Regensburg Spaziergang durch die Altstadt

Wer in Regensburgs Altstadtlokalen ein stilles Örtchen aufsucht, der steigt oft tief, tief hinab in die Vergangenheit wie in einen Brunnen. Die oberirdischen Gasträume im Café Prock, im Zanthaus, im Orphée mögen noch so chic und zeitgenössisch sein, auf dem Weg zu Damen/Herren tappt man steile und krumme Steinstufen hinab bis ins frühe Mittelalter, der Regensburger Stadtkern ist fast lückenlos aus romanischer Zeit unterkellert. Manchmal blickt man beim Händewaschen nichtsahnend sogar in die Zeiten römischer Legionäre - durch eine Plexiglasabdeckung hinab in einen schwarzen Felsenschlund.

Regensburg lebt locker mit den Jahrtausenden. Im Hotel Bischofshof ragen die Felsblöcke und Rundbögen der römischen Porta Praetoria von anno 179 bis in die Hotelzimmer - gleich neben dem Himmelbett lässt sich der behauene Stein aus Mark Aurels Tagen betasten. Die Haarstylisten des Friseursalons Laufsteg 36 in der Oberen Bachgasse schnippeln in der ehemaligen romanischen Kreuzkapelle, hinter einem Schaufenster mit Drachen- und Fabelwesenkapitellen von 1190. Und einer der schönsten Orte für den Cafè Latte zwischendurch ist der Kreuzgang einer gotischen Bettelordenskirche: Im Hof des Minoritenkonvents, heute das Café des Historischen Museums, sitzt man wie in einem klösterlichen Genrebild - Füße im Gras, im Blick Ziehbrunnen, Weinlaubranken, Blankziegelmauern und mittelalterliches Maßwerk. Es fehlt bloß noch ein gregorianisches Chorgebet, das aus dem Kircheninneren dringt.

Den Rundgang durch die verwinkelte, altersgesättigte Stadt beginnt man am aber besten dort, wo sie weit und offen ist, an ihrer Wasserseite. Schon vor 8 Uhr morgens steigt hier ein dünner weißer Rauch in den Himmel, und am Donauufer riecht es nach Kräutern, Speck, Holzkohle - auf den Rosten der Wurstkuchl werden bereits zum Frühstück die "Sechse auf Kraut" gebrutzelt. Und dann steht man auf jenem Denkmal, mit dem jede Altstadtwanderung beginnen sollte: Auf der vielbogigen, fast 900 Jahre alten Steinernen Brücke, Mitteleuropas grandiosestem Brückenbauwerk, herrscht so früh am Tag noch kein touristisches Gedränge.

Ein frischer Wind weht über dem strudelnden Donauwasser, und eigentlich müssten jetzt Fanfaren ertönen zu dieser Stadtsilhouette in Breitwand. Frei schweift der Blick vom Niedermünster bis zu St. Oswalds grünem Dachreiter, über Domtürme, Bürgertürme, Tore, über Kaimauern und wuchtige Dächer. Das große Panoramabild der Stadt am Strom - man trägt es mit sich ins schattige Gassengewirr hinein, wo es eng wird und wuselig. Eine Fülle an Details ist hier zu entdecken, jedes hat seine eigene Geschichte, interessant, bisweilen kurios.

Das Goliathhaus zum Beispiel, eine massige, zinnenbekrönte Patrizierburg zwischen Goliathstraße und Watmarkt, ist ein wahres Geschichtsbuch. Es war seit dem 13. Jahrhundert Wohn- und Geschäftshaus wohlhabender Händlerfamilien, in der Renaissance kam erst das gigantische Außenfresko des Kampfs zwischen David und Goliath dazu. Der kleine Frosch, der zwischen Halmen hervorlugt, stammt allerdings aus dem 19. Jahrhundert: Damit karikierte der Restaurator Hans Kranzberger um 1845 den pensionierten Beamten Anton von Quentel, der täglich im grasgrünen Frack vorüber ritt; spätere Restauratoren befreiten den Frosch von seinen Sporen und dem Schnurrbart.

An der Rückseite des Goliathhauses überrascht eine Tafel aus neuer Zeit. Sie erinnert an einen couragierten Mann inmitten des NS-Terrors, an Oskar Schindler. Der Retter von mehr als 1200 Juden mittels seiner später berühmten Liste lebte nach 1945 unter kümmerlichen Umständen an der Adresse Watmarkt 5 - im Goliathhaus waren damals viele bitterarme Flüchtlinge einquartiert. Nach vier Jahren emigrierte das Ehepaar Schindler mit Hilfe überlebender "Schindlerjuden" nach Argentinien. Heute lässt es sich auf der Dachterrasse des Goliathhauses im Restaurant David fein speisen.

Höchste Kneipendichte nach Düsseldorf

Um den Watmarkt, die Wahlenstraße und den Kohlenmarkt, am Rathaus und am Haidplatz zeigt sich die aufpolierte Regensburger Altstadt von ihrer geschäftigsten Seite. Hier ballen sich die prächtigsten historischen Bauten mit zahllosen Läden, Lokalen und Cafés, davon fühlen sich allerdings alteingesessene Bewohner inzwischen auch geplagt - die "höchste Kneipendichte nach Düsseldorf" ist nicht jedermanns Freude.

Hinter der Grieb zum Beispiel - das war mal eine moderige, abblätternde Krummgasse, schwärzlich und desolat. Jetzt zeigt man hier stolz Italianità-Lebensgefühl, ein farbenfroh getünchtes In-Lokal reiht sich ans andere, die Tischchen in Gassen und Innenhöfen, die Clubs unter den mittelalterlichen Türmen brummen. Beim höchsten und bedeutendsten Geschlechterturm der Stadt, dem "Goldenen Turm" in der Wahlenstraße, sind Studenten in einem Uni-Wohnheim einquartiert, und im Baumburger Turm am Watmarkt dreht das ZDF regelmäßig Folgen der Krimiserie "Kommissarin Lucas". Der mittelalterliche Haidplatz ist allabendlich angesagte Flaniermeile, und im Café Wichtig, wie das Lokal in Kaiser Karls V. Herberge Goldenes Kreuz heute genannt wird, begutachten sich die hippen Stadtbewohner gegenseitig.

Auch auf Zeugnisse dunklerer Zeiten stößt man immer wieder. Im Hofraum von Hinter der Grieb 2 ist einer der zahlreichen "Judensteine" zu sehen, einer Frau namens Genele, der Tochter des Rabbi Jekutiel, gewidmet. Die hebräischen Grabsteine mauerten die christlichen Regensburger Bürger ab 1519 in ihre Hauswände ein, als demonstrative Jagdtrophäen nach der schmählichen Austreibung der großen Regensburger Judengemeinde und der Zerstörung des jüdischen Wohnviertels.

"Laus Deo", "Lob sei Gott", ließ der Kämmerer Caspar Aman in seinen Beutestein meißeln. An vielen Orten lassen sich die "Judensteine" noch entdecken: bei Hausnummer 7 am Neupfarrplatz, der auf den Trümmern des Judenviertels angelegt wurde, am Emmeramsplatz 11, in der "Neuen Waag" am Haidplatz. Im mittelalterlichen "Lochgefängnis" des Alten Rathauses hat man eine jüdische Grabplatte als Deckel eines Aborts entweiht. Oft ist die Rathausführung von Touristen überlaufen, sie lohnt dennoch sehr - nicht nur wegen des Grusels angesichts düsterer Kerker und der "Fragstatt", einer der authentischsten Folterkammern des deutschen Spätmittelalters.

Im Rathaus entfaltete sich Glanz und Glorie von Regensburgs Reichstagszeit (von 1454 bis 1806), als in den Sälen die Fürsten oder ihre Gesandten aus dem gesamten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zusammenkamen. Besonders beliebt waren zu Zeiten des Immerwährenden Reichstags die "Konfekttischlein", eine für die Stadt kostenintensive Vorform des Abgeordneten-Caterings: An den mit Wein, Süßigkeiten und Gebäck überhäuften Buffettischchen taten sich vor allem mindere Chargen, Sekretäre und Assistenten gütlich. Als dann ein betrunkener Protokollführer bei einer Sitzung in lautes Schnarchen versank, nahm man diesen Fauxpas dankbar zum Anlass, die Tausende von Gulden Sponsoring für die Konfekttischlein einzusparen. Heute müssen Gäste der Stadt die köstlichen Pralinen im Café Prinzess, Herstellung seit 1676 gegenüber dem Rathaus, selbst zahlen.

Wenn Sie jetzt ein wenig atemlos sind: Gleich um die Ecke vom wuseligen Rathausplatz wird es ganz ruhig - am "Roten Herzfleck" kann man entspannt auf einer grünen Insel rasten. Und auf dem wunderschönen, versteckten Spielplatz am Scheugässchen, mit Blick auf die Rückseiten der mittelalterlichen Wohntürme "Blauer Hecht", "Haus zum Pelikan", "Runtingerhaus", hört man nur das Oberpfälzisch junger Mütter: "Gehst etz her do, Bou!" Das ist das Schöne an einer Regensburger Altstadtwanderung: Immer wieder verliert man die touristischen Welterbe-Highlights aus den Augen, verläuft sich in den Winkeln der Einheimischen. Da trappelt man einsam durchs engbrüstige Gassengewirr: Überall bieten sich zufällige Einblicke durch Bogentore auf versteckte Innenhöfe, auf bauchiges, pastellfarbenes Mauerwerk. Wo die Altstadt stiller, vorstädtisch-einfacher wird, ist das Herumschlendern besonders angenehm.

Das melancholische Regensburg

In verschlafenen, noch nicht ganz durchsanierten Straßenzügen wie "Silberne- Fisch-Gasse" oder "Gässchen ohne End", zwischen den Antiquariaten um den Obermünsterplatz, im zur Donau abfallenden Quartier um Engelburger und Metgebergasse - überall dort ist die Aura des Gestrigen noch nicht durch massive Kneipendichte überlagert. Man kann sogar noch einen Rest des finsteren, melancholischen Regensburg erahnen, als das frühere Reisende die Stadt erlebten.

Weiter dann: Über den Bismarckplatz und dann gleich um die Ecke steht die Dominikanerkirche St. Blasius aus dem 13. Jahrhundert. Nur wenige Touristen finden in den wunderbar klaren, frühgotischen Innenraum, in dem schon der große mittelalterliche Theologe Albertus Magnus betete - leider sind Gewölbeschiff und Kreuzgang nur an Wochenenden zugänglich. Nur eine Kreuzung ist zu überqueren, dann steht man vor einem mächtigen Mirakel der Romanik, dem rätselvollen, figuren- und ornamentreichen Portal der Schottenkirche St. Jakob, einem der Hauptwerke des frühen Mittelalters nördlich der Alpen. Heute können wir nur staunen vor dieser archaischen Versammlung von Heiligen und Sündern, von geschwänzten Drachen und Hundwesen, schuppigen Greifen, glotzäugigen Dämonen und Meerweibern. An die 70 kunsthistorische Deutungsversuche der Symbolsprache gibt es, keiner von ihnen ist endgültig schlüssig. Am ehesten, so haben sich die Experten geeinigt, handelt es sich um ein großes Weltgerichtsszenario. Um den Kampf zwischen Himmelreich und Antichrist.

Haben Sie noch Zeit? Es ist nur ein Katzensprung von hier ins stille Quartier der "Westnerwacht". Das Viertel war immer eines der kleinen Leute und Handwerker; Wollwirker- oder Lederergasse heißen die engen Straßenzüge noch heute. Das Kuhgässel ist derartig schmal, dass die Legende glaubhaft klingt, nach der ein Rind hier einen Bäckerjungen an der Hauswand zu Tode gedrückt haben soll. Mittendrin im Viertel liegt die Kreuzschänke, eine verborgene Bierwirtschaft mit schattigem Gastgarten und vorstädtischem Charme.

An der Holzlände und nahe dem Eisernen Steg stößt man dann wieder auf die Donau und quert das Wasser zur Insel "Oberer Wöhrd". Dort drüben möchte man sofort einziehen in eines der hutzeligen Vorgartenhäuschen, den Strom immer vor Augen und die Altstadt vis-à-vis. Und dann möchte man in der Antn einkehren, der uralten Traditionswirtschaft Goldene Ente, zu der Touristen selten finden. Oder in der Alten Linde mit Kalenderbildaussicht auf Regensburgs Türme sitzen.

Am schönsten aber ist es, unten am schnell strömenden Wasser entlang zu wandern, unter der Steinernen Brücke hindurch, immer die triumphale Silhouette mit Domspitzen und Brückentor im Blick. Eine wunderbare grüne Auenlandschaft zieht sich da mitten durch die Stadt, eine naturbelassene, etwas krautige Wasser-, Weidengebüsch- und Wiesenszenerie mit vielen versteckten Uferplätzen für einsame Leser, Liebespaare und alte Freunde. Wildnis mit Welterbe im Blick. Und nur 309 Meter und 15 Bögen sind es über die Steinerne Brücke zur "Wurstkuchl". Die Füße sind müde, der Magen knurrt, und die sechs Rostbratwürschtl auf Kraut sind köstlich, aber klein, viel zu klein. "Also, san S' so gut, bringen S' zwölfe!"

 

Autor:
Renate Just