VORARLBERG

Vorarlberg

Der Mythos des Montafon

Von Marc Bielefeld

Vor 80 Jahren kam Ernest Hemingway und verliebte sich in das urige Tal - in die Berge, die Gletscher, das Bier. Das Montafon hat sich seinen alten Charme bewahrt, ganz still und leise.

Schade, dass Tische nicht sprechen können. Dieser hätte ein paar hübsche Geschichten zu erzählen. Es ist ein großer Tisch, alt, rund und verschnörkelt, aus Ahornholz und Fichte gefertigt, mit einer eingelassenen Schieferplatte, auf der sie früher mit Kreide den Spielstand beim Kartenspiel kritzelten. Genau an diesem Tisch saß er. In der holzgetäfelten Gaststube des Hotels Taube, nächtelang. Sie nannten ihn den "schwarzen, Kirsch trinkenden Christus": Ernest Hemingway, damals noch völlig unbekannt, im Nachhinein der sagenumwobenste Gast, den das Montafon je beherbergte.

Der angehende Schriftsteller war mit Frau und Sohn aus Paris gekommen, weil er kaum Geld hatte und Freunde ihm erzählt hatten, dass in Schruns ein schönes Hotel stünde, dass das Montafon günstig sei und die Berge hinreißend. Hemingway gefiel es so gut, dass er 1924/25 und 1925/26 zwei Winter hier verbrachte, sechs Monate inmitten blendend weißer Schneewelt und umgeben von jener Ruhe, die er brauchte, um seinen ersten Roman "Fiesta" umzuschreiben.

Und der Herr Hemingway, damals Mitte 20, ließ es sich gut gehen. Auf Holzskiern und Seehundfellen stieg er auf ins Ochsental, kletterte über die Gletscher am Piz Buin, er liebte die Berge, und in Schruns soff er den selbstgebrannten Schnaps der Bauern, dazu Mengen an Fohrenburger Bier, und er zockte sie alle nieder. Den Wirt, seinen Skilehrer Walter Lent, sogar den örtlichen Gendarmeriehauptmann nahm er bei den abendlichen Pokerrunden aus.

Vorarlberg: Mythos des Montafon

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"7 Flaschen. 158.000 Kronen gewonnen. Macht etwa 2,35 Dollar. Jedenfalls keine Schwulen in Vorarlberg." Das schrieb der junge Hemingway seinem Literatenfreund F. Scott Fitzgerald. Und in einem weiteren Brief aus Schruns, datiert vom 15. Dezember 1925: "Es hat zwei Tage geschneit. Ungefähr zweieinhalb Fuß Schnee. Kalt, die Luft schön dicht. Es ist verdammt schön, die Berge wiederzusehen." Dass aus dem bulligen Amerikaner einer der berühmtesten Schriftsteller der Welt werden sollte, ahnte von den Montafonern freilich keiner.

Doch dann wurde Hemingway zum Mythos, und inzwischen hängt sein Name über der Region wie die nassgrauen Wolken, die sich über die Täler schieben. Noch heute steht das Hotel Taube am Kirchplatz von Schruns, aufgeräumt und adrett die kleinen Straßen im Dorf, im Hintergrund thronen die Gipfel des Rätikon. Im Biergarten des Hotels, unter Rosskastanien, sitzen vier rüstige ältere Herren mit sehr roten Gesichtern, Trekkingschuhe an den Füßen, große Biere an den Lippen, und reden über den herrlichen Wandertag. Oben an der Lindauer Hütte waren sie heute, sechs Stunden auf Tour, und jetzt, bitte schön, Herr Ober, dürfen's noch mal vier Enzian sein.

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Vorarlberg, Februar 2007

Es ist September, die Wiesen sind von schmatzendem Grün, die hölzernen Walserhäuser stehen in blumiger Pracht an den Hängen, Geranien und Petunien wallen von den Balkonen, Kuhglocken bimmeln, Mädchen in Dirndln huschen durch die Gaststuben. Wie eine heile Spielzeugwelt schlummert das Montafon zwischen den Bergflanken. Das südlichste Tal des Vorarlbergs ist gerade mal 39 Kilometer lang und zählt elf kleine Orte, die Namen tragen wie Bartholomäberg, Gortipohl und Silbertal, Orte wie Puppenstuben, in denen man klare, seidige Luft in die Lungen bekommt.

Gleich dahinter liegt das Paznauntal im Osten mit dem Party-Dorado Ischgl, aber damit wollen sie hier nichts zu tun haben. Im Montafon gibt es nicht mehr Gästebetten als Einwohner, jeweils 18.000 sind es, ein Verhältnis, das nach bedächtiger Erholung statt nach Touristenabfertigung und lautem Remmidemmi riecht.

Viele hier sind noch echte Montafoner, und sie sprechen einen alemannischen Dialekt, der mit den Schweizer Mundarten verwandt ist. Hinter vielen Sätzen klebt ein keckes "odrr?", und dabei gucken sie Fremden fest, aber freundlich ins Gesicht. Das Montafon hat sich den Charme der alten Zeiten bewahrt. Keine Betonpaläste, keine überdrehten Szene-Läden mit dem letzten Snowboarder-Schick, und wenn oben vor der Berghütte am Hochjoch mal ein Techno-DJ auflegt, ist das eine Ausnahme und eher so selten, dass die Hirsche dann vor Schreck durch die Kiefernwälder davongaloppieren. Stattdessen: Almfrieden.

Der Gekreuzigte, der an fast jedem Hausgiebel hängt, blickt auf hübsche Pensionen, die "Haus Monika" heißen, auf brav dekorierte Schaufenster und auf einen Frisörladen, der sich "Crazy Hair" nennt und ungefähr so verrückt ist wie eine ordentlich gefönte Dauerwelle. Josef "Pepsi" Nels kommt an den Tisch der Tische. Er hat eisgraue Haare, buschige Brauen und ist zwischen 70 und 75, so genau rückt der heutige Wirt des Hotels Taube mit seinem Alter nicht raus. Sein Vater, Paul Nels, hat hier mit ihm gesessen, mit dem leibhaftigen Hemingway, lange, feuchte Abende waren es, und Pepsi weiß noch einiges von damals zu berichten - wenn man es ihm nur aus der Nase zieht. Denn nein, Herr Nels ist kein Schwadroneur, nicht einer jener Hoteliers, die sich mit gespreiztem Grinsen im Namen berühmter Gäste sonnen. "Oh ja, sie tranken viel damals, Veltliner Rotwein aus der Sassella-Traube, gibt's heute gar nicht mehr", erzählt er schließlich mit verschmitzten Augen.

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