Regensburg Zwei exotische Domspatzen

MERIAN: Vor mehr als 50 Jahren haben Sie beide sich zum ersten Mal getroffen - im Internat der Regensburger Domspatzen. Warum haben gerade Sie sich angefreundet?

Bueb: Wir waren eine Notgemeinschaft. Die meisten der Kinder kamen aus Bayern, und da waren wir die Exoten. Wenn man nicht Bayerisch sprach, wurde man angeschaut wie ein Yeti. Mir hat da mein Schwäbisch noch ein wenig geholfen. Du, Ulrich, hattest es schwerer.


von Saurma: Allein die Tatsache, dass ich Hochdeutsch sprach, hat Aufmerksamkeit erzeugt, aber keine positive.

MERIAN: Wurden Sie gemobbt?

Bueb: Nicht massiv. Aber wir gehörten einfach nicht dazu.

MERIAN: Sind Sie freiwillig Domspatzen geworden?

von Saurma: Ich überhaupt nicht. Aber unser Dorfpfarrer hatte meinem Vater gesagt: "Der Junge ist so musikalisch, der hört so gut." Und weil ich sowieso auf ein Internat musste ...

MERIAN: Warum?

von Saurma: Meine Eltern lebten getrennt, mein Vater konnte sich um uns Kinder nicht richtig kümmern. Und so hat er entschieden: Geben wir den Jungen in ein Musikinternat.


Bueb: Bei mir war es etwas anders. Ich war ein ziemlich gestörtes Kind, hab schwer gestottert und auf dem Gymnasium in Stuttgart massiv versagt. Allerdings hab ich sehr gern in einer Choralschola gesungen: gregorianische Gesänge, Stücke von Palestrina - genau die Musik also, für die die Domspatzen berühmt sind. Und so kam bei mir der Wunsch auf, zu diesem Superchor zu gehen. Sicher auch, weil ich merkte, dass ich beim Singen nicht stotterte.

MERIAN: Singen als Therapie?

Bueb: Ja, das ist oft so: Wer singt, stottert nicht. Jedenfalls bin ich mit meinen Eltern nach Regensburg gefahren, habe beim Domkapellmeister Theobald Schrems vorgesungen ...

MERIAN: ... der fast 40 Jahre lang die Domspatzen geleitet hat ...

Bueb: ... und wurde sofort aufgenommen. Geholfen hat sicherlich, dass meine Eltern als Millionäre galten. Das stimmte zwar damals schon nicht mehr, was man in Regensburg aber nicht wusste - und so wurden wir von der Hausleitung immer ein bisschen hofiert.

MERIAN: Ein Großbürgerkind, ein junger Adliger - kamen Domspatzen generell eher aus der Oberschicht?

Bueb: Nein. Wir hatten da zwar noch einen Neffen des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel: Franz Wittenbrink, der ist heute ein bekannter Theaterregisseur. Ansonsten aber kamen die meisten aus Handwerker- oder Beamtenfamilien.

MERIAN: Wie sah Ihr Alltag aus?

Bueb: Schule und Internat waren in einem Nachkriegsbau untergebracht, gut zwei Kilometer vom Dom entfernt. Zuerst schliefen wir mit etwa 20 Kindern in einem Saal, später in Vierer- oder Sechserzimmern.


von Saurma: Das Prinzip war: Je kleiner du warst, desto größer die Anzahl der Betten in den Zimmern.

Wenn jemand falsch singt, knallt der Klavierdeckel

MERIAN: Der Tag begann wahrscheinlich früh und mit Gebet?

von Saurma: Wecken war meist um halb sieben. Dann um sieben Uhr Messe bis kurz vor halb acht, anschließend ruckzuck Frühstück. Vormittags war normaler Gymnasialunterricht, bis 13 Uhr etwa. Am Nachmittag mussten wir in den Singunterricht, etwa zwei Stunden lang.


Bueb: Und da hatten wir einen ziemlich martialischen Lehrer, der wurde Presssack genannt - nach dieser bayerischen Wurst, in die man alle möglichen Innereien hineinstopft. Dieser Presssack war so ein wuchtiger, kleiner Mensch.


von Saurma: Und cholerisch.


Bueb: Absolut cholerisch! Wenn jemand falsch gesungen hatte, knallte er den Klavierdeckel ganz plötzlich herunter. Man sang da so vor sich hin - und auf einmal: Bang! Und ich, der ich eh so labil war, bin immer zu Tode erschrocken.


von Saurma: Manche Kinder haben vor Schreck das Buch fallen lassen.


Bueb: Der Presssack hatte noch eine üble Art zu triezen, indem er einen an den Ohrläppchen hochzog. Und von den Erziehern gab's oft Schläge.

MERIAN: Der Klang der glockenhellen Knabenstimmen, der die Zuhörer erfreut, war in Wirklichkeit also ...

von Saurma: ... unter Schmerzen erkauft. Wobei man sagen muss: Solche Erziehungsmethoden waren in den fünfziger Jahren sehr verbreitet.


Bueb: Wir waren eine Art Singmasse, aus der man möglichst viel rausholen wollte. Ist ja eine teure Sache, so eine Stimme auszubilden. Und hält auch nicht lange.

MERIAN: Wegen des Stimmbruchs.

Bueb: Man hat deswegen angeblich auch versucht, den hinauszuzögern.


von Saurma: Das haben wir immer vermutet, dass im Tee etwas drin ist, was die Pubertät unterdrückt. Aber das stimmte wohl nicht. Es gab auch die Gegengerüchte, dass man früher Stimmbruch bekommen würde, wenn man Seifenlauge trinkt. Ich habe Seife in Wasser aufgelöst und ein paar Schluck getrunken - aber das war einfach zu ekelhaft.

MERIAN: Sie wollten Stimmbruch bekommen?

von Saurma: Unbedingt. Damit ich nicht mehr in den kalten Dom muss.

MERIAN: Dort hatten Sie Ihre Auftritte?

von Saurma: Ja, jeden Donnerstag, das war so Tradition, und regelmäßig an Sonn- und Festtagen. Da war es immer kalt, im Winter höchstens zwei oder drei Grad. Handschuhe durften wir nicht tragen, weil wir so die Seiten im Choralbuch nicht umblättern konnten. Also haben wir uns fast die Pfoten abgefroren.

MERIAN: Waren die Gottesdienste für Sie nur Zwang?

Bueb: Also ich hab das auch genossen. Die gregorianischen Choräle haben etwas sehr Beruhigendes. Das war ein Eintauchen in eine Welt, die nicht die alltägliche war - eine andere Dimension.


von Saurma: Natürlich ist es ein großartiges Erlebnis, eine achtstimmige Messe von Palestrina zu singen. Irgendwie kam ich nicht umhin, dabei zutiefst berührt zu sein. Kinder, die nicht im Chor gesungen haben, kennen so etwas nicht.


Bueb: Als Highlight erinnere ich mich an das "Te Deum" von Anton Bruckner, das wir mit Orchester gesungen haben. Das war unglaublich leidenschaftlich.


von Saurma: Wenn du mit solch einem großen Chor eine Aufführung hast, und du bist darin so ein kleiner Sängerling - dann bist du richtig ergriffen.

Bueb: Selbst du, der da eigentlich nicht hinwollte?

von Saurma: Selbst ich.

MERIAN: Ein Gefühl von Ekstase?

von Saurma: Absolut. Was wirklich irre war: Einmal - da warst du nicht mehr dabei - haben wir die "Carmina Burana" von Carl Orff gesungen. Orff lebte damals noch. Und Theobald Schrems, unser Leiter, war sein Freund.


Bueb: Die kannten sich? Das wusste ich gar nicht.


von Saurma: Wir haben dann im Beisein von Orff das Stück aufgeführt. Wenn man wie ich jahrelang nur fromme Choräle gesungen hat, dann zum ersten Mal "Carmina Burana" singt und mitbekommt, was da für ein Schweinkram gesungen wird ...

"Du fällst vom Glauben ab, wenn du so was hörst"

MERIAN: Zum Beispiel: "Si puer cum puellula moraretur in cellula, felix coniunctio".

von Saurma: "Wenn Knabe und Mägdelein verweilen im Kämmerlein - seliges Beisammensein" - da fällst du vom Glauben ab, wenn du so was hörst. Da geht richtig die Post ab, mit Schlagzeug und schön laut. Ich war hin und weg. So weltlich, so deftig!


Bueb: Du musst noch von den Transistorradios erzählen.


von Saurma: Die haben wir selbst gebastelt aus ein paar Bauteilen - die Antenne war die Bettfeder. Ich habe meist nachts gehört, mit nur einer Kopfhörermuschel auf dem Kissen - wenn die Erzieher zum Kontrollgang kamen, sah es aus, als würde ich selig schlafen. So habe ich die Lieder von Édith Piaf kennengelernt.


Bueb: Und ich Bill Ramsey. So was war bei den Domspatzen natürlich verpönt - wie alles Nichtklassische.

MERIAN: Waren Sie auch selbst mal im Radio zu hören - bei Gottesdiensten oder Konzerten?

von Saurma: Das erinnere ich nicht ... aber es gibt eine Volkslieder- Platte der Domspatzen, auf der wir drauf sind.


Bueb: Ich bin sogar auf dem Cover zu sehen, davon versprach man sich wohl was in Hinblick auf meine Eltern.


von Saurma: Außerdem warst du ja ein ganz Hübscher. Für uns war das natürlich etwas Tolles - eine Schallplatte. Die Platte hat sich noch jahrelang gut verkauft, auch als wir schon längst nicht mehr auf dem Internat waren.

MERIAN: Wie ging Ihre Domspatzen-Zeit zu Ende?

Bueb: Bei mir war es mit dem Stimmbruch vorbei.

MERIAN: Musste man dann gehen?

Bueb: Nein, man blieb normalerweise bis zum Abitur und wurde wieder eingesetzt, sobald sich die Stimme gefestigt hatte. In der Zwischenzeit gab's Unterricht in Harmonielehre, Musikstücke in andere Tonarten transponieren und Ähnliches. Für mich furchtbar, weil ich in Mathe ohnehin die Katastrophe war. Da bin ich bald gegangen.


von Saurma: Und ich habe - in meinem unendlichen Frust, von meiner Familie getrennt zu sein - mich unbewusst verweigert und immer schlechtere Noten geschrieben. Ich kam zunächst auf ein anderes Internat, später endlich zu meiner Mutter nach Norddeutschland - und hatte von Stund an keine Schulprobleme mehr.

MERIAN: Waren Sie danach noch mal da?

von Saurma: Ja, viele Jahre später. Damals war Georg Ratzinger Leiter des Chors. Er fragte mich, was ich machen würde, und ich antwortete: Politikwissenschaften studieren. Darauf er: "Ah, da sind Sie a Linker!"

MERIAN: Was wäre in Ihrem Leben anders gewesen, wenn Sie nicht bei den Domspatzen gewesen wären?

von Saurma: Ohne die Domspatzen hätte ich meine große Liebe zur Musik nicht. Ich habe - ohne es zu wollen - eine sehr gute musikalische Bildung mitbekommen. Das hat mir in meiner Arbeit sehr geholfen. Bis heute höre ich gern und viel Kammermusik, sehr viel Bach, Klassik rauf und runter, neuere Musik in Maßen.


Bueb: Trotz dieser grässlichen Erziehungsmethoden: Mir hat die Zeit in Regensburg unglaublich geholfen. Von zu Hause wegzugehen hat mir gutgetan, genau wie das Singen. Dadurch sind meine Sprachprobleme verschwunden. Später konnte ich Schauspiel studieren - obwohl ich vorher gestottert habe.

MERIAN: Sind Sie stolz, Domspatz gewesen zu sein?

von Saurma: Ein bisschen schon.


Bueb: Ich bin vor allem stolz, dass ich den Sprung in das bitterkalte Wasser dieser fremden bayerischen Welt gewagt habe.

Autor:
Oliver Fischer