MÜNCHEN

Allianz-Arena

Bei Rot kickt München

Von Michael Schophaus

Wie ein Luftkissen liegt Deutschlands schönste Arena auf der Wiese, dem Platz des Anstoßes zur WM 2006. Hier spielen die Bayern und die Sechziger.

Hier guckt bald die Welt rein, sagt Andreas. Also dürfen wir auch mal, aber nicht zu lange. Wir stehen auf den steilen Rängen, 70 Meter weg vom Rasen, und schauen in den Stolz des deutschen Fußballs, wie Andreas schwärmt. Ein paar Milliarden werden das da sehen, haucht er ergeben, zeigt auf das Spielfeld und flüstert uns zu: Wenn die dort unten kämpfen, kannst du sie bis oben keuchen hören. Nichts entgeht dir, kein Schimpfwort von Olli Kahn und jeder falsche Ton bei einer Nationalhymne sowieso. Ein Wahnsinn, diese Akustik! Du glotzt beeindruckt in den tiefen, grünen Schlund und stellst dir vor, wie die Zuschauer in dieser brodelnden Enge vielleicht bis auf den letzten Platz vernehmen werden, wenn einem fahrigen Kicker im WM-Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica ein lautes Darmgeräusch entfährt.

München: Deutschlands schönste Arena

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Na ja, sagt Andreas, so weit geht es nun doch nicht, dabei lacht er und zieht sich seine Kappe in die Stirn. Er führt uns für acht Euro durch das schönste Stadion, das es gibt. Daran glaubt er ganz fest, sonst würde er woanders arbeiten. Dann steht er da und erzählt dir aufgeregt, dass Uli Hoeneß in Schrobenhausen, wo sonst nur guter Spargel wächst, drei Stunden lang in Stollenschuhen über den angepflanzten Rasen lief, bevor der mit 20 Fernlastzügen in die Allianz-Arena verlegt werden durfte. Oder seht ihr die beiden Videotafeln unter dem Dach? Sie sind hundert Quadratmeter groß, haben eine aktive Matrixanzeigenfläche, versteht sich, einen LED-Pixelaufbau und wurden mittig mit sieben Grad Neigung und hoch-auflösender Verkabelung über den Toren installiert. Das ist doch was, oder?, fragt er zufrieden, während du dich sehnsüchtig daran erinnerst, wie du vor ein paar Tagen St.-Pauli-Bruno zugejubelt hast. Das ist der, der am Hamburger Millerntor eine gelochte Sperrholzplatte mit einer 1 drauf über eine Schraube hängt, wenn das erste Tor fällt.

Aber das kannst du gleich vergessen, wenn du hierher kommst. Diese schiefe Romantik, dieser eifrige Glaube, Fußball habe noch was mit elf Freunden zu tun, weil der Ball rund ist und so. Fußball ist mittlerweile ein knallhartes Geschäft und nirgendwo wird dir das in den Zeiten der Weltmeisterschaft deutlicher als in dem 340 Millionen teuren Stadion am Stadtrand von München. In diesem riesigen Raumschiff, das so wirkt, als wäre es mit seinen weichen Kissen direkt und fertig aus dem Himmel auf die Fröttmaninger Wiese geplumpst.

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München, Juni 2006

Es zieht dich an, je näher du herangehst, du willst rein, und wenn du drin bist, zieht es dich weiter unweigerlich in seinen kalten Bann, weil es vor Technik nur so protzt und trotzdem noch nach Schweiß und Bratwurst riecht. Du staunst dich durch die vielen Sehenswürdigkeiten und wunderst dich, was alles drum herum passiert, damit ein paar hoch bezahlte Männer gegen einen Ball treten können. 22.000 Tonnen Stahl, 350 schräg stehende Stützen, 100 Kilometer Kabel, 232 Scheinwerfer, 132.000 Bohrlöcher für die Sitze, 54 Kassen, ein frei tragendes, 5300 Tonnen schweres Dach in 50 Meter Höhe, und selbst die zwölf beleuchtbaren Buchstaben der Allianz-Arena sind so gewaltig, dass sie um die 60 Zentner wiegen.

Aber es gibt auch Bier, Currywurst und Leberkäse in der Semmel, sogar an Tagen, an denen keine Spiele stattfinden, und trotzdem Hunderte von Besuchern hineinströmen, um sich die neue Kultstätte anzuschauen. Außerdem kriegt man eine "FC-Bayern-München-Fruchtgummi-Meister-Mischung" in Form von Schalen und Pokalen für 3,95 Euro, und einige streifen sich sogar das neueste T-Shirt aus dem Fanshop über, auf dem "65.999 und ich" prangt, während die Lakritze "Naschen wie die Champions" und die Dose mit dem "Samen fürs Power-Green" leider nicht so gut laufen.

Sie schlendern an Schildern vorbei, auf denen Welcome Zone Ost steht, und manche halten ehrfürchtig bunte Prospekte in der Hand, worauf sie lesen können, dass die 25.344 Leuchtstofflampen über eine Lebensdauer von 8000 Stunden verfügen oder die Stromversorgung ein flächendeckendes W-LAN-Netz mit den Standards a/b/g besitzt. Aha, stöhnen die Väter und kommen sich bei den Fragen ihrer Kinder ziemlich blöd vor. Aber da sie einem Führer wie Andreas folgen, begreifen sie auch, dass so ein kühles Stadion eine Seele haben kann.

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