Regensburg Mein Bruder, der Papst

Vor ein paar Tagen erst ist er aus Rom zurückgekehrt. Danke, dem Papst gehe es gut, sie hatten schöne Tage miteinander, haben morgens zusammen die Messe zelebriert, sind mittags auf dem Dachgarten des Apostolischen Palastes spazieren gegangen und haben abends nach den Nachrichten ein bisschen geplaudert. Georg Ratzinger ist wieder daheim in seinem Haus mitten in Regensburg, mit den hohen Giebeln, den gerüschten Gardinen und den Blumenkästen voller roter Geranien. Aus dem Nebenzimmer hört man Frau Heindl, die Haushälterin, wie sie mit dem Rührbesen im Topf wirbelt, um zwölf ist Mittagessen, wie jeden Tag.

Ratzinger sitzt am Tisch in seinem Esszimmer, er trägt eine schwarze Wollweste und ein Hemd mit weißem Priesterkragen. In einer Ecke steht ein Spinett, auf dem er schon lange nicht mehr gespielt hat, Frau Heindl legt da jetzt die Post ab. Manchmal setzt er sich oben ans Klavier und spielt Stücke, die er auswendig kennt. Noten kann er nicht mehr lesen - er ist 85 Jahre alt und fast blind. 30 Jahre lang hat Ratzinger die Regensburger Domspatzen geleitet, den berühmtesten Knabenchor der katholischen Welt. Mit den Sängern trat er vor Königin Elisabeth II. auf und vor Ronald Reagan, gab Konzerte in New York und London. Doch wenn man sich heute für ihn interessiert, dann geht es meist um seinen drei Jahre jüngeren Bruder Joseph, den Papst.

"Das stört mich net", sagt er mit bayerischem Akzent. "Zwischen uns gibt es keinen Neid, kein oben und unten, wir sind einfach Brüder." Ja, Joseph sei der wichtigste Mensch in seinem Leben. Vom "Gefährten für meinen Lebensabend" hatte er kurz nach der Papstwahl gesprochen - und gefürchtet, ihn nun an das Amt verloren zu haben. Aber das sei übertrieben gewesen, sie sehen sich ja weiter regelmäßig. Drei, vier Mal im Jahr fährt er nach Rom, und zu Hause in der Luzengasse läutet einmal die Woche im Obergeschoss ein Telefon, das speziell für Gespräche mit dem Vatikan installiert wurde. Der Papst klingelt meist abends gegen halb neun durch, wenn er sein Tagesprogramm erledigt hat.

"Während der Arbeit macht er keine privaten Sachen", sagt Ratzinger. Als wäre sein Bruder nicht der letzte absolute Monarch Europas, sondern ein Beamter, der sich keine Unkorrektheiten erlauben darf. Anders als andere in der Umgebung von Papst Benedikt XVI. macht Georg Ratzinger sich nicht wichtig mit seiner Nähe zu ihm, will jeden Anschein des Spektakulären vermeiden. Wie der Papst als Kind war? - "Ein ganz normaler Bub." Wie redet er ihn an? - "Ich sag' Joseph zu ihm." Warum hat sein Bruder ihm die Ikone geschenkt, die drüben neben der Tür hängt und auf der Jesus mit dem Zöllner Zachäus zu sehen ist? - "Weil er sie halt übrig g'habt hat." Worüber sie bei ihren Treffen reden? - "Über Alltägliches, gemeinsame Bekannte, Erinnerungen aus der Jugendzeit."

Aufgewachsen sind die beiden, zusammen mit ihrer inzwischen gestorbenen Schwester Maria, in der Welt des oberbayerischen Kleine-Leute-Katholizismus. Der Vater, ein Gendarm, erzieht die Kinder streng und duldet wenig Widerspruch. Aber er erkennt früh Georgs musikalische Begabung, schenkt ihm Partituren und kauft ihm ein Harmonium für 241 Mark, was damals viel Geld ist. Die Familie besucht fast jeden Tag den Gottesdienst, an Feiertagen auch zweimal, die Kinder gehen gern mit. Ratzinger erzählt von Adventsmessen im Kerzenschein, von Festtagsgottesdiensten mit Blumen, Weihrauchwolken und kostbar bestickten Gewändern. "Danach gab's daheim immer ein schönes Frühstück, da war gute Laune allenthalben. Wir haben so viel Schönes erlebt in der Kirche. Es wäre uns gar nicht in den Sinn gekommen, dagegen zu rebellieren."

Bis heute fühlen sich die Ratzinger-Brüder der heiteren, selbstverständlichen Frömmigkeit ihrer Jugend verbunden. Im Herbst 1942 wird Georg zur Wehrmacht eingezogen. Seine Division kommt nach Italien, an der Küste südlich von Rom sollen sie die Alliierten zurückschlagen. Sie werden von den Amerikanern bombardiert, stundenlang, und als es aufhört, sagt Ratzinger zu dem Kameraden neben sich: "Du, wir müssen weiter - und da seh' ich erst, der hatte gar keine Hüfte mehr, der war schon längst tot." Er stockt einen Moment in seiner Erzählung, hält sich die Hände vors Gesicht.

"So sentimental waren wir nicht"

Im Sommer 1945 kehrt er aus amerikanischer Gefangenschaft in die Heimat zurück, schon von weitem sieht er die Mutter am Brunnen vorm Haus stehen. Er läuft auf sie zu, grüßt sie, voller Freude, aber ohne Umarmung - "so sentimental waren wir nicht". Dann geht er hinein, setzt sich ans Klavier - hier kann er seine Gefühle am besten ausdrücken - und spielt: "Großer Gott, wir loben dich." Schon vor dem Krieg wollte Ratzinger Priester werden, die Entscheidung war so selbstverständlich, dass er gar nicht sagen kann, wann er sie getroffen hat. "Man hat halt irgendwann gemerkt, das ist eine Aufgabe, zu der mich Gott vielleicht brauchen kann."

Gemeinsam mit seinem Bruder wird Georg am 29. Juni 1951 im Dom zu Freising geweiht. Wie er gehofft (und von Gott erbeten) hatte, erhält er Aufgaben, die Musik und Priesteramt verbinden, erst als Chordirektor in Traunstein, dann ab 1964 als Leiter der Domspatzen in Regensburg. Die ersten Jahre sind schwer: Zwei Neffen seines gestorbenen Vorgängers Theobald Schrems arbeiten im Haus und fühlen sich als die wahren Chefs. Ratzinger kann sich kaum durchsetzen ("Ich war a bissl schüchtern und hab' g'dacht, alle anderen sind klüger und tüchtiger als ich"). Die Probleme enden erst, als an einem Novembermorgen 1969 einer der Neffen tot unter der Nibelungenbrücke liegt, ob es Selbstmord oder ein Unfall war, ließ sich nie klären. Sein Bruder Joseph gibt im selben Jahr seine Professur in Tübingen auf und wechselt ins bravere Regensburg, gemeinsam mit seiner Schwester Maria, die ihm den Haushalt führt.

Regensburg wird die neue Heimat der Familie: Joseph baut sich in Pentling am Stadtrand ein Haus, in dem sich die Geschwister immer sonntags zum Kaffee treffen. Aber schon nach acht Jahren beginnt Josephs Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie: Er wird Erzbischof von München und Freising, dann Chef der Glaubenskongregation in Rom, verbringt aber bis zur Papstwahl mehrere Wochen im Jahr in Regensburg.

Georg Ratzinger bleibt bei den Domspatzen, bis er 1994 nach mehr als 1500 Konzerten und Gottesdiensten und mehr als 20 Platten-Einspielungen in den Ruhestand geht. Er tritt dem Stiftskapitel von St. Johann bei, einer Vereinigung von zurzeit sechs pensionierten Priestern, die ihm auch das Haus in der Luzengasse zur Verfügung stellt.

Auch heute ist sein Tag exakt eingeteilt. Ratzinger feiert mit den Kollegen werktags um sieben Uhr die Messe in der kleinen Stiftskirche neben dem Dom, freundlich betrachtet von seinem Bruder, dessen Bild auf einer mannshohen Kerze im Altarraum klebt. Danach frühstückt er daheim, hört Nachrichten auf Radio Bayern 4, und wenn - wie bei der Debatte über die Piusbrüder - der Papst kritisiert wird, "dann ärgere mich schon, jawohl". Am frühen Nachmittag geht er, einen weißen Stock in der Hand, eine halbe Stunde in der Fußgängerzone spazieren oder setzt sich auf sein "Heimtrainer-Radl". Mehrmals die Woche kommen ehemalige Domspatzen, eine Professorengattin oder "andere gute Leute" vorbei, tippen Briefe für ihn oder lesen ihm vor, etwa aus "Deutsche Geschichte" von Golo Mann.

"Der liebe Gott hat alles wunderbar gefügt in meinem Leben", sagt er. Nun müsse er nur noch eine Prüfung bestehen, die letzte, und sich auf das andere Leben vorbereiten, in dem es keinen Kummer mehr gibt und nichts Negatives. Die Gebete nicht vernachlässigen, das sei jetzt das Wichtigste, und den Jähzorn zügeln, vor allem den Jähzorn auf sich, wenn ihm mal wieder ein Name nicht einfällt oder eine Jahreszahl. Beerdigt werden will er auf dem Unteren Friedhof, neben seinem Vorgänger Schrems. "Der liegt da so allein, ich hör' ihn schon rufen." Sein Bruder wird bei den anderen Päpsten in den Grotten von St. Peter begraben, die Schwester liegt oben in Ziegetsdorf bei den Eltern. "Aber in der Ewigkeit sehen wir uns alle wieder, da hab' ich keine Sorgen." Er lacht leise, ein alter, fast blinder Mann hinter den gerüschten Gardinen seines Hauses. Es ist zwei Minuten vor zwölf, Frau Heindl hat das Essen fertig.

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Autor:
Oliver Fischer