Regensburg Drei Touren an der Donau

Walhalla - Materialschlacht für deutsche Helden

Ein seltsames Gefühl beschleicht mich, während ich durch den Säulengang wandele. Er konfrontiert mich mit Dimensionen, die aus mir eine Zwergin machen. Einen altnordischen Heldenhimmel, Valhall, zitiert die Walhalla: ein Jenseits mit Bier und Met, die ruhmreichen Recken nach ihrem irdischen Sein von Walküren gereicht wurden. Ein Monument, das an Bombast schwer zu übertreffen ist.

Und so sollte es auch wirken, denn nicht nur der Name gefiel Ludwig I. von Bayern, als er beschloss, die Walhalla, diesen Ruhmestempel für Helden des deutschen Geistes- und Militärlebens zu bauen. Als Heiligtum für eine zersplitterte Nation ohne Schlachtenglück und Selbstwertgefühl. Er beauftragte Leo von Klenze, der in zwölf Jahren schlankerhand den Athener Parthenon etwa zehn Kilometer von Regensburg entfernt nachbaute. Eine gigantische Materialschlacht in Marmor, ein steinernes Brimborium entstand so bei Donaustauf, hoch über dem Fluss. Sprechende Architektur, die den Besucher über 358 Stufen in den Ruhmeshimmel führt.

1842, bei der Einweihung des weltlichen Tempels, sprach Ludwig I. seine Hoffnungen aus: "Möchte Walhalla förderlich seyn der Erstarkung und der Vermehrung teutschen Sinnes! Möchten alle Teutschen, welchen Stammes sie auch seyen, immer fühlen, daß sie gemeinsames Vaterland haben. Und jeder trage bei, so viel er vermag, zu dessen Verherrlichung!" Fast 200 Büsten und Gedenktafeln bedeutender Persönlichkeiten "teutscher Zunge" finden sich im Innenraum - noch immer darf jeder Vorschläge einreichen, wem eine Büste zu errichten sei.

Martin Luther, Richard Wagner, Albert Einstein, deutsche Größen aller Genres sind hier versammelt. William Turner hat die Einweihung der Walhalla gemalt und Adolf Hitler hat hier posiert. So viel nationaler Überschwang weckt bei manchem Besucher gemischte Gefühle. Ich halte dann doch den Atem an, beim Blick hinab ins Donautal: Der ist in der Tat grandios und berückend, man sieht den majestätischen Fluss, die wogende Landschaft, die sich bis ins Unendliche dehnt. Ich gehe die Treppen herunter, Stufe um Stufe, verlasse Valhall und finde mich bald in den irdischen Maßstäben der Donauauen wieder. Am Fluss entlang führt ein etwa zweistündiger Spaziergang nach Bach, einem Örtchen, das dem Walhalla-Gigantismus mit ganz anderen Maßstäben begegnet: Es ist eins der kleinsten Weinbaugebiete Deutschlands.

Auf nur vier Hektar wird der Baierwein erzeugt, der hier nachweislich seit dem 7. Jahrhundert angebaut wird und nur im heutigen Altbayern wächst. Ich setze mich in eine Weinstube - die älteste am Ort - und trinke vom örtlichen Landwein, von dem so wenig hergestellt wird, dass er gar nicht erst auf der Karte steht. Rund, leicht säuerlich, süffig und grundehrlich läuft mir der Wein die Kehle herab. Und zufrieden denke ich an das mythische Valhall, in dem zwar Walküren den Met servieren, aber nur, wenn man heldenhaft in der Schlacht verschieden war. Und freue mich: an der Kellnerin, die ein weiteres Glas bringt, am Griebenschmalzbrot - und an der heiteren Diesseitigkeit.

Kallmünz - Malerwinkel in bester Lage

Der Ort ist wie gemacht für eine Künstlerromanze. Wassily Kandinsky und Gabriele Münter feierten hier 1903 ihre "Kallmünzer Verlobung". Der Zweiklang aus Fels und Fluss und das sehr eigene, italienisch anmutende Flair zieht Träumer und Künstler magisch an. Mich auch. Schon die Fahrt dorthin ist ein Genuss und dauert von Regensburg aus kaum eine halbe Stunde.

Ich überquere die Donau, folge ihr ein paar Kilometer flussaufwärts und komme bei Mariaort mit seiner fast 800 Jahre alten Wallfahrtskirche ins Naabtal. Ab Etterzhausen und seinem verwunschenen Schloss geht es immer am Fluss entlang durchs Tal. Schroff aufragende Felsen geben der Naab etwas Dramatisches, schwungvolle Mäander mit turmhohen Klippen im satten Grün der Uferhänge, dazu eine romanische Wehrkirche in Penk und in Pielenhofen die elegante Barockfassade des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters. Noch ein letztes Mal an Altwässern und Wegkapellen am Fluss entlang, dann thront die mächtige Ruine der Kallmünzer Burg über dem Tal.

Ich parke neben der Brücke über die Vils. Das Flüsschen bringt eilig die letzten Meter bis zur Mündung in die Naab hinter sich, hinter ihm die lauschigen Gärten der Häuserzeile und das wuchtige Felsenpanorama, an das sich die Vilsgasse in sanften Schwüngen schmiegt. Das Wirtshaus Zur Roten Amsel kommt in Sicht, einst Quartier des berühmten Künstlerpaares. Kandinsky hatte hier eine Malschule veranstaltet und Münter schloss sich ihm an. Ein Sommer, in dem sich die beiden sehr heimlich und daher spannend - Kandinsky war noch verheiratet - die Ehe versprachen, zu der es niemals kam.

Mein Spaziergang zeigt mir stilvoll und ohne Zuckerglasur renovierte Häuser, ein stimmiges Nebeneinander von Neu und Alt, die Felsen überragen den Ort und beleben ihn, sei es im "Haus ohne Dach", das in eine Steilwand gebaut ist, sei es in der "Galerie am Fels", wo das innige Tête-à-tête von Hauswand und Fels zum innenarchitektonischen Unikum wird. Hoch über den Felsen, etwa eine Stunde zu Fuß, thront die Burgruine, wer jedoch den Weg scheut, findet unten das Raitenbucher Schloss, das genauso alt ist wie die Burg, aber in unzerstörter Wucht dasteht. Die Raitenbucher haben es gebaut, ein altes Oberpfälzer Geschlecht, dessen Wappen, wie sie behaupten, Grundlage des heutigen Wappens Benedikts XVI. ist.

Hat man Glück, ist der Biergarten der Schlossschänke Palmié direkt am Jurafels geöffnet. Weiter gehe ich zum Alten Rathaus mit dem markanten Glockenturm und dem Oskar-Koller-Museum im ersten Stock, um das hart gerungen wurde: ein Kampf, der sich lohnte, das Museum ist ein Schmuckstück. Der Maler Koller hat hier zwar nie gearbeitet, aber seine Mutter stammte aus Kallmünz.

Ich schlendere auf die alte Naabbrücke und verweile bei der Steinfigur des heiligen Nepomuk - während unten der Fluss übers breite Steinwehr rauscht und der Blick hinaus in die unverbaute Landschaft geht. Zeit zur Pause, ich kehre ein. Urig ist's in der winzigen Wirtsstube des Bürstenbinder bei einer Portion "Bauchstecherla", so heißen die Fingernudeln aus Mehlteig auf Oberpfälzisch, dazu wird "Zoigl"-Bier getrunken. Das Zeichen der Hausbrauerei ist überraschend, es sieht aus wie ein Davidstern, ist aber keiner, sondern ein aus dem Mittelalter überkommenes Handwerkszeichen, das sich hier erhalten hat: der "Zeigl"-Stern, der den Weg zur Wirtschaft zeigt, in der Zoigl-Bier ausgeschenkt wird.

Auch am Goldenen Löwen sehe ich ihn, das Gasthaus liegt nur ein paar hundert Meter die Naab hinab. Egal ob Speisekarte, Gaststube, Festsaal, Innenhof oder der Garten - das Haus der Familie Luber ist ein Gesamtkunstwerk. Regelmäßig finden hier Lesungen und Vernissagen statt, und wer erkunden will, wie bodenständig-delikat die feine Oberpfälzer Küche - etwa "Drahdewixpfeifferla" oder "Goasbratl" - schmecken kann, ist hier richtig. Wer's elsässisch inspiriert bevorzugt, gehe in die Vilsgasse und probiere in den Münter-Stuben Jutta Kolbs vielgerühmte Speisen oder nehme eine Apfeltarte zum Kaffee. Ihr Garten zieht sich in Terrassen bis hoch in den Fels. Dort, ganz oben, suche mir einen Platz und bleibe sitzen, bis das Abendlicht die Dächer vergoldet.

Kloster Weltenburg - Naturpanorama mit himmlischem Bier

Die kühle Donau unter uns, ihr sattgrünes Schwappen, über uns ein weißblauer Himmel. Rechts thront behäbig die Befreiungshalle auf dem Kelheimer Michelsberg. Das Ausflugsschiff stampft stromaufwärts, den Donaudurchbruch entlang - jenen Flussabschnitt, an dem sich die Donau in Tausenden Jahren durch die Kalksteinfelsen gewälzt hat. Eng ist ihr Lauf hier, die Ufer sind von dichtem, grünen Wald bestanden, Weiden durchkämmen das Wasser, aus dem ein moosiger, süßweicher Duft steigt, Birken recken ihre Äste wie Zauberfinger in die Luft. Karstige Felswände ragen hundert Meter hoch, sie schaffen einen monumentalen Rahmen.

Die Donau ist tief hier, 20 Meter sind es bis zum Grund, sie ist tückisch und verwirrend und schnell, von Strudeln durchsetzt, die ihre Opfer hinab in diese Tiefen ziehen. Ängstlich näherte man sich dem Fluss hier, erst die Kelten, dann die Römer, die eine lederne Hängebrücke über die gurgelnden Fluten spannten. Im Mittelalter zog man die Salzkähne an dicken Seilen Meter um Meter vorwärts, erst auf den Treidelpfaden von Pferden gegen die Strömung, dann an eiserne Ringe geknüpft, die in der "Langen Wand" in den Felskarst eingelassen waren. "Feindliche Brüder" heißen die bizarren Felsformationen oder "Räuberfels".

Ein entwurzelter Baumstamm ragt ins Wasser, eine Wildente sitzt darauf, ihr Quaken bricht sich als Echo in der Schlucht. Schattige Kiesbänke säumen das Ufer, dann wieder Grasstücke, von der Sonne betupft. Ein tiefer, dunkler Zauber liegt über dem rund fünf Kilometer langen Durchbruch zwischen Kelheim und dem Kloster Weltenburg. Einen letzten, machtvollen Schlenker vollführt die Donau, dann steht es vor uns, gewaltig und licht, wie ein Bannspruch: Kloster Weltenburg.

Vor fast anderthalb Jahrtausenden wurde es hier gegründet, in einer Donauschlinge, die dieses Kloster wie ein Schmuckband umfließt. Es ist ein besonderer Ort, an dem die Benediktinerabtei errichtet wurde - einer, dem mancher geheimnisvolle Kräfte zutraut. Unter der Frauenbergkapelle beim Kloster soll man einen keltischen Kultplatz gefunden haben, auf dem wiederum ein römischer Minervatempel errichtet war. Darauf sitzt nun die Kapelle. "Ecclesia triumphans!" - Die triumphierende Kirche!

So heißt es im Deckenfresko der Klosterkirche, ein Barock-Rausch, ein Geflirre von Farben, ein Überborden von Form und Gebärde. Da hängen plastische Wolken wie steinerne Daunenkissen vom Kirchenhimmel, ein heiliger Georg ersticht am Altar mit Verve einen züngelnden, lebensecht wirkenden Drachen. Daneben reißt eine Frau im Festgewand die Arme in stummem Entsetzen nach oben. Eine Deckenmalerei zeigt ein Netz, in dem Gott Hunderte anatomisch korrekt gemalte Herzen entgegengebracht werden. Und aus dem Dunkel des Kirchenraums wird der Blick hinauf gelenkt in das himmlische Jerusalem, je höher, desto heller - als wollten die Brüder Cosmas Damian und Egid Quirin Asam, die bis 1735 die Kirche gestalteten, auch die Seelen der Gläubigen emporheben, hinauf, hoch in die Transzendenz.

Über knirschenden Kies geht es dann in die Klosterbrauerei von Weltenburg. Im Jahr 1050 urkundlich erwähnt, gilt sie als die älteste der Welt. Aus Hopfen und Malz brodelt ein Sud hier, der Kennern ein vorfreudiges Schlucken in die Kehlen treibt. Bier hat in den Klöstern Tradition - war es doch, weil flüssig, während den Fastenzeiten als Stärkung erlaubt. Die stählernen Kessel und Röhren sind heute elektronisch gesteuert, die Rezeptur wird akribisch befolgt.

Fröstelnd steigt man die Stufen aus dem Felsenkeller wieder nach oben, wo im Biergarten die Sonne ihre Strahlen durch das Kastanienlaub auf die Tische wirft. Ein Weltenburger Bier bestellen, das im ausladenden Krug dunkelschäumend serviert wird, dazu Schweinsbratwürste mit Brezel, Senf und Kraut. Eine Blasmusik spielt, durch die Pforte schimmert das Grün der Donau herein. Es scheint, als hätte sich der Himmel heute einmal hinab auf die Erde begeben.

 

Schlagworte:
Autor:
Verena Lugert