Von Florian Haupt
Die von fremden Mächten gezeichnete Geschichte Siziliens spiegelt sich in der vielfältigen und historisch bedeutenden Architektur der Insel wider. Jetzt allerdings droht den großartigen Kulturdenkmälern wenig Gutes.
Was in Amerika funktioniert, muss auch in Sizilien möglich sein, dachte sich Nicolò Cristaldi. Der Plan des Bürgermeisters von Segesta: Mount Rushmore auf katholisch. Statt der vier größten US-Präsidenten wie beim Vorbild in South Dakota sollten sich riesige Statuen von Mutter Teresa, Papst Johannes Paul II. und Pater Pio über Westsizilien erheben. Die gut 300.000 Menschen, die jährlich den antiken Tempel von Segesta besuchen, würden bestimmt vorbeischauen, plus eine noch größere Zahl von Pilgern, ein Riesengeschäft also. Investoren hatte der umtriebige Stadtvater angeblich schon parat, einen griffigen Namen ebenso: "Parco mistico" - mystischer Park.
Weil die Idee einem an der Realität vorbei kalkulierten Businessplan aus den Hochzeiten der New Economy ähnelte, wurde sie von der Inselregierung verworfen. Dabei hatte Signore Cristaldi lediglich die Politik von Ministerpräsident Silvio Berlusconi umsetzen wollen, dessen Parteienbündnis er selbst und die Regierung in Palermo angehören: Mit dem Ziel Staatsausgaben einzusparen, wird private Initiative verlangt - gerade im kulturellen Bereich. Ein Streitthema nicht nur auf Sizilien, sondern in ganz Italien. Denn die Privatisierung der wichtigsten nationalen Kulturdenkmäler wird von Berlusconi und seinen Mannen in Erwägung gezogen: das Kolosseum in Rom, die Uffizien in Florenz - oder eben die antiken Tempel auf Sizilien. Mit oder ohne mystischen Pilgerpark.
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Zur Zeit der Griechen erlebte die Insel ihre erste Blüte. Die hellenischen Kolonien an der Süd- und Ostküste galten als "Neue Welt" der Antike, ihr New York hieß Syrakus. Mehrere hunderttausend Menschen lebten in der 734. v. Chr. gegründeten Stadt, und in Kunst, Architektur und Wissenschaft stand sie allenfalls Athen nach. Die herrschenden Tyrannen - es gab nur vergleichsweise kurze Phasen der Demokratie - waren besessen von der Idee, dem Mutterland die kulturelle Ebenbürtigkeit zu beweisen; und ihr Reichtum war immens.
"Sie essen, als ob sie morgen sterben müssen, und sie bauen, als ob sie ewig leben sollten", stellte der Philosoph Empedokles in seiner Heimat Akragas fest - der nach Syrakus auf Sizilien zweitgrößten und dem Dichter Pindar zufolge "schönsten aller sterblichen Städte". Ins heutige Agrigent überdauert hat von diesem Prunk das "Tal der Tempel", es vermittelt einen spektakulären Eindruck antiker Heiligtümer. "Vom Gesamtensemble her bietet Sizilien die besterhaltenen Beispiele für die griechische Tempelarchitektur", sagt Professor Dreher.
San-Pietro-Kirche: Ähnlich wie die Mauren sorgten die Sarazenen für eine Epoche architektonischen Reichtums auf Sizilien
Nach gut zwei Jahrhunderten wurden die Sarazenen zwar besiegt, doch ihr Erbe lebte fort in den normannischen Herrschern Roger I. und Roger II. Die ließen sich (wie heute die Touristen aus dem Norden) von der Schönheit, den Gerüchen, der Opulenz Siziliens verzaubern. Politisch übernahmen sie die Macht, kulturell unterwarfen sie sich der bestehenden Ordnung. Sie förderten Wissenschaft und Kunst, ließen Religionsfreiheit walten und hielten sich einen stattlichen Harem. Es war eine Zeit multikultureller Harmonie - heute zu besichtigen anhand zahlreicher Bauten in und um Palermo, etwa den Kathedralen von Monreale und Cefalù. Als dann der normannische Staufer Friedrich II. zum deutschen König und 1220 zum römischen Kaiser gekrönt wurde, war Sizilien auf dem Höhepunkt seiner politischen Bedeutung. Doch bald schon verschob sich mit der Entdeckung Amerikas das Zentrum der Welt weg vom Mittelmeer. Sizilien geriet in eine Randlage.
Bei allen Veränderungen ist eines bis heute geblieben: Nie regierten sich die Sizilianer selbst. Eine Macht folgte der anderen, Franzosen, Spanier, Österreicher, sie installierten einen rigiden Feudalismus, ehe Sizilien vom Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi 1860 für den neuen italienischen Einheitsstaat erobert wurde. Im selben Jahr schrieb Karl Marx: "In der ganzen Geschichte der Menschheit hat kein Land so fürchterlich unter Sklaverei, Eroberung und fremder Unterdrückung gelitten, kein Land und kein Volk so tapfer für seine Emanzipation gekämpft wie Sizilien und die Sizilianer." Auch Rom konnte seine Herrschaft erst nach Niederschlagung diverser Aufstände behaupten; wer überlebte, wanderte aus nach Amerika. Sizilien, einst das gelobte Land des Mittelmeerraums, war endgültig zum Armenhaus geworden, die Landschaft unbrauchbar, die Elite dekadent, korrupt.
Mancher mag an diese Worte gedacht haben, als 1996 in Noto nach einem Unwetter die Kuppel des Doms in sich zusammensackte - man hatte sich schlichtweg nicht um das restaurierungsbedürftige Gebäude gekümmert. Dem vom Europarat zur "Hauptstadt des italienischen Barocks" ernannten 24.000-Seelen-Städtchens im Südosten der Insel drohte der Verfall; selbst nach dem Schreckensmoment dauerte es geschlagene elf Jahre, ehe die Kathedrale wieder eröffnet werden konnte - sizilianische Bürokratie eben. Als Plädoyer für Berlusconis geplante Denkmal-Privatisierung sehen den Kuppelsturz von Noto gleichwohl nur die wenigsten. Eher als Vorbote für das, was passieren könnte, wenn es wirklich dazu kommt.
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