Von Johannes Schweikle
In ihrer Sommerresidenz Darjeeling, mitten im indischen Teil des Himalaya gelegen, pflanzten britische Kolonialherren ihren ersten Tee. Heute wachsen dort in mildem Klima die feinsten Sorten der Welt.
Pünktlich um zwölf Uhr schlägt der Gong. Und vier Dutzend Frauen verwandeln sich. Auch die ältesten, die an die 60 sind, denen ein ganzes Arbeitsleben an den Flanken des Himalaya Falten in die gebräunten Gesichter gegraben hat, beginnen aufgekratzt zu kichern. Ein Schwatzen und Giggeln wie auf dem Schulhof füllt die halb offene Fabrikhalle. Im Nu binden die Pflückerinnen ihre Schürzen auf, die erste schüttet den Inhalt ihrer Kiepe auf die alte Waage. Zweieinhalb Kilo saftig grüne Blättchen, lanzettförmig und so lang wie ein kleiner Finger. Unter dem Blechdach und den uralten Balken riecht es wie nach frisch gemähtem Gras.
In Darjeeling beginnt im März die Tee-Ernte. Das Pflücken ist seit jeher Frauensache. Morgens um halb acht wickeln sie sich müllsackartige Plastikfolie von den Knöcheln bis zur Hüfte um den Leib. Dann falten sie ein Tuch in mehrere Lagen und legen es auf den Kopf. Dieses Polster mildert den Druck des Riemens, an dem ihr einziges Werkzeug hängt: eine aus Bambus geflochtene Kiepe, die auf dem Rücken getragen wird. Jede Pflückerin hat einen Regenschirm in der Kiepe und eine Plastikflasche, gefüllt mit Tee. Mehr gibt's nicht für die nächsten viereinhalb Stunden, kein Pausenbrot und keine Pause.
In Gruppen arbeiten sich die Frauen die Hänge hinauf. Auf einer Bergtour würde man den Weg in Serpentinen gehen, so steil ist das Gelände. "Two and a bud" lautet die Regel: Zwei Blättchen und eine Knospe werden gepflückt und über die Schulter in die Kiepe geworfen. Die Teebüsche reichen den Frauen bis zur Hüfte. In den dichten Zweigen hängt die Feuchtigkeit vom letzten Regen, ohne den Müllsack wären die Pflückerinnen nach fünf Minuten nass bis auf die Haut. Und von den wuchernden Brennnesseln gequält, die auch durch Stoff stechen.
Wäre der Himmel nicht mit grauen Wolken verhangen, könnte man die Hauptkette des Himalaya sehen. Der Kanchendzonga, mit 8586 Metern der dritthöchste Berg der Erde, thront in ewigem Weiß über Darjeeling. Die Stadt, die dem berühmten Tee den Namen gibt, liegt 2185 Meter hoch. Die Plantage Goomtee liegt mit 1250 Metern vergleichsweise niedrig. Für ihren Besitzer Ashok Kumar ist das ein Vorteil: Er kann früher mit der Ernte des begehrten First Flush beginnen, auf den die Teegenießer in Deutschland sehnsüchtig warten.
Ashok Kumar empfängt auf der Veranda seines Bungalows. Ringsum blühen Magnolien und Azaleen, Bambus wuchert mit Baumfarnen um die Wette, Verbene und Bougainvillea feiern leuchtende Orgien in Rot und Lila. Vier Gärtner kümmern sich um Mandarinenbäumchen und Rosen, mit Erfolg: Eine Bronzemedaille der Royal National Rose Society hängt an der holzgetäfelten Wand. "Die Engländer waren clever", sagt Kumar mit einem feinen Lächeln, "sie haben für die Bungalows der Pflanzer die schönsten Plätze ausgesucht."
Kumar ist 62 Jahre alt, trägt eine feine Goldrandbrille und spricht ein geschliffenes Englisch. Er lehnt sich aus dem Korbsessel, drückt auf den diskret am Sprossenfenster angebrachten Knopf eines Summers, und sechzig Sekunden später serviert ein Boy Tee und Kekse. Kumar stammt aus einer Hindufamilie aus Bihar, sein Vater hat ihn zwecks besserer Bildung zu den Jesuiten in Darjeeling aufs College geschickt.
Seit 1956 gehört Goomtee der Familie Kumar. Die Plantage ist 200 Hektar klein, doch dank der Akribie des Unternehmens gehört sein Tee zu den besten. "But my two boys are not in tea", sagt Kumar bedauernd, "sie mögen zwar das Geld, aber der eine ist Arzt in Amerika, der andere Ingenieur in der Autoindustrie."
Die Engländer wählten Darjeeling als Sommerfrische. Wer es sich leisten konnte, floh im Sommer vor der brütenden Hitze von Kalkutta ins gemäßigte Klima der Berge. Bald gab es dort nette Hotels im Kolonialstil, Clubs fürs gesellschaftliche Leben sowie eine Pferderennbahn. 1841 pflanzte der britische Sanitätsoffizier Dr. Archibald Campbell die ersten Teesträucher. Seither ist Darjeeling in die Weltspitze aufgestiegen.
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