Oberpfalz Eva Demski über Regensburg

Jedes Mal, wenn ich nach Regensburg komme, fange ich an zu suchen, es ist wie ein Zwang: Was ist gleich geblieben? Was hat sich verändert? Bei jeder Veränderung beginne ich zu trauern. Wenn ich dem entgehen will, muss ich irgendwo hinaufsteigen oder von vornherein mein Hotelzimmer in der Altstadt im oberen Stock buchen: Dann gehe ich stundenlang mit Blicken über den Dächern spazieren und werde ruhig und glücklich.

Ich erkenne sie wieder, die Zinnen und bunten Schindeln, die Moospolster, Wasserspeier und Uhren, die Turmhauben und das steinerne Spitzenmuster des Doms, die Gauben und Dachfenster, hinter denen damals die armen Leute wohnten mit ihren zerschlissenen Küchenhandtuchgardinen und heute vielleicht Studenten oder Künstler. Manchmal stört mich eine einfarbig rote Ziegelfläche, reinregnen lassen will man es nicht, das verstehe ich. Warum aber die Ziegelfabrikanten stolz darauf sind, dass ihre Produkte bis in Ewigkeit die gleiche Farbe behalten, verstehe ich nicht.

Nein, die Vergangenheitsverklärung soll nicht schon wieder ihre Krallen in mein Herz schlagen, deswegen schaue ich zustimmend das Riesenhaus an, das jetzt so schön kaisergelb und sauber in der Gesandtenstraße steht und alle Blicke auf sich zieht. Einst war es fast unsichtbar trotz seiner Größe, ein schwärzlich graugelber, seit Jahrhunderten stumm dahinsiechender Saurier, in dem ich lebte, wann immer ich in der Stadt war. Ich habe nie etwas aus Stein so geliebt wie das Zanthaus, das jetzt "Schnupfe" heißt, obwohl seine Zeit als größte Schnupftabakfabrik Deutschlands nur einen kleinen Teil seiner Existenz ausmacht.

Vor einem Vierteljahrhundert hatte unsere gemeinsame Geschichte ein scheinbares Ende. Mein Onkel Hans Weiß, bei dem ich immer Obdach, Leberknödelsuppe, Wein und Zuspruch gefunden hatte, wenn ich etwas davon oder alles zusammen brauchte, war gestorben, und mit ihm der letzte wirkliche Bewohner des mächtigen Baus. Für ihn war es normal gewesen, inmitten Hunderter leerer Räume mit maroden Rokokostuckdecken, staubigen Jugendstiltapeten und unter uraltem Putz schlummernden Renaissancefresken zu leben. Er war Prokurist der Schnupftabakfabrik gewesen, über dies hinaus familiär mit dem Besitzer auf komplizierte Art verbandelt. Wohnrecht hatte er auf Lebenszeit.

Generationen von Münchner Denkmalsschutzbeamten hatten das Gemäuer verschüchtert wieder verlassen, hier mal was vermessen, da mal was freigelegt. Onkel Hans hatte ihnen stoisch zugeschaut und mit den Achseln gezuckt. Ihm war der unerforschliche gotische Bau, diese fraglos größte Patrizierburg nördlich der Alpen, längst eine vertraute Heimat. Anderswo zu leben, konnte er sich nicht vorstellen.

Das Dach, eine riesige Landschaft aus Schrägen, Türmen und Gauben, war einigermaßen dicht, das war das Wichtigste. Man hatte ein mehr als spartanisches Bad, später im Leben einen einigermaßen funktionierenden Ofen und, Gipfel des Luxus, ein Klo, zu dem man nicht wie jahrzehntelang gewöhnt, Hunderte Meter entlang und viele Treppen hinunter und auf dem Rückweg wieder hinauf durch Nacht und Kälte zu tappen brauchte. Wegen der dicken Mauern und der schwierigen Installation galt es als das teuerste Klo Regensburgs, was man ihm wirklich nicht ansah. Die Heizung reichte gerade, dass es nicht einfror.

Geheimnisvoll, rau und abweisend

Jetzt ist die schöne "Schnupfe", jahrelang mutig renoviert und nach Hunderten von Jahren energisch in die Gegenwart katapultiert, vollgepackt mit schicken Wohnungen, die alles haben, was der Mensch für unverzichtbar hält. Ich stehe vor meinem bis zur totalen Fremdheit verjüngten Haus, beobachte hübsche junge Leute im neuen Kaffeehaus und erkenne jene Gewölbe, durch die man damals in die unkrautüberwucherten, stillen Höfe kam.

Es ist ja gut, dass es wieder lebt. Man hätte es nicht mehr länger auf diese Art vor sich hin sterben lassen können. Und doch, und doch: Da ist sie wieder, diese Traurigkeit, dieses unabweisbare Gefühl, etwas verloren zu haben, nicht nur von diesem wiederbelebten Haus, sondern von der ganzen Stadt.

Es liegt wohl an mir, denn Regensburg zeigt sich bunt und jung, lebendig und heiter, und die vielen alten Häuser sind anständig geschminkt und hergerichtet, was fast allen richtig gut steht. Es gibt allenthalben schöne, italienisch anmutende Plätze, auf denen die unvermeidlichen Kunstsünden stehen, die außer mir keinen stören. Die alte Stadt trägt den Wünschen der Jetztzeit, nach Verfügbarkeit und Amüsement souverän Rechnung. Vielleicht ist es das, was mich so verwirrt.

Früher war sie geheimnisvoll, rau und abweisend gewesen. Sie verbarg, was sie zu bieten hatte. Man musste es sich erkämpfen und nach ihren Schönheiten beharrlich suchen. Das Regensburg von früher war eine dunkle, gekränkte Stadt, von ihrer einstigen Weltgeltung als Sitz des Immerwährenden Reichstags längst in die Bedeutungslosigkeit versunken. Eine uralte Ansiedlung an der Donau, die sich selbst so wenig zu lieben und zu achten schien, dass um 1850 unersetzliche Archivalien, Geburts- und Sterberegister, Kauf- und Erbverträge und vieles andere einfach makuliert wurden. Ein großer Teil der dokumentierten Stadtgeschichte wurde so zum Verschwinden gebracht.

Es war noch lang nach dem Krieg zu spüren: Die Geschichte, die Tradition, das kulturelle Erbe, an dieser Stelle der Donau noch dichter gepackt als anderswo, war hauptsächlich eine Last. Die Menschen freuten sich nicht, wenn bei Bauarbeiten in ihren Häusern eine Madonna, silberne Taler aus dem Dreißigjährigen Krieg oder ein Brunnen entdeckt wurde. Sie seufzten. Und wenn sie was Römisches fanden, schütteten sie es schnell wieder zu. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, jetzt glänzt die Stadt mit ihrem Reichtum, sie stellt ihn zur Schau und wird dafür geliebt. Ich sollte froh sein, dass ihr allenthalben wieder Leben eingehaucht worden ist!

An einem Juliabend vor ungefähr 30 Jahren saß ich im Zanthaus, in jenem düster möblierten, hundert Quadratmeter großen Wohnzimmer. Ich war allein zwischen mehr als 300 Räumen, manche davon waren ein paar Generationen lang von niemandem mehr betreten worden. An dem Abend ging ein mächtiges Gewitter über der Stadt nieder.

Der sonst nicht zu übertriebener Zärtlichkeit neigende Hund Toni war mir bei einem besonders heftigen Donnerschlag auf den Schoß gekrochen. Um mich herum knackste, ächzte und flüsterte das riesige Haus, die alte Stadt schien sich unter dem Regen und dem Licht der Blitze zu ducken. Es war, als gäbe es keine Zeit mehr, als wären der Hund und ich mitten in längst vergangenen Jahrhunderten gelandet. Es war, ich kann mich gut daran erinnern, ein merkwürdiges Gefühl. Toni und ich versicherten einander, dass es keinen Grund zum Fürchten gäbe. Am nächsten Tag lagen Ziegel in der Tiefe der engen Gassen, und ich hatte wie so oft in Regensburg das Gefühl, von Geheimnissen umgeben zu sein.

Vielleicht ist es das, was ich insgeheim vermisse, wenn ich auf die wunderbar helle, heitere, Menschen anlockende und eleganten Menschen Heimat bietende "Schnupfe" schaue. Früher brauchte man hier nicht an Geister zu glauben, um ihre Anwesenheit zu spüren! Wo sie geblieben sind, im bunten, schnellen 21. Jahrhundert, weiß ich nicht. Vielleicht haben ein paar von ihnen Zuflucht gefunden, unter den Dächern der alten Stadt Regensburg.

Autor:
Eva Demski