Regensburg Gloria von Thurn und Taxis

MERIAN: Seit 1919 ist der Adelsstand in Deutschland abgeschafft, der Titel ein Teil des Namens. Was bedeutet Adel für Sie heute?

Fürstin Gloria von Thurn und Taxis: Es bedeutet, einer aussterbenden Spezies anzugehören. So etwas wie eine seltene Orchideen-Art.

MERIAN: Wie werden Sie üblicherweise angeredet?

Fürstin: Sie können Fürstin sagen. Formvollendet auch Durchlaucht.

MERIAN: Sie leben seit 29 Jahren in Regensburg, länger als irgendwo anders zuvor. Was empfinden Sie für die Stadt? Wie würden Sie Regensburg einem Fremden beschreiben?

Fürstin: Regensburg ist eine wunderschöne, mittelalterliche Stadt mit sehr vielen Sehenswürdigkeiten, einem regen kulturellen Angebot und voller köstlicher Restaurants und schöner Geschäfte.

MERIAN: Wie wichtig ist die Stadt für Sie persönlich? Sind Sie Regensburgerin oder eher Kosmopolitin?

Fürstin: Ich wohne sehr gerne in Regensburg. Natürlich verreise ich sehr viel, freue mich aber immer, wenn ich nach Hause komme.

MERIAN: Es scheint, als wäre die Stadt heute nur noch Ihr Arbeitsplatz?

Fürstin: Nein, der Arbeitsplatz ist das Schloss. Aber es ist auch keine Notwendigkeit, hier zu sein. Nehmen Sie die Wittelsbacher, die wohnen ja auch nicht immer in München.

MERIAN: Regensburg geht nur mit Gloria. Aber Gloria geht gut ohne Regensburg?

Fürstin: Nein, das ist übertrieben, aber ich bin schon sehr präsent im Schloss, auch wenn ich mal nicht da bin. Die Schlossfestspiele, der Weihnachtsmarkt, der Ausbau und die Erweiterung des Museums sind Initiativen, die von mir kommen. Ich bin stolz darauf, aus dem Schloss einen Magneten für die Gäste Regensburgs machen zu dürfen.

MERIAN: Ihr bisweilen ironischer wie mutiger Umgang mit Traditionen hat Sie zur prominentesten Adligen in Deutschland gemacht. Sie haben immer glänzend mit den Medien gespielt. Eine ideale PR-Frau also. Könnten Sie dieses Talent nicht auch in den Dienst der Stadt stellen?

Fürstin: Im Grunde mache ich das ja schon seit Jahren, schließlich sind meine öffentlichen Auftritte auch immer ein bisschen Werbung für die Stadt: Ich bin bekannt als "die Gloria aus Regensburg".

MERIAN: Die politische Bedeutung der Familie hat mit Regensburg begonnen. Gäbe es da nicht noch mehr, was Sie für die Stadt tun können?

Fürstin: Das ist nicht ganz richtig, die Familie TT hatte schon in Brüssel und später in Frankfurt sehr wichtige politische Funktionen inne. Nur durch diese war der Aufstieg zum prestigiösesten Amt des Prinzipalkommissars zu Regensburg erst möglich geworden. Heute sind wir zivile Bürger wie andere auch. Es sei denn, ich würde in eine Partei eintreten. Aber das will ich vorerst nicht.

MERIAN: Wie engagiert sich Ihr Haus für die Stadt?

Fürstin: Unser Engagement ist sehr vielfältig. Hervorheben möchte ich die Notstandsküche, die seit dem Ersten Weltkrieg jeden Tag eine warme Mahlzeit für zirka 300 bedürftige Menschen in Regensburg ausgibt. Diese Einrichtung ist einmalig. Darüber hinaus ist die fürstliche Hofbibliothek seit dem Jahr 1786 öffentlich zugänglich und damit ein enormer Beitrag zur öffentlichen und insbesondere akademischen Bildung. Außerdem, und das ist wahrscheinlich der aufwendigste Beitrag, haben wir Schloss St. Emmeram für das breite Publikum geöffnet. Wir bewirtschaften dort vier Museumseinheiten: den Marstall mit den wunderschönen Kutschen, die fürstliche Schatzkammer des Bayerischen Nationalmuseums, den Kreuzgang des ehemaligen Klosters St. Emmeram und das Schlossmuseum mit den wunderschönen Prunkräumen. Diese Räume öffentlich zugänglich zu machen, ist ein enormer, kostspieliger Aufwand.

MERIAN: Die Auslastung des Schlosses scheint Ihnen sehr wichtig zu sein.

Fürstin: In meinem Leben nimmt Emmeram 80 Prozent meines Engagements ein.

MERIAN: Unter Kaufleuten sagt man: "Ein Geschäft muss sich rechnen." Rechnet sich das Schloss?

Fürstin: Nein, nein, ein Schloss wird sich nie rechnen. Es kann sich gar nicht rechnen, es lebt ja von seinem ideellen Wert, von der emotionalen Bindung. Ich kann hier nicht mit dem spitzen Bleistift rechnen, weil da sehr viel Tradition dranhängt. Und Liebe. Man kann das Schloss mit einem in Liebe geführten Familiebetrieb vergleichen, da wird auch mehr reingesteckt als rauskommen kann.

MERIAN: St. Emmeram war vor dem Umbau ein Klosterkomplex. Wie lebt es sich in einem scheinbar unbewohnbaren Kasten mit mehr als 500 Zimmern?

Fürstin: Ich bewohne im Schloss eine Wohnung, die für meinen Mann und mich in den 80er Jahren eingerichtet wurde. Aber ich arbeite unermüdlich daran, leerstehende Teile einer weiteren Nutzung zuzuführen. Denkbar wäre, weitere Räume auch gewerblich zu nutzen. Der größte Teil des Schlosses wird heute schon als Büroraum genutzt, schließlich sind wir mitten im Zentrum von Regensburg. Ich kann mir auch vorstellen, eine Schule oder ein Seniorenstift ins Schloss zu holen.

MERIAN: Der Königin Marie Antoinette war Versailles zu unpersönlich. Sie flüchtete nach Petit Trianon. Wo wohnen Sie, wenn Sie fröhlich sein wollen?

Fürstin: Ich verbringe die kältesten Wintermonate in Kenia. Außerdem habe ich eine kleine Wohnung in Rom.

MERIAN: Wie groß ist Ihr Wohnbereich? Wie sehen Ihre Privaträume aus? Haben Sie als Kennerin moderner Kunst auch solche im Schloss hängen?

Fürstin: In meiner Wohnung in Regensburg hängt viel zeitgenössische Kunst. Auch in Rom habe ich meine Bilder aufgehängt. Ich liebe moderne Kunst und umgebe mich im Alltag gerne mit ihr.

MERIAN: Ist es schwer, ein Schloss wie St. Emmeram für die Nachwelt zu erhalten?

Fürstin: Oh ja! Das erfordert unheimlich viel Engagement und Einsatz, vor allem von unseren Mitarbeitern. Wir könnten das Schloss gar nicht so in Schuss halten, wenn wir es nicht alle lieben und gerne dort arbeiten würden.

"Man erzieht heute keine Fürsten mehr."

MERIAN: Welche Rolle spielen dabei Brautmodenschauen im Schloss, Einrichtungsausstellungen im Park oder die Thurn-und-Taxis-Schlossfestspiele?

Fürstin: Diese Events sind wichtig, um mehr Publikum anzulocken. Ein Dornröschen- Schloss stirbt irgendwann. Wir müssen versuchen, St. Emmeram als Austragungsort für verschiedenste Ereignisse attraktiv zu machen.

MERIAN: Es gab Pläne, Teile des Schlosses in ein Fünf-Sterne-Hotel umzubauen. Warum wurden sie nicht realisiert?

Fürstin: Weil der Umbau zu teuer geworden wäre und die Hotelbetreiber-Gesellschaft den Umbau nicht alleine schultern wollte. Ich wäre froh gewesen, wenn es geklappt hätte, aber leider können wir so ein großes Projekt nicht aus eigener Tasche finanzieren.

MERIAN: Sie sagten einmal, Ihr Mann habe ein "anachronistisches Leben" geführt.

Fürstin: Das habe ich nie gesagt. Außerdem stimmt es nicht. Mein Mann stand mitten im Leben. Er war ein Grandseigneur. Aber das ist kein Anachronismus, auch wenn Grandseigneurs leider auszusterben scheinen.

MERIAN: Was meinen Sie damit? Was hat sein Auftreten geprägt?

Fürstin: Mein Mann wurde 1926 geboren, ich 1960. Er hatte also einen Epochenwechsel erlebt, den ich nur aus Büchern kenne, zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg. Oder auch die Zeitgeist-Revolution der 60er Jahre - da war er um die 40. Sicher hat ihn das auch geprägt.

MERIAN: Sie haben auch einmal gesagt: "Es ist mein Stolz und mein ganzer Ehrgeiz, … eine gute Fürstin zu sein". Was macht heute eine gute Fürstin aus?

Fürstin: Ich glaube, dass mein persönliches Engagement für die Familie und das kulturelle Erbe des Hauses der Beitrag ist, der meine Zeit als Fürstin prägt.

MERIAN: Wie erzieht man einen Sohn zum Fürsten?

Fürstin: Man erzieht heute keinen Fürsten mehr. Heute geht es vor allem darum, den Kindern Verantwortungsbewusstsein einzuprägen. Für die Familie, aber auch für die Gesellschaft. Im christlichen Abendland spielt die Verantwortung für die Mitmenschen eine wichtige Rolle. Dieses Erbe dürfen wir nicht verschleudern. Das ist und war mir in der Erziehung immer wichtig.

MERIAN: Auf welche Werte kommt es an? Hat der Adel andere Werte als die bürgerliche Gesellschaft?

Fürstin: Nein. Der Adel hat vielleicht ein ausgeprägteres Geschichtsbewusstsein, und daher leben die Vorfahren auch als Vorbilder, manchmal auch als abschreckende Beispiele in der Familiengeschichte immer fort. Man ist also entweder auf seine Vorfahren stolz und möchte sie nachahmen. Oder aber man versucht, es besser zu machen. Das Bewusstsein dafür ist im Adel vielleicht stärker als im sogenannten Bürgertum. In jedem Fall geht es beim Adel sehr viel um Herkunft und Geschichte. Das ist meiner Meinung nach der wesentliche Unterschied.

MERIAN: Ihr Sohn Albert II. ist volljährig, führt heute die Geschäfte des Hauses. Haben Sie sich bereits aus der Führungsetage verabschiedet?

Fürstin: Mein Sohn arbeitet in der Investmentbranche und bildet sich nebenbei noch weiter als Finanzanalytiker. Wichtige Entscheidungen für das Haus fällen wir gemeinsam.

MERIAN: Könnten Sie hinnehmen, wenn Ihr Sohn nicht standesgemäß, also adlig, katholisch, jungfräulich, heiratet?

Fürstin: Um Gottes Willen, was haben Sie denn für Vorstellungen? Mein Sohn ist alt genug, um zu wissen, was er tut. Ich mische mich nicht in seine Herzensangelegenheiten ein, es sei denn, er würde mich um Rat fragen.

MERIAN: Womit beschäftigen Sie sich derzeit vor allem?

Fürstin: Im Augenblick konzentriere ich mich auf die Regensburger Schlossfestspiele und bereite mich auf meine Rolle als Gastgeberin und Schauspielerin auf das Stück "Pippi Langstrumpf"vor.

MERIAN: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Fürstin: Das lasse ich auf mich zukommen. An Arbeit fehlt es nicht, und ich freue mich auf neue Herausforderungen.

MERIAN: In einer Hamburger Zeitung stand vor Jahren über Sie: "169 cm groß, 52 Kilogramm, Augen rehbraun, kleine Nase, schöne Beine, Haarfarbe wechselnd, Hobbys: schwimmen, reiten, Ski laufen, mit Kindern spielen, lachen, telefonieren, reisen, tanzen. Und Schlagzeilen machen." Was stimmt davon heute noch?

Fürstin: Also, telefoniert habe ich nie gerne, getanzt und geschwommen auch nicht. Ich spiele gerne Tennis, liebe jede Form von Wassersport, lese gerne. Mit Kindern spiele ich immer noch gerne und lachen tue ich auch sehr viel. Reisen macht auch noch Spaß, nur Ski laufen habe ich aufgegeben, nachdem die Pisten so voll sind und ich die Kälte nicht mehr so gut ertragen kann.

Autor:
Charlotte von Saurma