische und inoffizielle Kunst suchte nach Plätzen für ihre Aktionen. Das Abbruchhaus an der Puschkinskaja erschien ihren Initiatoren als idealer Ort. So wurde es einfach besetzt. Damals gab es weder Wasser noch Strom. Kolja Wasin, treuester und verrücktester Beatles-Fan Russlands, erzählt, sie hätten das Wasser aus den Nachbarhäusern geholt. Freunde hätten ihm einen Kamin gebaut, weil die Heizungen nicht funktionierten. Der Kampf der Nonkonformisten um ihre Daseinsberechtigung endete schließlich mit einem Kompromiss - das Haus wurde saniert, der hintere Teil ging an die Künstler, die renovierten Wohnungen an der Puschkinskaja wurden teuer verkauft.
In einem der vierzig Ateliers arbeitet der Maler Boris Koschelochow, einer von der "alten Garde". Vor der Tür seines Ateliers steht eine beängstigend wirkende Figur aus Holz und Metall hinter Glas - die "Kinematische Skulptur" des heute in Schottland lebenden Bildhauers Eduard Bersudski. Boris langt kurz auf den Verteilerkasten neben der Tür und drückt einen Schalter. Und die Figur setzt sich in Bewegung, die Arme drehen eine Kurbel, Glöckchen bimmeln, rote Augen blitzen auf, Ketten rasseln.
Wahrhaft dämonisch, das Ding. Und irgendwie typisch petersburgisch - traurig, gefangen. Auch Boris ist der Meinung, diese unheilvoll wirkende "Maschine" stehe da genau richtig, denn die Puschkinskaja sei so etwas wie der Mikrokosmos der Petersburger Mythologie. Aber nicht nur das - "Puschkinskaja 10" ist für ihn ein Synonym für Schaffensfreiheit, für Neuerertum, für kühne Ideen und die ewige Bewegung nach vorn. Und auch darin ähnelt die einstige Künstlerkommune verblüffend der Stadt, in der sie sich befindet.
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